Die Nacht im Überblick Menschen warten auf Evakuierungen, Helfer sind überfordert

Moskau setzt laut den USA vermehrt Bomben und Raketen ein. Der Bürgermeister von Lwiw in der Westukraine bittet dringend um Unterstützung. Und die Uno spricht über ihre eigene Hilflosigkeit. Der Überblick.
Menschen tragen Kinder an einem Zug im Kiewer Bahnhof

Menschen tragen Kinder an einem Zug im Kiewer Bahnhof

Foto: Emilio Morenatti / dpa

Die humanitäre Lage in der Ukraine verschärft sich mit jedem weiteren Tag des Krieges drastisch. Die Vereinten Nationen zeigen sich mit der Situation überfordert: Die Uno sei derzeit nicht in der Lage, den Ukrainern angemessen zu helfen. Allein im westukrainischen Lwiw gibt es derzeit etwa 200.000 Kriegsflüchtlinge. Russland kündigte für Dienstagvormittag eine Feuerpause zur Evakuierung von Einwohnern in Kiew, Tschernihiw, Sumy, Charkiw und Mariupol an – ob sie hält, ist allerdings unklar.

Die wichtigsten aktuellen Entwicklungen im Überblick:

Was in den vergangenen Stunden geschah

Russland ist inzwischen mit fast allen Truppen in die Ukraine eingerückt, die sich in den vergangenen Monaten vor den Grenzen des Landes versammelt hatten. Das sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Nach westlichen Angaben hatte Russland vor Beginn seines Angriffs auf die Ukraine mehr als 150.000 Soldaten an den Grenzen aufmarschieren lassen.

Kirby bestätigte zudem einen US-Medienbericht, wonach Russland für den Häuserkampf in der Ukraine syrische Kämpfer anwerben will. Es sei unklar, wie viele Kämpfer Russland anwerben wolle oder bereits angeworben habe.

Abgesehen von Vorstößen in der Südukraine habe Russland »in den letzten Tagen keine wirklich nennenswerten Fortschritte gemacht«, sagte Kirby. Moskau setze vermehrt Bomben und Raketen ein, um den fehlenden Erfolg der Bodentruppen zu kompensieren. Diese vermehrten Bombenangriffe hätten jedoch »immer größere Auswirkungen« auf die Zivilbevölkerung, da Wohnhäuser, Kirchen, Krankenhäuser und Schulen zerstört würden, so Kirby. »Das Ergebnis ist, dass mehr Zivilisten getötet und verletzt werden.«

Allein die Stadt Lwiw im Westen der Ukraine ist laut ihrem Bürgermeister inzwischen zu einem Zufluchtsort für etwa 200.000 Menschen geworden, die vor Bombeneinschlägen und Raketenangriffen geflohen sind. »Dies ist eine extrem schwere Belastung für die Stadt, und heute stehen wir am Rande unserer Fähigkeiten«, sagte Andrij Sadowyj. Er bat internationale Organisationen um Unterstützung bei der Unterbringung der Kriegsflüchtlinge.

Menschen an einem Bahnhof in Lwiw

Menschen an einem Bahnhof in Lwiw

Foto: MARKO DJURICA / REUTERS

Auch in der von Russland belagerten Hafenstadt Mariupol spitzt sich die Lage weiter zu. »Es gibt keine Straße ohne kaputte Fenster, zerstörte Wohnungen oder Häuser«, erklärte der Stadtrat der südukrainischen Kommune. Die Stadt sei ohne Strom, Wasser und Gas.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will trotz der Kämpfe um Kiew die Hauptstadt nicht verlassen. »Ich bleibe in Kiew«, sagte er in einer Videobotschaft. Er verstecke sich nicht und habe vor niemandem Angst. »Wir sind alle vor Ort, alle arbeiten. Jeder, wo er muss. Ich bin in Kiew, mein Team mit mir.«

Nach Angaben des Präsidialamts rief Selenskyj die ukrainischen Soldaten zurück, die in Auslandsmissionen eingesetzt sind. Die »hochprofessionellen Militärs« würden im Kampf gegen die »russische Aggression« benötigt, hieß es. Ukrainischen Medien zufolge beteiligt sich das Land an Einsätzen im Kosovo, Kongo und der Elfenbeinküste.

Selenskyj kritisierte scharf einen russischen Luftangriff westlich von Kiew, bei dem nach ukrainischen Angaben mindestens 13 Zivilisten getötet worden waren. »Heute haben sie in Makariw in der Region Kiew eine Bäckerei beschossen. Wofür? Eine alte Bäckerei. Denken Sie nach: Sie beschießen eine Bäckerei. Wer muss man sein, um so etwas zu tun?«

Russische Truppen stehen nordwestlich von Kiew und versuchen, auch von Westen auf die Hauptstadt vorzurücken. Russland behauptet weiter, dass seine Truppen keine zivilen Ziele in der Ukraine angreifen.

DER SPIEGEL

Selenskyj sagte, man werde weiter mit Russland sprechen. »Wir sind Realisten. Deshalb werden wir reden. Wir werden auf Verhandlungen bestehen, bis wir einen Weg finden, unseren Menschen zu sagen: So kommen wir zum Frieden«, sagte er. Jeder Tag des Kampfes schaffe »bessere Bedingungen« für die Ukraine. »Eine starke Position. Um unsere Zukunft zu sichern. Nach diesem Krieg.«

Zudem hat Selenskyj Russland für die gescheiterte Evakuierung umkämpfter Städte verantwortlich gemacht. »Es gab eine Vereinbarung über humanitäre Korridore«, sagte er. »Hat es funktioniert? Die russischen Panzer haben stattdessen funktioniert, die russischen ›Grad‹ (Raketenwerfer), die russischen Minen.« Der ukrainische Präsident beschuldigte die russischen Truppen, die vereinbarte Route, über die Lebensmittel und Medikamente in die belagerte Stadt Mariupol im Süden der Ukraine gebracht werden sollten, »vermint« zu haben. Zudem hätten russische Soldaten die Busse zerstört, mit denen die Zivilisten aus den umkämpften Gebieten gebracht werden sollten.

Der ukrainische Infrastrukturminister Alexander Kubrakow meldete sich ebenfalls zu Wort: Er schätzt die Schäden am Verkehrssystem im Land durch den russischen Einmarsch auf bisher mehr als zehn Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 9,2 Milliarden Euro). Betroffen seien etwa Brücken, Eisenbahn und Flughäfen, sagte er laut der Onlinezeitung »Ukrajinska Prawda«. Und weiter: »Dieser Krieg ist nicht der unsere.« Die Ukraine verteidige die Interessen der gesamten zivilisierten Welt.

Das sagt Moskau

Die Regierung in Moskau wandte sich am Montagabend an westliche Politiker – und drohte mit einem Gaslieferstopp durch die Ostseepipeline Nord Stream 1. »Wir haben das volle Recht, eine ›spiegelgerechte‹ Entscheidung zu treffen und ein Embargo zu erlassen auf die Durchleitung des Gases durch die Pipeline Nord Stream 1, die heute maximal mit 100 Prozent ausgelastet ist«, sagte der russische Vizeregierungschef Alexander Nowak.

»Aber noch treffen wir diese Entscheidung nicht. Niemand gewinnt dabei.« Allerdings sehe sich Russland inzwischen durch die europäischen Politiker und ihre Anschuldigungen in diese Richtung gestoßen. Nowak erklärte auch, es sei »völlig offensichtlich, dass der Verzicht auf russisches Öl zu katastrophalen Folgen auf dem Weltmarkt führt«. Er sagte Preise von rund 300 US-Dollar je Barrel Öl voraus.

Nowak äußerte sich mit Blick auf die gestoppte Leitung Nord Stream 2, deren Inbetriebnahme Russland anstrebt. Mehr zu seinen Äußerungen können Sie hier nachlesen.

Das sagen die Verbündeten der Ukraine

Die Vereinten Nationen sind momentan angesichts der Millionen Bedürftigen in der Ukraine überfordert. »Wir schaffen es nicht, die heutigen Bedürfnisse der Zivilbevölkerung zu diesem Zeitpunkt zu erfüllen«, sagte Uno-Nothilfekoordinator Martin Griffiths bei einem weiteren Treffen des Uno-Sicherheitsrates in New York. Bei der Sitzung handelt es sich bereits um die siebte Dringlichkeitssitzung des mächtigsten Uno-Gremiums innerhalb von zwei Wochen.

Griffiths forderte angesichts der hohen Zahl an unbeteiligten Opfern den Schutz von Zivilisten. Es müsse bei den Kämpfen darauf geachtet werden, Zivilisten und zivile Häuser und Infrastrukturen zu schonen. Menschen müssten frei entscheiden können, ob und wohin sie fliehen. Auch müsse die sichere Lieferung von Hilfsgütern sichergestellt werden und eine permanente, stabile Kommunikation zwischen Uno-Helfern und den Konfliktparteien sichergestellt werden.

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Die Weltbank beschloss ein Paket für die Ukraine, das dem Land mehr als 700 Millionen Dollar (umgerechnet etwa 645 Millionen Euro) neuer Kredite und Hilfen einbringen soll. Die Organisation handle rasch, um die Ukraine angesichts von Gewalt und Zerstörung infolge des russischen Einmarsches zu unterstützen, sagte Weltbankpräsident David Malpass.

Der tschechische Präsident Miloš Zeman will seinem ukrainischen Kollegen Selenskyj die höchste Auszeichnung seines Landes verleihen: den Orden des Weißen Löwen. Selenskyj habe im Angesicht der russischen Aggression Mut und Tapferkeit gezeigt, sagte Zeman zur Begründung. Er würdigte, dass Selenskyj ein Evakuierungsangebot aus den USA ausgeschlagen habe und in Kiew geblieben sei, um die Verteidigung seines Landes zu lenken.

Wie es weitergeht

  • Für Dienstag hat Russland nach Angaben seines Uno-Botschafters eine Feuerpause ab 10 Uhr (8 Uhr MEZ) zur Öffnung humanitärer Korridore angekündigt. Bürger aus Kiew, Tschernihiw, Sumy, Charkiw und Mariupol sollen so evakuiert werden. Einer Stellungnahme des russischen Verteidigungsministeriums zufolge schienen die humanitären Korridore hauptsächlich oder komplett in Richtung Russland oder Belarus zu verlaufen. Botschafter Nebensja sagte aber, dass Flüchtlinge nicht unbedingt nach Russland geschickt würden. Am Wochenende waren zwei Anläufe für eine Evakuierung von Einwohnern gescheitert. Beide Seiten werfen einander vor, die Feuerpause ignoriert zu haben.

  • Selenskyj will per Videoschalte im britischen Parlament sprechen. Der Termin ist für 17 Uhr Ortszeit angekündigt.

  • Außerdem wollen Bundeskanzler Olaf Scholz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der chinesische Staatschef Xi Jinping am Dienstag miteinander sprechen. Dabei soll es um eine mögliche diplomatische Lösung für ein Ende des Krieges gehen.

  • Am Donnerstag wollen dann die Außenminister von Russland und der Ukraine zu einem Gespräch in der Türkei zusammenzukommen. Das Treffen von Sergej Lawrow und Dmytro Kuleba soll am Rande einer Konferenz in Antalya stattfinden, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu auf Twitter. Die Regierung in Moskau bestätigte dies nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen. Das Gespräch ist das erste hochrangige Treffen der Kriegsparteien seit Beginn der russischen Invasion vor zwölf Tagen.

aar/cop/dpa/AFP/Reuters