Was in der Nacht geschah Russland meldet weitere Vorstöße in Luhansk, USA wollen Druck auf Moskau erhöhen

Ukrainische Truppen geraten in Luhansk zunehmend in Bedrängnis. Die US-Regierung will beim G7-Gipfel Vorschläge zur Unterstützung Kiews machen. Und: Kommt Bewegung in die Getreideblockade? Der Überblick.
Ukrainischer Soldat in Sjewjerodonezk

Ukrainischer Soldat in Sjewjerodonezk

Foto: OLEKSANDR RATUSHNIAK / EPA

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die ukrainischen Truppen befinden sich in der Region Luhansk in einer zunehmend schwierigen Lage: Laut der russischen Nachrichtenagentur Tass steht Russland kurz vor der Einnahme des Dorfes Wowtschojariwka, das etwa zwölf Kilometer südwestlich von Lyssytschansk liegt. Tass beruft sich in dem Bericht auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, die den Truppen der Separatistenregion Luhansk nahestehen. Das Dorf liegt in der Nähe einer Hauptverkehrsstraße, die von Lyssytschansk in die südwestlich gelegene Stadt Bachmut führt. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, teilte mit, dass die russischen Streitkräfte weiterhin Reserven in der Zwillingsstadt Sjewjerodonezk auf der anderen Flussseite zusammenzögen, um die ukrainischen Truppen einzukesseln. Er weist Behauptungen Russlands zurück, die russischen Streitkräfte würden die Stadt bereits kontrollieren. »Die Gefechte gehen weiter«, sagte er im ukrainischen Fernsehen. »Die russischen Streitkräfte haben nicht die volle Kontrolle.«

Das Institute for the Study of War  berichtete in seiner jüngsten Analyse von »erfolgreichen Vorstößen« der russischen Streitkräfte am 21. Juni in Siedlungen südöstlich von Sjewjerodonezk. In den kommenden Tagen könnten sie in der Lage sein, »Lyssytschansk zu bedrohen«.

In Sjewjerodonezk kontrolliert die Ukraine eigenen Angaben zufolge nur noch das Territorium des Chemiewerks Asot. Mit einer Eroberung der Gegend und der zwei Städte würde Russland die gesamte Donbass-Teilregion Luhansk kontrollieren.

Derweil machen die Verhandlungen zum Durchbrechen der russischen Getreideblockade in der Ukraine offenbar Fortschritte. Uno-Sicherheitsratskreise bestätigten der Nachrichtenagentur dpa die Möglichkeit eines Treffens der Konfliktparteien zusammen mit Uno-Generalsekretär António Guterres in der Türkei – womöglich schon in der kommenden Woche. Die Gespräche befänden sich an einem Punkt, an dem der Uno-Chef direkt mit Russen und Ukrainern verhandeln würde, um einen Deal ins Trockene zu bringen.

Diplomaten in New York warnten aber auch vor zu viel Optimismus: Bislang gebe es keine Einigung zur Ausfuhr von Getreide aus der Ukraine über das Schwarze Meer. Das Misstrauen zwischen Moskau und Kiew sei nach wie vor sehr groß, und es gebe weiter eine Reihe Hürden bei den Verhandlungen. Eine weitere offene Frage sei, ob Russland sein Engagement bei den Gesprächen überhaupt aufrichtig meine, sagte ein westlicher Diplomat. Die Vereinten Nationen teilten offiziell lediglich mit, dass die Verhandlungen weitergingen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist zu einem Besuch in Iran eingetroffen. In der Hauptstadt Teheran kam er am Mittwoch zunächst mit Präsident Ebrahim Raisi zusammen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna berichtete. Bei den Gesprächen geht es nach offiziellen Angaben um die bilateralen Beziehungen. Russland ist auch an den Verhandlungen zur Wiederbelebung des internationalen Atomabkommens von 2015 beteiligt, mit dem verhindert werden soll, dass Iran an Atomwaffen kommt. Die Bemühungen stecken seit vielen Monaten fest.

Am Donnerstag steht für Lawrow in Teheran ein Treffen mit dem iranischen Außenminister Hossein Amir Abdollahian auf dem Programm. Thema dürfte auch der Krieg gegen die Ukraine sein. Iran fordert ein Ende des Konflikts, unterstützt aber Russland.

DER SPIEGEL

Das sagt Moskau

Russland wirft den USA die Blockade eines Flugs mit ausgewiesenen russischen Diplomaten vor. Die russische Maschine habe Diplomaten ausfliegen sollen, die von der US-Regierung angewiesen wurden, die Vereinigten Staaten bis Ende des Monats zu verlassen, teilte das Außenministerium in Moskau mit. Washington habe dies jedoch nicht erlaubt. Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa drohte deshalb am Mittwoch mit nicht näher bezeichneten Gegenmaßnahmen. Das US-Außenministerium äußerte sich nicht im Detail. Es beklagte aber, Russland stelle die Sachlage nicht richtig dar.

Internationale Reaktionen

Die USA wollen beim G7-Gipfel in Bayern nach Angaben aus dem Weißen Haus den Druck auf Russland erhöhen. Die USA würden bei dem an diesem Sonntag beginnenden Treffen »eine Reihe konkreter Vorschläge« dazu unterbreiten, sagte ein hochrangiger US-Regierungsmitarbeiter. Damit solle auch die gemeinsame Unterstützung für die Ukraine demonstriert werden. Details zu den Maßnahmen nannte er nicht.

Tschechiens Ministerpräsident Petr Fiala hat Russland vorgeworfen, neben dem Krieg gegen die Ukraine auch einen Wirtschaftskrieg gegen den Westen zu führen. Ziel sei, die demokratischen Staaten zu schwächen und zu destabilisieren, sagte der liberalkonservative Politiker am Mittwochabend in einer Fernsehansprache . Es bestehe die reale Gefahr, dass Russland in den nächsten Wochen oder Monaten den Gashahn zudrehen könnte.

Fiala kündigte einen Fünfjahresplan an, um die Abhängigkeit seines Landes von russischem Erdgas und Erdöl entscheidend zu verringern. Zudem kündigte er staatliche Entlastungsmaßnahmen gegen die Teuerung bei den Energiekosten an.

Kaja Kallas

Kaja Kallas

Foto: IMAGO/Martyn Wheatley / i-Images / IMAGO/i Images

Estland hat von den größeren EU-Staaten mehr Militärhilfe für die Ukraine im Krieg gegen Russland verlangt. Ministerpräsidentin Kaja Kallas sagte am Mittwoch, ihr Land habe für die Menschen in der Ukraine bereits »viel getan und kann nicht wirklich viel mehr tun«. Sie glaube aber, »dass es immer noch Möglichkeiten gibt, ihnen zu helfen, und zwar von den größeren Mitgliedstaaten«.

Außerdem machte Kallas sich dafür stark, die Ukraine offiziell zum Kandidaten für einen EU-Beitritt zu erklären. »Wir müssen der Ukraine Hoffnung geben«, sagte sie.

Wirtschaftliche Reaktionen

Dem Technologieunternehmen Microsoft zufolge greifen russische Hacker in großem Stil westliche Verbündete der Ukraine an. Sie nähmen insbesondere Regierungscomputer in Nato-Ländern ins Visier, warnte der Konzern  in der Nacht. Ziel Nummer eins seien die USA, aber insgesamt hätten Microsofts Experten Attacken russischer Hacker auf 128 Organisationen in 42 Ländern außerhalb der Ukraine festgestellt.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar sei es ihnen bei 29 Prozent der Angriffe gelungen, in die angegriffenen Netzwerke einzudringen, hieß es weiter. Mindestens bei jeder vierten erfolgreichen Attacke seien nachweislich Daten abgeschöpft worden.

Russland habe die IT-Infrastruktur der Ukraine sowohl mit Cyberattacken als auch mit Raketen angegriffen. Die Systeme hätten sich jedoch dank Schutzmaßnahmen als weitgehend widerstandsfähig erwiesen.

Was heute passiert

  • Beim EU-Gipfel, der in Brüssel beginnt, ist der Ukrainekrieg ein zentrales Thema. Die 27 EU-Staats- und Regierungschefs wollen unter anderem über den EU-Kandidatenstatus für die Ukraine und Moldau beraten.

  • In Berlin findet die NRW-Landrätekonferenz statt. Dort geht es auch um die Folgen des Ukrainekrieges. Mit dabei sind Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) sowie die Vorsitzenden der Fraktionen von SPD und Grünen im Bundestag, Rolf Mützenich und Britta Haßelmann.

  • Für 10.30 Uhr ist eine Pressekonferenz zur Potsdamer Konferenz für Nationale Cybersicherheit am Hasso-Plattner-Institut angekündigt. Thema sind die Cyberangriffe auf Behörden, Organisationen und Unternehmen auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs.

bbr/dpa/Reuters