15. Kriegstag Not in Mariupol, Massenflucht aus Kiew – die aktuelle Lage

Jeder zweite Bewohner soll die ukrainische Hauptstadt Kiew bereits verlassen haben. Die Russen bombardieren Mariupol. Und Olaf Scholz macht sich in Versailles nicht nur Freunde. Der Überblick.
Irpin im Norden von Kiew: Mittlerweile sollen 2,3 Millionen Menschen die Ukraine verlassen haben

Irpin im Norden von Kiew: Mittlerweile sollen 2,3 Millionen Menschen die Ukraine verlassen haben

Foto: Aris Messinis / AFP

Es klang geradezu grotesk, was der russische Außenminister Lawrow beim Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen im türkischen Antalya der Weltöffentlichkeit mitteilte: »Wir werden keine anderen Länder überfallen. Wir haben auch die Ukraine nicht überfallen.« Auf den Bombenangriff auf ein Kinderkrankenhaus mit Geburtsklinik in der Hafenstadt Mariupol angesprochen, sagte Lawrow, es handele sich um »rührseliges Geschrei über angebliche Grausamkeiten Russlands«. Den USA warf Lawrow vor, in der Ukraine heimlich Laboratorien für die Entwicklung biologischer Waffen betrieben zu haben.

Das Treffen blieb angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten ergebnislos. Für Verhandlungen über eine Waffenruhe besitze er kein Mandat, gab Lawrow an.

Es ist der 15. Kriegstag.

Die wichtigsten Meldungen im Überblick.

Humanitäre Lage

Mittlerweile sollen 2,3 Millionen Menschen die Ukraine verlassen haben, das berichtet die Internationale Organisation für Migration (IOM). Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko hat mittlerweile jeder zweite Bewohner Kiews die Stadt verlassen.

Im Fokus der laufenden Evakuierungen sollte weiterhin die Stadt Sumy im Nordosten liegen. Bewohner seien bereits in bereitgestellte Kleinbusse gestiegen, teilten Regierungsvertreter mit. Aus der Stadt Isjum im Osten des Landes seien etwa 2000 Menschen gerettet worden, sagte der Leiter des Gebiets Charkiw, Oleh Synjehubow, auf Facebook.

Abermals gescheitert sind hingegen Rettungsaktionen in der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk wandte sich in einem dramatischen Appell an die internationale Gemeinschaft, um die seit Tagen von russischen Truppen eingeschlossene Hafenstadt zu unterstützen. »Helft Mariupol! Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe«, sagte die 42-Jährige am Donnerstag per Videobotschaft. Es sei zum wiederholten Male kein Hilfstransport angekommen.

Im Gebiet Donezk sei der Fluchtkorridor von Wolnowacha nach Pokrowsk nicht zustande gekommen. Andernorts aber seien erfolgreich humanitäre Korridore eingerichtet worden. »Aus den Städten Sumy, Trostjanez, Krasnopillja haben wir in Richtung Poltawa innerhalb der vergangenen zwei Tage mehr als 60.000 Menschen herausgebracht«, sagte Wereschtschuk. Ihr zufolge ist es zudem im Gebiet Charkiw gelungen, etwa 3000 Menschen aus der Stadt Isjum zu retten. Mehr als hundert Tonnen Hilfsgüter seien zudem in die umkämpfte Kleinstadt gebracht worden.

»Aus den Städten Butscha, Irpin, Hostomel, Worsel und anderen im Gebiet Kiew wurden allein am gestrigen Tag etwa 20.000 Menschen evakuiert«, sagte die Vizeregierungschefin. Die Aktion werde fortgesetzt. Darüber hinaus seien in die Atomkraftwerksstadt Enerhodar mehr als hundert Tonnen Hilfsgüter gebracht worden.

Militärische Lage

Auf Mariupol hat es am Donnerstag nach Angaben des Stadtrats neue Luftangriffe gegeben. In der Nähe eines Wohnhauses seien Bomben abgeworfen worden, teilte der Stadtrat am Mittag über Telegram mit. Die Technische Universität in der Nähe des Stadtzentrums sei getroffen worden. Auf einem Video waren Einschläge zu sehen. Das russische Verteidigungsministerium kündigte zudem die Einnahme mehrerer Stadtteile von Mariupol an.

Der lange russische Militärkonvoi nordwestlich von Kiew ist nach britischer Darstellung in der vergangenen Woche nur langsam vorangekommen. Zudem erleide er anhaltend Verluste, erklärte das Verteidigungsministerium in London. Da die Zahl der Opfer zunehme, werde der russische Präsident Wladimir Putin gezwungen sein, aus den russischen Streitkräften und anderen Quellen zu schöpfen, um die Verluste zu ersetzen. Es habe in den vergangenen Tagen auch einen bemerkenswerten Rückgang der gesamten Aktivität der Luftwaffe über der Ukraine gegeben.

Druck der EU-Partner auf Deutschland

Mit dem Andauern des Kriegs wachsen die Spannungen zwischen den EU-Staaten über den weiteren gemeinsamen Kurs. Bei einem Treffen der Staats- und Regierungschefs in Versailles bei Paris machten Länder wie Lettland am Donnerstag deutlich, dass sie die deutsche Ablehnung eines Stopps von Energieimporten aus Russland für nicht mehr tragbar halten. »Ich bin überzeugt, dass wir die Entscheidung treffen sollten, Energieimporte aus Russland zu stoppen, um (den russischen Präsidenten Wladimir) Putin zum Verhandlungstisch zu bringen und den Krieg zu beenden«, sagte der lettische Premierminister Krisjanis Karins. Er stellte sich damit auf die Seite von Ländern wie Polen und Litauen, die sich bereits zuvor für einen solchen Schritt ausgesprochen hatten, um dem russischen Staat seine Haupteinnahmequelle zu nehmen.

Zudem lagen die Meinungen darüber auseinander, wie mit dem Antrag der Ukraine auf einen EU-Betritt umgegangen werden soll. Auch dabei stand Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Seite derjenigen EU-Staaten, die auf der Bremse stehen. Der SPD-Politiker sprach sich klar gegen die Möglichkeit aus, das normalerweise sehr langwierige Aufnahmeverfahren für die Ukraine zu beschleunigen. Auch der niederländische Premierminister Mark Rutte erteilte dem Anliegen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eine klare Absage. »Einen beschleunigten Beitritt, so etwas gibt es nicht«, sagte er. Sein luxemburgischer Amtskollege, Xavier Bettel, sagte, er sei kein Regelfetischist, aber es gebe Bedingungen für einen EU-Beitritt. Er verwies auf die Kopenhagener Kriterien. Diese beinhalten etwa Anforderungen an Demokratie, Wirtschaft und Rechtsstaat.

Länder wie Estland und Litauen warben hingegen für Zugeständnisse. Die estnische Premierministerin Kaja Kallas sagte der »Süddeutschen Zeitung«, in ihren Augen gebe es die moralische Pflicht, »diesen Menschen ihren europäischen Traum möglich zu machen«. Die Ukrainer kämpften nicht nur für die Ukraine, sondern im wahrsten Sinne des Wortes für Europa.

Zerbombtes Mariupol: »Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe«

Zerbombtes Mariupol: »Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe«

Foto:

Evgeniy Maloletka / AP

Als ein weiteres brisantes Thema beim zweitägigen Gipfel im Schloss von Versailles gilt der Umgang mit Auswirkungen des Kriegs auf die wirtschaftliche Entwicklung in der EU. So hat Frankreich die Idee ins Spiel gebracht, wie schon in der Coronakrise ein schuldenfinanziertes Unterstützungsprogramm zu beschließen. Dieses könnte demnach helfen, die Folgen des aktuellen Energiepreisanstieges abzufedern, aber auch Investitionen in Verteidigungsprojekte fördern. Länder wie Deutschland und die Niederlande halten dies zum derzeitigen Zeitpunkt für nicht notwendig und verweisen darauf, dass erst einmal das 800 Milliarden Euro schwere Corona-Hilfspaket aufgebraucht werden sollte.

Das sollten Sie gelesen und gesehen haben

Die ukrainische Fotografin, Künstlerin und Autorin Yevgenia Belorusets schreibt für den SPIEGEL aus ihrer Heimatstadt Kiew ein Tagebuch: »Eine Ärztin erzählte mir heute, dass sie am 24. Februar zur Arbeit kam und seitdem nicht mehr nach Hause gefahren sei.«

»Sie haben uns gesagt, wir dürfen nicht darüber reden« – »Worüber?« – »Über unsere Dienstreise. Was wir hier so treiben«. Ein junges russisches Pärchen hat dem SPIEGEL seine Chatnachrichten gezeigt. Sie demonstriert, er wurde in den Krieg geschickt.

Musik als Mutmacher: Eine Geigerin spielt im Bombenkeller von Charkiw, ein Sinfonieorchester auf dem Maidan in Kiew und Militärmusiker in Odessa vor Barrikaden.

pbe/dpa/Reuters/AFP
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