Regierungskritisches Onlineportal Russische Polizei durchsucht Wohnungen mehrerer Investigativjournalisten

Mit Enthüllungen brachte die Plattform »Proekt« in Russland Politiker und Prominente in Erklärungsnot. Nun hat die Polizei mehrere Wohnungen durchsucht und Mitarbeiter festgenommen.
Polizisten in der Wohnung Maria Scholobowas

Polizisten in der Wohnung Maria Scholobowas

Foto: Pavel Golovkin / AP

»Wie Wladimir Putin kam, um für immer zu bleiben« und »Der Mann, der im Kreml die russischen Medien kontrolliert«: Wenn sich die russische Rechercheplattform »Proekt.media« eines Themas annimmt, sind die Enthüllungen für die Mächtigen des Landes selten schmeichelhaft. Nun geht die russische Polizei mit Härte gegen Mitarbeiter des Portals vor.

Wie das Online-Medium selbst mitteilte, wurden die Wohnungen mehrerer Investigativjournalisten durchsucht. Betroffen waren demnach unter anderem die Wohnungen des Chefredakteurs Roman Badanin und der Journalistin Maria Scholobowa. Vize-Chefredakteur Michail Rubin wurde den Angaben zufolge bei einer Durchsuchung in der Wohnung seiner Eltern festgenommen.

»Proekt« stand offenbar vor der Veröffentlichung einer Recherche über Innenminister Wladimir Kolokolzew. Das Portal kündigte nun über den Onlinedienst Telegram an, die Recherche trotz des Vorgehens der Polizei publizieren zu wollen.

Badanin ist Verdächtiger in einem Verleumdungsfall aus dem Jahr 2017, wie seine Anwältin dem unabhängigen TV-Sender Doschd sagte. Zu der Zeit war Badanin selbst noch Chefredakteur des Senders und arbeitete unter anderem mit Scholobowa an einem Film über angebliche Verbindungen des Geschäftsmanns Ilya Traber zu Präsident Wladimir Putin.

Das Innenministerium bestätigte, dass die Durchsuchungen im Zusammenhang mit den Verleumdungsvorwürfen stehen. Laut dem Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation Agora, Pawel Tschikow, lief die Verjährungsfrist in dem Fall allerdings bereits 2019 ab.

Druck auf unabhängige Medien steigt

Mit dem Vorgehen gegen »Proekt« erhöht der Kreml den Druck auf die letzten verbliebenen unabhängigen Medien weiter. Erst im April war das russische Nachrichtenportal »Meduza« mit Sitz in Lettland als »ausländischer Agent« eingestuft worden. Medien mit dieser Einstufung müssen in Russland ihre Finanzierung offenlegen. Laut den betroffenen Journalisten wirkt das abschreckend auf Werbetreibende und erschwert die Arbeit.

»Meduza« ist seitdem für seine Finanzierung auf eine sogenannte Crowdfunding-Kampagne angewiesen, also das Eintreiben von Geld von Unterstützern. Im Mai wurde auch das Online-Medium »VTimes« als »ausländischer Agent« eingestuft; es stellte im Juni den Betrieb ein.

fek/AFP/Reuters
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