Krieg in der Ukraine – was in der Nacht geschah Selenskyj verspricht Wiederaufbau, sein Berater dämpft Hoffnung auf baldigen Frieden

In seiner jüngsten Videobotschaft erklärt der ukrainische Präsident, Programme zum Wiederaufbau von zerstörten Häusern seien bereits in Arbeit. Russland kritisiert die »unverzeihliche Rhetorik« der US-Regierung. Der Überblick.
Feuer in einem Wohnhaus in Kiew

Feuer in einem Wohnhaus in Kiew

Foto: ARIS MESSINIS / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Nach Angaben der Ukraine blockieren Schiffe der russischen Marine weiterhin die Schifffahrt im nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres. Das teilte der ukrainische Generalstab in einem in der Nacht zu Donnerstag veröffentlichten Bericht zur militärischen Lage  mit.

Darin heißt es weiter, an Land konzentrierten sich die russischen Einheiten vor allem auf die Sicherung ihrer Geländegewinne. Es gebe Bemühungen russischer Truppen, südlich der Stadt Isjum vorzudringen – wohl um eine Offensive in Richtung Slowjansk fortzusetzen. Dabei seien sie aber nicht erfolgreich. Die humanitäre Lage in Isjum im Nordosten des Landes, das von der russischen Armee belagert wird, gilt als katastrophal. Zuletzt war in dem Gebiet ukrainischen Angaben zufolge auch das Himmelfahrtskloster Swjatohirsk bei Gefechten beschädigt worden.

Im Süden versuchten russische Einheiten nach einem ukrainischen Angriff auf den von Russland kontrollierten Flugplatz nahe der Stadt Cherson die verbliebene Ausrüstung zu verlegen, hieß es weiter. Ukrainischen Militärangaben und Medienberichten zufolge soll der Flugplatz zuletzt mehrmals von ukrainischer Artillerie angegriffen worden sein, dabei seien Dutzende Hubschrauber zerstört worden.

In der Nacht zu Donnerstag sollen laut dem Oberkommandierenden der ukrainischen Armee , Walerij Saluschnyj, zwei weitere russische Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-35 und Su-30 über der Region Kiew zerstört worden sein. Insgesamt habe man binnen 24 Stunden mehr als zehn »Luftziele« Russlands ausgeschaltet. Die Angaben können nicht unabhängig geprüft werden.

Video aus Saporischschja in der Südukraine: im umkämpften Niemandsland

DER SPIEGEL

Neue Meldungen gibt es auch aus Mariupol: In dem offenbar von der russischen Armee bombardierten Theater der Stadt befanden sich wohl weit mehr Zivilisten als zunächst gedacht. Der Mariupoler Stadtrat teilte mit, in dem Gebäude hätten mehr als tausend Menschen Schutz gesucht. Zunächst war von Hunderten Zivilisten die Rede gewesen. Wie viele Personen verletzt wurden oder starben, ist bisher unklar. Das russische Verteidigungsministerium dementierte den Angriff auf das Theater.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im vergangenen Monat sind insgesamt drei Schiffe mit der Flagge Panamas im Schwarzen Meer von russischen Raketen getroffen worden. Wie Panamas Schifffahrtsbehörde mitteilte, ist eines der Schiffe sogar gesunken. Opfer soll es aber keine gegeben haben.

Der von russischen Truppen entführte Bürgermeister der ukrainischen Stadt Melitopol, Iwan Fedorow, ist wieder in Freiheit. Nach Angaben aus Kiew ließ die Ukraine im Gegenzug neun junge russische Soldaten frei.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat allen Bürgerinnen und Bürgern versprochen, ihre im Krieg zerstörten Häuser und Wohnungen wieder aufzubauen. Programme zum Wiederaufbau seien bereits in Arbeit, sagte er in einer Videobotschaft, die in der Nacht zu Donnerstag veröffentlicht wurde.

Über die Verhandlungen mit Russland sagte Selenskyj, diese liefen weiter. Seine Prioritäten seien klar: »Ein Ende des Krieges, Sicherheitsgarantien, Souveränität und Wiederherstellung der territorialen Integrität, echte Garantien für unser Land, echter Schutz für unser Land.«

Ein Berater Selenskyjs warnte derweil vor Hoffnungen auf eine baldige Friedenslösung. Wenn die russische Führung nun sage, sie sei an einer friedlichen Lösung interessiert, sei dies ein Täuschungsmanöver, sagte Alexander Rodnyansky in der ARD-Sendung »maischberger. die woche«. Russland habe das Ziel, Zeit zu kaufen und auch bei den Menschen in Europa Hoffnung zu schüren, dass es einen Frieden geben könne, sagte Rodnyansky. In dieser Zeit wolle Russland neue Truppen heranziehen – und dann wieder eine Offensive starten.

»Natürlich glauben wir alle in der Ukraine, dass wir diesen Krieg gewinnen können«, sagte Rodnyansky weiter. Es sei nur die Frage, wie lange es dauere – und »wie viele Menschen noch sterben werden, bis wir ihn gewinnen«.

Präsident Selenskyj hatte sich am Mittwoch zudem mit eindringlichen Worten per Video an den US-Kongress gewandt. »Russland hat den ukrainischen Himmel zur Quelle des Todes für Tausende Menschen gemacht«, sagte er. Es müsse jede Woche neue Sanktionen gegen Russland geben, während die Ukraine dringend mehr Waffen und eine Flugverbotszone benötige. »Jetzt, in der dunkelsten Stunde für unser Land und für ganz Europa, fordere ich Sie auf, mehr zu tun«, sagte er einer englischen Übersetzung zufolge.

Die amerikanischen Abgeordneten und Senatoren reagierten mit stehendem Applaus auf Selenskyjs Worte. Eine Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses zu halten, gilt als besondere – und seltene – Ehre. Mehr zu Selenskyjs Rede und seinen Forderungen können Sie hier nachlesen .

Internationale Reaktionen

US-Präsident Joe Biden hat weitere Waffenlieferungen und Militärhilfen in Millionenhöhe für die Ukraine angekündigt. Außerdem nannte er Russlands Präsident Wladimir Putin angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erstmals öffentlich einen »Kriegsverbrecher«. Auf die Frage, warum Biden nun seine Wortwahl geändert habe, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki: »Er sprach aus seinem Herzen und basierend auf dem, was er im Fernsehen gesehen hat – nämlich die barbarischen Handlungen eines brutalen Diktators durch seine Invasion eines fremden Landes.«

Russland wies den Vorwurf laut Medienberichten scharf zurück. Bidens Bemerkung sei »inakzeptable und unverzeihliche Rhetorik«, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Tass.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und weitere Staats- und Regierungschefs zu einem Solidaritätsbesuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufgefordert. »Sie sollen in die Augen der Frauen und Kinder blicken und ihnen helfen, ihre Leben und ihre Eigenständigkeit zu retten«, sagte er der »Bild«-Zeitung. Außerdem forderte Morawiecki die Bundesregierung zu einem Importstopp russischer Öl- und Gaslieferungen auf: Wer Putins Kriegsmaschinerie stoppen wolle, müsse die Öl- und Gasimporte aus Russland stoppen.

Am Dienstag waren die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien mit einem Zug nach Kiew gereist , um sich mit Selenskyj zu treffen. Sie wollten so ihre Unterstützung für den Freiheitskampf der Ukraine gegen Russland signalisieren.

So geht es heute weiter

  • Um neun Uhr wird sich der ukrainische Präsident per Videoschalte an die Abgeordneten des Bundestags wenden. Selenskyj wird sich zur Lage in seinem Land äußern. Dabei dürfte er auch Forderungen stellen, etwa nach weiteren Waffenlieferungen aus Deutschland. Für die Rede sind 20 Minuten vor dem Beginn der regulären Sitzung vorgesehen.

  • Gegen 11.30 Uhr empfängt Bundeskanzler Olaf Scholz Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Berlin – auch dabei wird der Krieg in Osteuropa Thema sein. Stoltenberg trifft um 18.30 Uhr auch Außenministerin Annalena Baerbock.

  • Am Mittag will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Flüchtlinge aus der Ukraine sowie Helferinnen und Helfer am Berliner Hauptbahnhof treffen.

  • Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder beraten ab 14 Uhr mit Kanzler Scholz über den Umgang mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Aus den Ländern gibt es Forderungen an den Bund, die Verteilung der Neuankömmlinge besser zu koordinieren und außerdem die Kosten für deren Versorgung zu übernehmen.

  • Ab 15 Uhr befasst sich der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit der Lage der ukrainischen Flüchtlinge.

  • Voraussichtlich ab 20 Uhr deutscher Zeit berät der Uno-Sicherheitsrat zum neunten Mal seit der Eskalation in der Ukraine über Russlands Angriffskrieg. Die Dringlichkeitssitzung des mächtigsten Uno-Gremiums wurde unter anderem von Irland, Großbritannien, den USA, Frankreich, Albanien und Norwegen beantragt. In einem Tweet sagte die britische Uno-Vertretung zur Begründung: »Russland begeht Kriegsverbrechen und greift Zivilisten an.«

aar/dpa/Reuters
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