Russland-Ukraine-Krieg Bomben auf Charkiw, auch Truppen aus Belarus rücken offenbar vor – die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunden

Der Kreml behauptet, russisches Militär greife keine Zivilisten an. Gleichzeitig fallen auf ukrainische Wohnhäuser und Stadtzentren weiter Bomben. Die Folge: Massenflucht. Der Überblick.
Um die russischen Truppen zu bremsen, wurden in der Ukraine viele Brücken gesprengt

Um die russischen Truppen zu bremsen, wurden in der Ukraine viele Brücken gesprengt

Foto: Aris Messinis / AFP

Sechs Tage dauert der Krieg in der Ukraine bereits an. Zwar scheint es, als würde der russische Vormarsch nach anfänglichen Landgewinnen weiter ins Stocken geraten, dafür werden bei Luftangriffen anscheinend immer mehr Menschen getötet. Russland hält unterdessen weiter an seinen angeblichen Beweggründen für den Angriffskrieg fest. Die Entwicklungen im Überblick.

Militärische Lage

Bislang griffen nur russische Truppen vom belarussischen Boden aus die Ukraine an. Mittlerweile soll sich Belarus jedoch nach Angaben des ukrainischen Parlaments auch in der Ukraine an den Kampfhandlungen beteiligen. Belarussische Truppen seien demnach in die Region Tschernihiw eingedrungen, heißt es auf dem offiziellen Twitterkanal des Parlaments .

Der russische Vormarsch auf Kiew ist nach britischen Angaben in den vergangenen 24 Stunden kaum vorangekommen. Bilder zeigen einen mehr als 60 Kilometer langen Konvoi aus Militärfahrzeugen.

Hintergrund für das langsame Fortschreiten seien wahrscheinlich logistische Probleme, heißt es in einer aktualisierten Lageeinschätzung, die das britische Verteidigungsministerium veröffentlicht. Das russische Militär habe den Einsatz von Artillerie im Norden der ukrainischen Hauptstadt und um Charkiw sowie Tschernihiw verstärkt. »Schwere Artillerie in stark bewohnten Gebieten erhöht die Gefahr von Opfern unter den Zivilisten.« Eine Überprüfung dieser Angaben ist nicht möglich.

In der ostukrainischen Großstadt Charkiw ist der Freiheitsplatz im Zentrum von einer schweren Explosion erschüttert worden. Nach Angaben von Charkiws Regionalverwalter Oleg Synegubov hat eine Rakete das Verwaltungsgebäude der Stadt getroffen. Ein von ukrainischen Medien verbreitetes Video zeigt den Einschlag und einen riesigen Feuerball vor der Fassade des Gebäudes. Über mögliche Opfer war zunächst nichts bekannt.

Bei einem Angriff in der Region Sumy im Nordosten der Ukraine soll es zu großen Verlusten auf beiden Seiten gekommen sein. Das ukrainische Antikorruptionsportal Antikor schrieb am frühen Dienstagmorgen von möglicherweise 70 Toten auf ukrainischer Seite und einer großen Zahl von Opfern auf russischer Seite. Russische Artillerie habe eine Militäreinheit getroffen. Unter den Trümmern würden Leichen geborgen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Nach Angaben der Agentur Unian will die ukrainische Armee in der Region Sumy rund hundert russische Militärfahrzeuge zerstört haben.

Zivilbevölkerung

Seit der russischen Invasion der Ukraine sind inzwischen 350.000 Menschen nach Polen geflohen, teilte der stellvertretende polnische Innenminister Maciej Wasik im Rundfunk mit. Allein in den vergangenen 24 Stunden hätten 100.000 Menschen die Grenze überquert. »Insgesamt gab es seit Donnerstag bereits 350.000 Flüchtlinge.«

Der Uno zufolge sind bisher mehr als 600.000 Menschen ins Ausland geflüchtet. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gab die Zahl der Geflüchteten am Dienstag mit mehr als 660.000 an. Die Zahl der Flüchtlinge steige »exponentiell« an, sagte eine Sprecherin des UNHCR in Genf. Die meisten Menschen flüchten Richtung Westen in Nachbarländer wie Polen, Ungarn oder die Slowakei.

Flüchtlinge aus der Ukraine trotzen der Kälte auf einem gefrorenen Feld in Polen

Flüchtlinge aus der Ukraine trotzen der Kälte auf einem gefrorenen Feld in Polen

Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind bislang mehr als hundert Zivilisten getötet worden. Zudem seien mehr als 300 Unbeteiligte verletzt worden, teilte das Büro der Uno-Menschenrechtsbeauftragten Michelle Bachelet mit. Unter den Todesopfern seien auch mindestens sieben Kinder. »Die meisten dieser Opfer wurden durch den Einsatz von explosiven Waffen mit einem großen Aufprallbereich verursacht, einschließlich Beschuss durch schwere Artillerie, Raketenwerfer und Luftangriffe«, hieß es. Nach ukrainischen Angaben wurden bereits mehr als 350 Zivilisten infolge der Kämpfe getötet.

Russland weist den Vorwurf, es greife zivile Einrichtungen an, zurück. Uno-Generalsekretär António Guterres hatte Attacken auf Unbeteiligte als »völlig inakzeptabel« bezeichnet. Die Ukraine warf Moskau vor dem Uno-Sicherheitsrat Kriegsverbrechen vor.

Reaktion Russlands

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat der Ukraine eine Bedrohung der internationalen Sicherheit vorgeworfen.  Die Regierung in Kiew wolle eigene Atomwaffen, sagte Lawrow am Dienstag per Videolink vor der Ständigen Abrüstungskonferenz in Genf.

Auf dem ukrainischen Territorium befänden sich noch sowjetische Nukleartechnologie und die Mittel, so bestückte Waffen abzuschießen, sagte Lawrow der englischen Uno-Übersetzung zufolge. »Wir müssen auf diese reale Gefahr reagieren.« Lawrow verlangte, dass US-Atomwaffen vom Gebiet der Nato-Partner abgezogen werden. Er betonte auch: »Wir glauben weiter, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf.« Die Ständige Abrüstungskonferenz ist das einzige multilaterale Abrüstungsforum der Welt.

Von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA hieß es in der vergangenen Woche, sie sehe keinerlei Belege für die Behauptungen über ein mögliches Atomwaffenprogramm in der Ukraine.

Lawrow wollte ursprünglich persönlich nach Genf kommen. Das sei durch die Sperrung des Luftraums in der EU für russische Maschinen verhindert worden, teilte die russische Botschaft in Genf am Montag mit.

Bei einer Rede Lawrows vor dem obersten Uno-Menschenrechtsforum verließen Dutzende Diplomaten der EU, der USA und Großbritanniens den Saal. Lawrow hatte virtuell gesprochen.

Russland will zudem vorübergehend Beschränkungen für Auslandsinvestoren einführen. Sie sollen beim Ausstieg aus russischen Vermögenswerten nicht auf politischen Druck handeln, sondern eine wohlüberlegte Entscheidung treffen können, wie Ministerpräsident Mikhail Mishustin sagt. Zurzeit würden Investoren durch die Sanktionen gegen Russland unter Druck gesetzt.

Reaktion des Westens

Das Europäische Parlament stuft Russland wegen der Invasion in der Ukraine als »Schurkenstaat« ein. Dies geht aus einem Entwurf für eine Entschließung hervor, die die Parlamentarier verabschieden wollen. Eine Mehrheit dafür gilt als sicher.

Die Bemühungen um ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine laufen an diesem Dienstag auf Hochtouren weiter. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) empfängt in Berlin den Premier von Luxemburg, Xavier Bettel, und anschließend die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. Bei den Treffen dürften die Lage in der Ukraine, auf den Finanzmärkten und Möglichkeiten für eine weitere internationale Isolierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Mittelpunkt stehen.

Im polnischen Lodz wollten die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens im Format des sogenannten »Weimarer Dreiecks« zusammenkommen. An dem Treffen von Außenministerin Annalena Baerbock mit ihrem französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian und Polens Chefdiplomaten Zbigniew Rau sollte per Videoschalte auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba teilnehmen.

In der Europäischen Union und bei der Uno sollten in Brüssel, New York und Genf die Beratungen fortgesetzt werden. In Brüssel wollte das Europäische Parlament zu einer außerordentlichen Plenartagung zur Ukraine mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Chefdiplomat Josep Borrell zusammenkommen.

Der britische Premierminister Boris Johnson wollte in Polen und Estland mit seinen dortigen Amtskollegen sowie mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zusammenkommen.

muk/dpa/Reuters/AFP