Putins Krieg gegen die Ukraine Beschuss von AKW, Forderung nach Nato-Einsatz – das geschah in der Nacht

Der Angriff auf das Kernkraftwerk Saporischschja wird international verurteilt. Erhöhte Strahlenwerte soll es nicht geben. Die Ukraine bittet die USA um eine Schließung des Luftraums. Der Überblick.
Flammen beim Angriff russischer Truppen auf das Atomkraftwerk Saporischschja

Flammen beim Angriff russischer Truppen auf das Atomkraftwerk Saporischschja

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AP

Russland hat einen schweren Angriff auf ein Kernkraftwerk nahe der Stadt Saporischschja in der Ukraine verübt. In einem Teil der Anlage brennt es. Laut dem Bürgermeister der Nachbarstadt Enerhodar, Dmytro Orlow, habe es heftige Kämpfe zwischen lokalen Kräften und russischen Truppen gegeben. Er fügte hinzu, dass es Opfer gegeben habe, ohne Einzelheiten zu nennen.

Saporischschja versorgt ein Viertel des Landes mit Strom und gilt als größtes AKW Europas. Die Energieversorgung in der Ukraine könnte in der Folge massiv eingeschränkt werden. Die Informationen, einschließlich der möglichen Schwere des Feuers, lassen sich kaum unabhängig überprüfen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, nach Angaben der ukrainischen Regierung sei in der Umgebung der Anlage keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden.

Das sagt Kiew:

  • Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland »Nuklearterror« vorgeworfen. Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte Selenskyj in einer in der Nacht zum Freitag veröffentlichten Videobotschaft. »Der Terroristenstaat verlegt sich jetzt auf Nuklearterror.« Offenbar wolle Russland die Atomkatastrophe von Tschernobyl »wiederholen«.

  • Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba rief auf Twitter dazu auf, die Gefechte umgehend zu stoppen. »Wenn es explodiert, wird das zehnmal so groß wie Tschernobyl! Russen müssen SOFORT das Feuer einstellen«, schrieb er.

  • Der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko hat ein Eingreifen der Nato gefordert. »Deshalb fordern wir nicht nur eine professionelle Einschätzung der Geschehnisse, sondern ein echtes Eingreifen mit den härtesten Maßnahmen, auch durch die Nato und die Länder, die Atomwaffen besitzen«, schrieb Haluschtschenko auf Facebook. Europas größtes Atomkraftwerk werde mit Panzern und aus der Luft beschossen, schrieb er weiter. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Aussagen zunächst nicht. Er habe bereits mit US-Energieministerin Jennifer Granholm telefoniert und um eine Schließung des Luftraums über der Ukraine gebeten, schrieb Haluschtschenko. »Wir stehen an der Schwelle einer großen technologischen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit.«

Die ukrainische Botschaft in Berlin bittet die Bundesregierung zudem um Lieferung weiterer Waffensysteme für den Kampf gegen die russischen Angreifer, darunter Kampfpanzer, U-Boote und Kampfflugzeuge. Das geht aus einer sogenannten Verbalnote der Botschaft an das Kanzleramt, das Auswärtige Amt und das Verteidigungsministerium hervor, die der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. »Angesichts der äußerst angespannten Sicherheitslage aufgrund der anhaltenden russischen Aggression ersucht die ukrainische Regierung um eine möglichst rasche Bearbeitung und wohlwollende Prüfung dieses Antrags«, heißt es darin.

Begründet wird die Bitte damit, dass der russische Präsident Wladimir Putin einen »Vernichtungskrieg« gegen die Ukraine und die ukrainische Bevölkerung begonnen habe, in dem höchst moderne Waffensysteme eingesetzt würden – auch geächtete Waffen wie Kassettenbomben mit Streumunition.

»Dabei verstößt die Russische Föderation gegen das humanitäre Völkerrecht in gravierender Weise«, heißt es in der Note. Außerdem seien von russischer Seite »zahlreiche Kriegsverbrechen« verübt worden. Deswegen ersuche die ukrainische Regierung »um unverzügliche Hilfeleistung der Bundesregierung«.

Internationale Reaktionen

  • US-Präsident Joe Biden forderte Russland auf, die militärischen Aktionen rund um das ukrainische Kernkraftwerk einzustellen. In einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj habe Biden sich »über den aktuellen Stand des Brandes« in der Atomanlage erkundigt, teilte das Weiße Haus mit. Der US-Präsident sprach außerdem mit der Leiterin der Nationalen Verwaltung für Nukleare Sicherheit der USA, Jill Hruby.

  • Großbritannien fordert nach dem AKW-Angriff eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats. Das »rücksichtslose« Verhalten von Russlands Präsident Putin könne »direkt die Sicherheit von ganz Europa bedrohen«, teilte das Büro von Premierminister Boris Johnson mit.

Das passiert in Russland:

In Russland ist derweil der Zugang zu Facebook und Websites unabhängiger Medien eingeschränkt worden. Die Nichtregierungsorganisation GlobalCheck und Journalisten der Nachrichtenagentur AFP stellten in der Nacht zum Freitag Zugangsprobleme bei den Websites von Facebook sowie den Medien Deutsche Welle, Medusa, RFE-RL und dem russischsprachigen Dienst der BBC fest.

Russische Medien waren nach dem Einmarsch in die Ukraine angewiesen worden, nur offizielle Informationen der russischen Behörden für ihre Berichterstattung zu verwenden. Begriffe wie »Angriff« oder »Invasion« im Zusammenhang mit dem Einmarsch in die Ukraine sind verboten. Die Behörden stellen den Angriffskrieg auf die Ukraine lediglich als »Sondereinsatz« des Militärs und Friedensmission zum Schutz russischsprachiger Ukrainer dar.

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Konsequenzen von Unternehmen

  • Die russische Fluggesellschaft Aeroflot verliert weitere wichtige Geschäftspartner. Mit dem US-Unternehmen Sabre und der spanischen Amadeus IT Group kappten zwei der größten Buchungssystemanbieter für Flugtickets am Donnerstag die Geschäftsbeziehungen zu der Airline.

  • Die von China mitbegründete und in Peking ansässige Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) legt alle Aktivitäten in Bezug auf Russland und Belarus auf Eis. Vor dem Hintergrund des »sich entfaltenden Krieges« in der Ukraine habe das Management beschlossen, »dass alle Aktivitäten in Bezug auf Russland und Belarus ausgesetzt und überprüft werden«, hieß es in einer Mitteilung des Instituts. Die AIIB sei eine multilaterale Organisation, in deren Mittelpunkt die »Einhaltung des Völkerrechts« stehe. Neben China ist auch Russland ein Gründungsmitglied der Entwicklungsbank, die als ein potenzieller Rivale der Weltbank angesehen wird.

Wie es weitergeht:

Die Außenminister der Nato und der Europäischen Union beraten am Freitag in Brüssel (Beginn des Nato-Rats um 10 Uhr, EU-Außenministertreffen ab 15 Uhr). US-Außenminister Antony Blinken ist für die Gespräche mit den Verbündeten in die belgische Hauptstadt gereist. Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba will sich per Videokonferenz dazuschalten.

Zwischen den beiden Räten ist nach US-Angaben ein G7-Außenministertreffen vorgesehen. Die zunehmende militärische Härte Russlands in der Ukraine wird in Brüssel mit großer Sorge beobachtet. Eine weitere Verschärfung der Sanktionen gilt deshalb als möglich. Bei den EU-Beratungen dürften auch die jüngsten Mitgliedschaftsanträge Georgiens und der Republik Moldau eine Rolle spielen.

Zudem wollen aus Solidarität mit der Ukraine rund 150 öffentlich-rechtliche Radiosender in Europa am Freitagmorgen den John-Lennon-Song »Give Peace a Chance« spielen. In mehr als 25 Ländern, darunter auch die von Russland angegriffene Ukraine, soll das Lied um 8.45 Uhr MEZ laufen, wie die Europäische Rundfunkgemeinschaft (EBU) mitteilte. Die Aktion, an der sich auch private Sender beteiligen wollen, findet auf Initiative des RBB unter Intendantin Patricia Schlesinger statt.

cop/dpa/AFP/Reuters