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»Von der Welt abgeschnitten« Überläufer der Kreml-Präsidentengarde spricht über Putins Ängste

Kein Handy, vorgetäuschte Reisen, Quarantänepflicht für Besucher: Ein geflohener Offizier der Kreml-Präsidentengarde berichtet in einem Interview über das Leben seines Ex-Chefs. Putin sei gesünder als viele Menschen in seinem Alter.
Wladimir Putin Anfang April im Kreml: »Er ist bei besserer Gesundheit als viele andere Menschen in seinem Alter«

Wladimir Putin Anfang April im Kreml: »Er ist bei besserer Gesundheit als viele andere Menschen in seinem Alter«

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Vladimir Astapkovich / Sputnik / Kremlin Pool / EPA

Kremlchef Wladimir Putin lebt offenbar in Angst vor Ansteckung und Anschlägen – so beschreibt es ein geflohener Offizier von der Präsidentengarde in einem ausführlichen Interview mit dem Dossier Center , einer von dem russischen Oppositionellen Michail Chodorkowski finanzierten investigativen Gruppe in London. Das Interview liegt auch als Video vor , auf Russisch mit englischen Untertiteln.

Der Überläufer Gleb Karakulow war demnach ein Offizier der Präsidentengarde FSO, die für die Sicherheit des Präsidenten und der Regierung verantwortlich ist, auf Anweisung auch geheimdienstliche Aktivitäten zur Abwehr oder Aufklärung übernimmt. Karakulow floh laut eigener Aussage im Herbst 2022 mit seiner Frau und Tochter über Kasachstan Richtung Istanbul. Er ist damit offenbar der bisher ranghöchste Überläufer, der sich über den Krieg gegen die Ukraine geäußert hat.

Nicht alle Angaben von Karakulow lassen sich einzeln auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Manches deckt sich mit SPIEGEL-Erkenntnissen, zudem gibt das Dossier Center an, die Identität des Mannes geprüft zu haben. Auch die Nachrichtenagentur AP hat Schritte unternommen, um das Material zu überprüfen und zu verifizieren.

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Im Interview sagt Karakulow, die »Invasion in das Territorium eines souveränen Staates« sei »einfach unbegreiflich«. Putin sei für ihn ein »Kriegsverbrecher«, verantwortlich für »Angriffskrieg, Terrorismus und Völkermord am ukrainischen Volk«. Der frühere Offizier beschreibt den russischen Machthaber als »von der Welt abgeschnitten«. Weiter sagt er: »Putin hat in den letzten Jahren in einem Informationskokon gelebt und die meiste Zeit in seinen Residenzen verbracht, die die Medien sehr treffend als Bunker bezeichnen. Er hat krankhafte Angst um sein Leben.«

Daher gebe es folgende Sicherheitsvorkehrungen:

  • Putin benutzt demnach weder das Internet noch Mobiltelefone und erhält Informationen nur von seinen engsten Kreisen.

  • Wer mit Putin in Kontakt komme, müsse vorher zwei Wochen in Quarantäne, selbst wenn der Termin nur 20 Minuten dauere. Jeder im Umfeld von Putin unterziehe sich regelmäßigen Untersuchungen und mache mehrmals täglich PCR-Tests wegen Corona. »Ich habe keine Ahnung warum, er ist wahrscheinlich einfach um seine Gesundheit besorgt.«

  • Gerüchte über eine Erkrankung Putins bestätigt der geflüchtete Offizier nicht. »Er ist bei besserer Gesundheit als viele andere Menschen in seinem Alter. Er lässt sich jährlich ärztlich untersuchen.«

  • Er bestätigt dafür Berichte über einen Sonderzug Putins, der sich äußerlich nicht von anderen Zügen unterscheide – grau mit einem roten Streifen. Der Kremlchef bevorzuge die Bahn gegenüber Flugzeugen, weil sich Züge schlechter nachverfolgen ließen und weniger auffällig seien. Das deckt sich mit Medienberichten vom Februar 2023.

  • Putins Büros in seinen verschiedenen Residenzen sehen alle gleich aus, sodass man nicht weiß, wo er sich wirklich aufhält. »Egal, ob in Sankt Petersburg, Sotschi oder Nowo-Ogarjowo, alles ist identisch«, sagt Karakulow. Offenbar gibt es gezielte Desinformation, so hätten die Fernsehnachrichten berichtet, der Kremlchef leite eine Sitzung in Nowo-Ogarjowo, dabei sei Putin noch in Sotschi gewesen. Über die Praxis identischer Büros hat der SPIEGEL bereits 2020 berichtet.

  • Auch Reisen werden demnach vorgetäuscht. So habe der FSO ein Flugzeug bestellt und eine Autokolonne in Bewegung gesetzt, »in Wirklichkeit blieb er aber in Sotschi«. Ziel dieses Vorgehens sei »erstens, den ausländischen Geheimdienst zu verwirren, und zweitens, um Anschläge auf sein Leben zu verhindern«.

  • Bis 2020 sei Putin aktiv gewesen und habe viele Geschäftsreisen gemacht. Seitdem schotte er sich aber von der Welt ab. »Sein Blick auf die Realität ist verzerrt.« Das zeige sich auch in Hinblick auf den Angriff auf die Ukraine: »Ein vernünftiger Mensch des 21. Jahrhunderts, der objektiv alles betrachtet, was in der Welt geschieht, geschweige denn der die Entwicklung zumindest mittelfristig vorhersehen kann, hätte diesen Krieg nicht zugelassen.«

Erste Zweifel bei Besuch der Krim 2014

Karakulow gehörte dem Bericht zufolge seit 2009 zum FSO. Erste Zweifel, sagt er, seien ihm im März 2014 bei einem Besuch auf der Krim gekommen, nachdem diese sich in einem von Russland organisierten Fake-Referendum mit überwältigender Mehrheit für den Anschluss an Moskau ausgesprochen hatte. »Ich hatte die Gelegenheit, die Menschen zu fragen, ob sie die Annexion unterstützen. Waren es wirklich 97 Prozent?« So groß sei die allgemeine Begeisterung aber nicht gewesen. »Sie waren fifty-fifty. Die eine Hälfte war der Meinung: Okay, es scheint eine gute Idee zu sein, [Russland] beizutreten. Die andere Hälfte hatte ernsthafte Zweifel. Da läuteten bei mir zum ersten Mal die Alarmglocken.«

Er habe versucht, mit seinen Eltern über die Zweifel an Putin und über seine Fluchtpläne zu reden, sagt Karakulow. Doch diese wollten nicht hören, als er leise Zweifel an der Rechtfertigung für den Überfall auf die Ukraine anmeldete. Seine Mutter habe gesagt: »Was ist das denn? Habt ihr vor zu fliehen? Bist du eine Art ausländischer Agent?« Und: »Wenn du etwas tust, werde ich die Schande nicht ertragen können, ich werde mich umbringen.« Seit seiner Flucht habe Karakulow keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern.

Seine alten Kollegen seien ebenfalls Putin treu ergeben, sagt Karakulow. Die FSO-Mitarbeiter würden ihn nur »Boss« nennen, und sie »verehren ihn in jeder Hinsicht«. Zweifel am Ukrainekrieg gebe es nicht. »Sie sind fast zu hundert Prozent für Putin.«

Am Ende des Gesprächs appelliert Karakulow an seine früheren Kollegen. »Sie müssen aufhören, diese kriminellen Befehle zu befolgen.« Und: »Es liegt an Ihnen, diesen Wahnsinn sehr schnell zu beenden. Ich wünschte, Sie würden das tun, denn es würde viele Leben retten.«

Die Invasion in das Gebiet eines souveränen Staates sei für ihn unbegreiflich. »Wie viele namenlose Opfer gibt es in diesem Krieg, wie viele davon sind Kinder? Wie viele solcher Opfer sind noch nötig, bevor Sie aufhören, das hinzunehmen?« Es werde sich nichts ändern, wenn man immer nur schweige. »Dieser Krieg muss beendet werden, und es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen.«

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