Oppositioneller Borowikow Rammstein-Gitarrist »schockiert« über Freiheitsstrafe für Nawalny-Mitstreiter

Der Kremlkritiker Andrej Borowikow muss ins Straflager – angeblich, weil er ein Rammstein-Video verbreitete. Nun meldet sich ein Gitarrist der Band zu Wort. Die russischen Behörden nahmen derweil einen Anwalt Nawalnys fest.
Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe bei einem Auftritt im Jahr 2017

Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe bei einem Auftritt im Jahr 2017

Foto: Avalon / Avalon / PYMCA / Universal Images Group / Getty Images

Gewöhnlich eckt Rammstein allenfalls mit Songtexten und Musikvideos an. Zuletzt aber ging es in einem politischen Kontext um die Metal-Band: beim Vorgehen der russischen Justiz gegen den Oppositionellen und Nawalny-Mitstreiter Andrej Borowikow. Dieser war am Donnerstag zu zweieinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt worden, weil er durch das Teilen eines Rammstein-Videos Pornografie verbreitet haben soll.

2014 habe er einen Videoclip des Lieds »Pussy« der deutschen Band auf seiner Seite im sozialen Netzwerk VKontakte gepostet, hieß es zur Begründung. Das Video hatte bei der Veröffentlichung einen Skandal ausgelöst. Rammstein hatte sich zu dem bereits seit Längerem laufenden Prozess gegen Borowikow bislang nicht geäußert, mehrere Anfragen des SPIEGEL ließ das Management der Band unbeantwortet.

Nun teilte Gitarrist Richard Kruspe auf Instagram mit, er sei »schockiert« über die Härte des Urteils. »Ich bedauere sehr, dass Andrej Borowikow dafür zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde«, schrieb Kruspe in dem Post auf seinem privaten Account. »Rammstein hat immer für die Kunstfreiheit als Grundrecht aller Menschen eingestanden.«

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Auf den offiziellen Kanälen der Band gab es dagegen weiter keine Stellungnahme zu dem Prozess gegen Borowikow. Der Oppositionelle hatte sich zuletzt enttäuscht gezeigt über die ausbleibende Unterstützung der Band.

Laut Borowikow hatte in der Vergangenheit auch Alexej Nawalny das Management der Band angeschrieben. »Aber nichts kam zurück. Es ist bitter und sehr enttäuschend, gerade für eine Band, die sich mit Skandalen einen Namen gemacht hat.«

Borowikow sagte zuletzt, er glaube, dass die Zurückhaltung der Band mit finanziellen Interessen zusammenhänge. Gerade Rammstein-Frontmann Till Lindemann ist immer wieder in Russland unterwegs, wie Bilder auf seinem Instagram-Account  zeigen. Er veröffentlichte zuletzt sogar einen Song komplett auf Russisch (»Lubimij Gorod«, Lieblingsstadt).

FSB geht gegen Nawalny-Anwalt Pawlow vor

Die russischen Behörden gehen unterdessen weiter gegen Mitstreiter Nawalnys vor. Der Inlandsgeheimdienst FSB nahm in Moskau den prominenten Anwalt Iwan Pawlow in seinem Hotelzimmer fest, teilten dessen Kollegen mit.

Es habe auch eine Durchsuchung gegeben, teilte die von Pawlow geführte Anwaltsorganisation »Komanda 29« auf Twitter mit. Die Organisation vertritt auch die Bewegung Nawalnys. Den Organisationen des Kremlkritikers droht wegen Extremismusvorwürfen ein dauerhaftes Tätigkeitsverbot, am Donnerstag verkündete der Nawalny-Vertraute Leonid Wolkow die offizielle Auflösung des Netzwerks.

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Eine offizielle Bestätigung für die Festnahme Pawlows gab es zunächst nicht. Nach Angaben seiner Kollegen wird der Jurist beschuldigt, neue Ermittlungen gegen seine Mandanten öffentlich gemacht zu haben. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass gegen Nawalny und seine Mitarbeiter ein weiteres Strafverfahren vorbereitet werde. Der Oppositionsführer und sein Team kritisieren das Vorgehen der Justiz als politisch motiviert, um Andersdenkende mundtot zu machen.

Pawlow tritt als Verteidiger in Verfahren mit teils auch internationaler Aufmerksamkeit auf. Der Jurist sollte am Freitag den wegen Landesverrats inhaftierten früheren Journalisten Iwan Safronow bei einem Gerichtstermin vertreten. Anwälte in Russland beklagen immer wieder, dass sie im Zuge von politisch brisanten Verfahren selbst verfolgt würden. Die Behörden stehen international in der Kritik, Anwälte bisweilen bei ihrer Arbeit zu behindern.

fek/dpa