Krieg in Osteuropa Offenbar Angriff auf Lazarett in Mariupol, Selenskyj dankt Biden – das geschah in der Nacht

Russland soll gezielt den Bereich für Verwundete im Asow-Stahlwerk attackiert haben. Kiew erwartet Widerstand gegen Rubel-Einführung in Cherson. Und: Selenskyj beschwört die Zusammenarbeit mit den USA. Der Überblick.
Zerstörung in Mariupol: Die belagerte Hafenstadt ist weitgehend unter russischer Kontrolle

Zerstörung in Mariupol: Die belagerte Hafenstadt ist weitgehend unter russischer Kontrolle

Foto: Alexey Kudenko / SNA / IMAGO

Was in den vergangenen Stunden geschah

Bei einem russischen Angriff auf die im Asow-Stahlwerk verschanzten letzten Verteidiger Mariupols soll am Donnerstagabend das dort eingerichtete Feldlazarett unter schweren Beschuss geraten sein. Einem Bericht der »Ukrajinska Prawda« zufolge kam dabei mindestens ein Soldat ums Leben, rund hundert Patienten erlitten Verletzungen. Nach Darstellung der Verteidiger sei das Lazarett, in dem sich rund 500 Verwundete und Ärzte aufhielten, gezielt angegriffen worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Während des Besuchs von Uno-Generalsekretär António Guterres hat es am Donnerstagabend in der Nähe des Kiewer Stadtzentrums mehrere Explosionen gegeben. »Am Abend hat der Feind Kiew beschossen: Zwei Explosionen im Stadtbezirk Schewtschenko«, teilte Bürgermeister Vitali Klitschko am Donnerstag auf seinem Telegram-Kanal mit. Nach Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes wurde dabei ein Wohnhaus getroffen. Es gebe mehrere Verletzte.

Einsatzkräfte nach einer Explosion in Kiew

Einsatzkräfte nach einer Explosion in Kiew

Foto: Emilio Morenatti / dpa

Auch die südukrainische Hafenstadt Odessa ist am Donnerstagabend offenbar unter Raketenbeschuss geraten. Dabei habe die Luftabwehr drei russische Raketen abgeschossen, sagte der örtliche Militärvertreter Maxim Martschenko. »Wir haben den Himmel unter Kontrolle.« Zuvor sei bereits eine russische Aufklärungsdrohne zerstört worden. In der Stadt seien am Abend jedoch mehrere Explosionen zu hören gewesen, berichtete unter anderem die Onlinezeitung »Ukrajinska Prawda«.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die neue finanzielle Unterstützung aus den USA als »wichtigen Schritt« begrüßt. In seiner täglichen Videobotschaft dankte er sowohl US-Präsident Joe Biden als auch dem amerikanischen Volk für die Hilfe, die der Kongress hoffentlich schnell unterstützen werde. Biden hatte zuvor in Washington angekündigt, den Kongress um die Bewilligung von weiteren 33 Milliarden US-Dollar (31,4 Milliarden Euro) für die Ukraine zu bitten. 20 Milliarden davon sollen für Militärhilfe genutzt werden, etwa 8,5 Milliarden für wirtschaftliche Hilfe.

Die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten sei aufgrund der weitreichenden negativen Folgen der Aggression Russlands notwendig: »Gemeinsam können wir sicherlich die russische Aggression stoppen und die Freiheit in Europa zuverlässig verteidigen.«

DER SPIEGEL

Der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, Olexij Danilow, bezeichnete das von russischer Seite geplante Referendum in der besetzten Region Cherson als »juristisch und international bedeutungslos«. Die Volksabstimmung, mit der die russischen Besatzer eine »Volksrepublik Cherson« ausrufen lassen wollten, sei ein »Klassiker«, mit der Russland seine Aktionen legalisieren wolle.

Auch die Einführung des russischen Rubels als Zahlungsmittel in den besetzten Gebieten sei »klassische russische Praxis«, sagte Danilow nach Angaben der Agentur Unian in der Nacht zum Freitag. Diese Bemühungen der russischen Seite würden ebenfalls nicht zum Erfolg führen. »Sie werden zwar einige Zeit versuchen, eine Währung oder Pseudowährung für diese Gebiete einzuführen«, sagte Danilow. Doch angesichts des zu erwartenden Widerstands der Bürger werde diese »sehr kurzlebig« sein.

Der ukrainische Präsidentenberater Olexyj Arestowytsch hat die russischen Raketenangriffe auf Kiew während des Besuchs von Uno-Generalsekretär Guterres als »dümmste Variante überhaupt« kritisiert. »Wie sollen der Uno-Chef oder die Vereinten Nationen darauf überhaupt reagieren?«, sagte der Berater von Präsident Selenskyj am Donnerstagabend.

Russland habe Guterres mit diesem Angriff »in den Rücken geschossen«, sagte Arestowytsch nach Angaben der Agentur Unian weiter. »Für einen Marschflugkörper ist die Entfernung zwischen Aufschlagsort und Aufenthaltsort von Guterres etwa so viel wie zwei Millimeter für eine Pistole. Der Schuss ging also an seiner Schläfe vorbei.« Dessen ungeachtet werde Russland sicherlich weiterhin Mitglied des Weltsicherheitsrats der Uno bleiben.

Wolodymyr Selenskyj und António Guterres

Wolodymyr Selenskyj und António Guterres

Foto: Ukrainian Presidential Press Office / AP / dpa

Die Ukraine untersucht nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwältin in Zusammenarbeit mit internationalen Ermittlern derzeit rund 8600 Fälle mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Das sagte Iryna Wenediktowa der Deutschen Welle am Donnerstag. Dabei handele es sich um »die Tötung von Zivilisten, die Bombardierung ziviler Infrastruktur, Folter und auch Sexualverbrechen in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine.« Sie erwarte, dass die Zahlen noch steigen werden. Sie werde alle Möglichkeiten der internationalen Justiz nutzen, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Das sagt Moskau

Moskau hat die Forderung nach Verhandlungen um einen Korridor für alle im Asow-Stahlwerk in Mariupol eingeschlossenen Personen abgelehnt. Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte am Donnerstag der staatlichen Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf Wladimir Putin: »Die Zivilisten können gehen, und zwar in jede Richtung, die Militärs müssen rauskommen und ihre Waffen niederlegen.« Den Kämpfern werde dann das Leben und eine medizinische Versorgung garantiert. Mehr aber nicht. Einen freien Abzug will ihnen Moskau nicht gewähren.

Internationale Reaktionen

Uno-Chef Guterres sagte dem britischen Sender BBC über die Angriffe auf Kiew: »Ich war geschockt, davon zu hören, dass in der Stadt, in der ich mich aufhalte, zwei Raketen explodiert sind.«

Die Ukraine und Bulgarien haben eine enge Zusammenarbeit im militärischen und auch wirtschaftlichen Bereich vereinbart. Das teilte der ukrainische Präsident Selenskyj am Donnerstagabend nach einem Treffen mit dem bulgarischen Regierungschef Kiril Petkow mit. Unter anderem solle beschädigte ukrainische Militärausrüstung in Bulgarien repariert werden.

»Ein weiteres Thema, auf das wir uns geeinigt haben, ist die Lieferung von ukrainischem Strom nach Bulgarien und die Nutzung der Transbalkan-Gaspipeline zusammen mit der bulgarischen Seite«, sagte Selenskyj. Russland hatte erst am Mittwoch die Lieferung von Erdgas an Bulgarien eingestellt.

Daneben vereinbarten Selenskyj und Petkow die Nutzung des bulgarischen Schwarzmeerhafens Warna für den Export landwirtschaftlicher Produkte aus der Ukraine. Da Russland alle ukrainischen Häfen entweder kontrolliert oder blockiert, ist Kiew gezwungen, alternative Wege zu suchen. Der Reise Petkows nach Kiew war ein heftiger Streit in Sofia vorausgegangen. Der als Moskau-freundlich geltende Staatschef Rumen Radew hatte sich dem Besuch widersetzt, auch die mitregierenden Sozialisten lehnten eine Beteiligung an der Delegation ab.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) setzt den russischen Angriff auf die Ukraine mit einem Angriff auf die Demokratie gleich. Russlands Staatschef verfolge »nicht nur das Ziel, die Ukraine zu zerstören. Sein Krieg richtet sich gegen alles, was Demokratie ausmacht: Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Selbstbestimmung, Menschenwürde«, schrieb Scholz in einem Gastbeitrag für die »Welt«. (Lesen Sie hier mehr).

CSU-Generalsekretär Stephan Mayer fordert vor dem Hintergrund eines drohenden russischen Gasembargos von der Bundesregierung, auch Enteignungen von Gasfirmen in Betracht zu ziehen. »Für Enteignungen gibt es hohe Hürden. Aber unsere oberste Priorität muss in der Tat die Versorgungssicherheit sein«, sagte Mayer der »Welt« . Zunächst müssten jedoch »Firmen, die Verträge nicht erfüllen, in treuhänderische Verwaltung überführt« werden.

Er warnte vor den Folgen eines europäischen Embargos auf russisches Gas. »Natürlich sind Sanktionen gegen Russland wichtig und richtig«, sagte er. »Aber wir dürfen nicht sehenden Auges unsere Wirtschaft in eine kaum zu meisternde Bredouille bringen.«

Was heute passiert

  • Die schwedische Außenministerin trifft in Helsinki ihren finnischen Amtskollegen. Bei dem Treffen von Ann Linde und Pekka Haavisto dürfte es insbesondere um einen möglichen Nato-Beitritt ihrer beider Länder gehen. Der russische Angriffskrieg hatte die Debatte darüber erneut entfacht. Russland warnte die beiden Länder vor den »Konsequenzen« dieses Schritts.

bbr/AFP/dpa