Krieg in Osteuropa Straßenkämpfe im Donbass, Selenskyj dankt Großbritannien – das geschah in der Nacht

Ukrainische Kämpfer im Osten des Landes wehren sich laut Kiew weiter gegen die Angreifer. Boris Johnson bekommt Lob für angekündigte Waffenlieferungen. Und: Die USA verdächtigen Russland des Getreidediebstahls. Der Überblick.
Ukrainischer Soldat in Bachmut in der Oblast Donezk

Ukrainischer Soldat in Bachmut in der Oblast Donezk

Foto: Francisco Seco / AP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Das russische Militär und die von Moskau unterstützten Separatisten schließen nach eigenen Angaben die Einnahme der ukrainischen Stadt Swjatohirsk (russisch: Swjatogorsk) mit ihrem historischen Kloster ab. »Swjatogorsk ist praktisch befreit. Und es läuft die Säuberung«, sagte der Anführer der Separatistenregion Donezk, Denis Puschilin, am Montagabend im russischen Stadtfernsehen. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite, dass Swjatohirsk aufgegeben ist, gibt es bislang nicht.

Bei der Stadt liegt das zuletzt ebenfalls beschossene Erzkloster Mariä-Entschlafung, das zu den wichtigsten Heiligtümern der russischen Orthodoxie gehört. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, hatte erklärt, dass die Eroberung der Stadt in den letzten Zügen sei. Die letzten Soldaten der ukrainischen Streitkräfte hätten Militärtechnik und Waffen zurückgelassen und seien selbst geflüchtet. Nach Darstellung von Konaschenkow überquerten rund 80 ukrainische Soldaten den Fluss der Stadt, die russische Seite habe sie fliehen lassen und nicht das Feuer eröffnet.

US-Behörden wollen zwei Flugzeuge des Oligarchen Roman Abramowitsch, der enge Beziehungen zu Wladimir Putin haben soll, beschlagnahmen. Es handle sich um einen sogenannten Dreamliner (Boeing 787-8) und einen Privatjet des Herstellers Gulfstream, die zusammen rund 400 Millionen US-Dollar (gut 370 Millionen Euro) wert seien, teilte das Justizministerium am Montag mit. (Lesen Sie hier mehr.)

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankt sich in seiner abendlichen Videoansprache bei Großbritannien. »Ich bin Premierminister Boris Johnson dankbar für sein umfassendes Verständnis für unsere Forderungen und seine Bereitschaft, der Ukraine genau die Waffen zu liefern, die sie so dringend braucht, um das Leben unseres Volkes zu schützen.« Großbritannien hatte am Montag angekündigt, hochleistungsfähige Mehrfachraketenwerfer mit einer Reichweite von bis zu 80 Kilometern an die Ukraine zu liefern.

Mit Blick auf die Situation in der Ostukraine sagte Selenskyj: »Am 103. Tag hält der ukrainische Donbass kräftig stand.« In der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk halten die ukrainischen Truppen ihre Positionen demnach. »Unsere Helden geben ihre Stellungen in Sjewjerodonezk nicht auf. In der Stadt gehen die heftigen Straßenkämpfe weiter«, sagte er.

DER SPIEGEL

In Berlin soll es derweil um die EU-Beitrittsperspektive der Ukraine gehen. Selenskyj hat dafür einen Sondergesandten nach Deutschland geschickt, um Gespräche mit der Bundesregierung zu führen. Der Minister für regionale Entwicklung, Oleksij Tschernyschow, will am Dienstag und Mittwoch unter anderen Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD), Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD), Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) und in Abwesenheit von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) ihren Staatsminister Tobias Lindner (Grüne) treffen.

Die Ukraine hofft darauf, dass die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union sie beim Gipfeltreffen am 23. und 24. Juni zum EU-Beitrittskandidaten erklären. Kurz vorher wird die EU-Kommission dazu eine Empfehlung abgeben. Während sich andere EU-Staaten schon klar für einen Kandidatenstatus der Ukraine ausgesprochen haben, ist die Bundesregierung noch zurückhaltend.

»Die Europäische Union sollte die Ukraine umarmen«, forderte Tschernyschow vor seinen Gesprächen in Berlin. Er betonte aber auch, dass sein Land nicht bevorzugt behandelt werden wolle. »Wir erwarten keinen Beitritt durch die Hintertür und auch keine Überholspur für die Ukraine.« Deutschland spiele als wirtschaftsstärkstes und bevölkerungsreichstes Land der EU eine »entscheidende Rolle« in der Beitrittsfrage.

Selenskyj selbst sprach von einer Entscheidung nicht nur »für die Ukraine, sondern für das gesamte europäische Projekt«. Sie werde auch darüber entscheiden, ob die EU eine Zukunft habe oder nicht.

Internationale Reaktionen

Der Grünenpolitiker Anton Hofreiter fordert neue Sanktionspakete gegen Russland. »Beim Import von russischem Öl sollte die Europäische Union ein Käuferkartell errichten, um die Bezahlung an Russland zu deckeln«, sagte der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag der »Welt« . Zudem müssten die angekündigten Lieferungen von Waffen und Munition an die Ukraine schnell erfolgen. Hofreiter: »Die Ukraine muss den Krieg gewinnen.«

US-Außenminister Antony Blinken hat den Verdacht geäußert, dass Russland ukrainisches Getreide für den eigenen Profit stiehlt. Berichte, wonach Russland ukrainisches Getreide beschlagnahmt, um dieses selbst zu verkaufen, nannte Blinken am Montag in Washington »glaubwürdig«. Er erhob außerdem den Vorwurf, dass Moskau durch die Blockade ukrainischer Getreideausfuhren die Welt »erpressen« wolle.

Die russische Seeblockade des südukrainischen Hafens Odessa verhindere, dass Getreide von dort verschifft werde, sagte Blinken. Rund 20 Millionen Tonnen Weizen seien in Silos nahe Odessa »gefangen«. Dabei handle es sich um eine Strategie Putins, der erzwingen wolle, dass die restliche Welt nachgebe und ihre Sanktionen gegen Russland aufhebe.

Was heute passiert

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) besucht Litauen. Er wird in der Hauptstadt Vilnius Staats- und Regierungschefs der drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland treffen. Außerdem besucht er die mehr als 1000 in Litauen stationierten Bundeswehrsoldaten. Es ist der erste Besuch des Bundeskanzlers in den östlichen Nato-Staaten seit Kriegsbeginn.

  • Der Besuch der Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Odessa wird fortgesetzt. Die Grünenpolitikerin ist auf Einladung des ukrainischen Kulturministers Oleksandr Tkatschenko in der Stadt am Schwarzen Meer. Sie ist das erste Regierungsmitglied, das die ukrainische Hafenstadt seit Beginn des Krieges von Russland gegen die Ukraine besucht.

  • Im Berliner Ensemble steht ab 20 Uhr der erste größere öffentliche Auftritt der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Programm. Im Gespräch mit dem Journalisten und Buchautor Alexander Osang, der auch für den SPIEGEL schreibt, soll Merkel sich »den herausfordernden Fragen unserer Gegenwart« stellen. Mit Spannung wird etwa erwartet, wie sie sich angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine über ihre Russlandpolitik und die Lieferung schwerer Waffen an Kiew äußert.

bbr/dpa/Reuters/AFP
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