Krieg in Osteuropa Zivilisten verstecken sich unter Chemiefabrik, Baerbock verspricht Ukraine lange Unterstützung – das geschah in der Nacht

Sjewjerodonezk ist offenbar weitgehend unter russischer Kontrolle. Außenministerin Baerbock stellt weitere Waffenlieferungen in Aussicht. Und: Der ukrainische Parlamentspräsident will Scholz nach Kiew einladen. Der Überblick.
Rauchwolken über Sjewjerodonezk: Die ostukrainische Stadt ist heftig umkämpft

Rauchwolken über Sjewjerodonezk: Die ostukrainische Stadt ist heftig umkämpft

Foto: Aris Messinis / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die Stadt Sjewjerodonezk in der Ostukraine ist weiter heftig umkämpft. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die ukrainischen Streitkräfte hätten einen Teilerfolg in der Stadt erzielt. Die militärische Lage im Donbass habe sich in den vergangenen 24 Stunden jedoch insgesamt nicht verändert.

Der Gouverneur der Region Luhansk berichtete hingegen gegenüber dem Fernsehsender »Ukraina 24«: »Was die heutige Situation in Sjewjerodonezk betrifft, muss ich leider sagen, dass es der russischen Armee gelungen ist, tief in die Stadt vorzudringen. Sie kontrolliert den größten Teil der Stadt«. Die ukrainischen Kämpfer hielten ihre Stellungen in einem Teil der Stadt aber aufrecht. »Ich würde also Skeptikern raten, Sjewjerodonezk nicht abzuschreiben. Dafür ist es noch zu früh. Die Stadt hält stand«, so der Gouverneur.

Nach übereinstimmenden ukrainischen und russischen Angaben verstecken sich in Sjewjerodonezk Zivilisten in Bunkern unter einer Chemiefabrik. Diese werde weiter von ukrainischen Soldaten verteidigt, sagte Gouverneur Serhij Hajdaj dem US-Sender CNN . Die ukrainische Verwaltung des fast an Russland verlorenen Gebiets Luhansk sprach am Donnerstag von etwa 800 Menschen in der Fabrik Asot. »Das sind Einheimische, die gebeten wurden, die Stadt zu verlassen, die sich aber geweigert haben. Auch Kinder sind dort, aber nicht sehr viele«, so Hajdaj.

Ein Sprecher der prorussischen Separatisten von Luhansk warf den ukrainischen Bewaffneten vor, die Zivilisten in das Werk gelockt zu haben und sie mit Gewalt am Verlassen zu hindern. Das meldete die Agentur Tass.

Das sagt Kiew

Die Ukraine sieht im Zuge des Angriffskriegs von Kremlchef Wladimir Putin inzwischen ein Fünftel ihres Staatsgebiets von russischen Truppen besetzt. »Stand heute sind 20 Prozent von unserem Gebiet unter Kontrolle der Besatzer«, sagte Selenskyj nach Angaben der Präsidialverwaltung  in Kiew am Donnerstag bei einer Videoschalte vor dem luxemburgischen Parlament.

In seiner späteren Videoansprache dankte Selenskyj den USA und anderen Verbündeten für die jüngsten Zusagen zur Lieferung moderner Waffen. Dabei erwähnte er vor allem die Mehrfachraketenwerfer vom Typ HIMARS aus den USA. »Diese Waffen werden wirklich dazu beitragen, das Leben unseres Volkes zu retten und unser Land zu schützen«, sagte Selenskyj. Er dankte auch Schweden, das am Donnerstag unter anderem Schiffsabwehrraketen zusagte. Eine Hilfe sei auch das neue sechste Sanktionspaket der EU gegen Russland mit einem weitgehenden Ölembargo.

Ruslan Stefantschuk

Ruslan Stefantschuk

Foto: IMAGO/Frederic Kern / IMAGO/Future Image

Der ukrainische Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk hat eine rasche Lieferung der von Deutschland angekündigten Waffensysteme gefordert. Er begrüßte gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe  die jüngste Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Waffen wie das Luftabwehrsystem Iris-T-SLM in die Ukraine zu schicken. »Für uns ist es sehr wichtig, dass das Eis gebrochen ist und die Ukraine die Chance hat, die neuesten und modernsten Waffen aus Deutschland zu bekommen.« Mit jedem Tag des Krieges würden fast 100 Ukrainerinnen und Ukrainer getötet und 500 verletzt.

»Natürlich würde sich die Ukraine mehr Waffen aus Deutschland wünschen«, sagte Stefantschuk. »Wir brauchen vor allem schwere Waffen wie Panzerhaubitzen, Mehrfachraketenwerfer, Luftabwehrsysteme und Seezielgeschütz.« Außerdem kündigte er an, Scholz nach Kiew einzuladen um eine Rede vor dem ukrainischen Parlament zu halten.

DER SPIEGEL

Internationale Reaktionen

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock hat der Ukraine Solidarität und Unterstützung zugesichert. In einem Gastbeitrag für »Bild«  schrieb die Grünenpolitikerin: »Wir werden der Ukraine weiter beistehen. So lange, bis es keine weiteren Butschas mehr gibt. Damit auch für die Menschen in der Ukraine das wieder normal ist, was für uns eine solche Selbstverständlichkeit ist: Ein Leben in Freiheit.«

Zur Unterstützung zählten auch weitere Waffenlieferungen: »Putin setzt auf Ausdauer – und auf Erschöpfung bei uns.« Jedem Dorf drohe das Schicksal von Butscha. »Deswegen müssen wir gerade jetzt der Ukraine weiter beistehen. Auch mit Waffen, weil Putin mit Worten nicht zu stoppen ist.« Solange die Ukraine nicht sicher sei, sei auch Europa nicht sicher. »Wenn Putin in der Ukraine nicht gestoppt wird, droht immer neue Aggression.« Deutschland habe als größtes Land der EU eine Verantwortung zu handeln.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erwartet im Herbst und Winter große gesellschaftliche Auseinandersetzungen über die Folgekosten des russischen Krieges gegen die Ukraine. »Wir werden einen dramatischen Anstieg der Heizkosten erleben«, sagte er in der ZDF-Sendung »Maybrit Illner«. »Ob da dann die politischen Maßnahmen ausreichen, um gesellschaftlichen Frieden und das Gefühl, dass es fair in diesem Land zugeht, durchzuhalten, das wird die entscheidende Frage des Herbstes und des Winters werden. Da bin ich noch nicht ganz sicher.«

Theologen und Politiker haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aufgefordert, die Beziehungen zur Führung der russisch-orthodoxen Kirche wegen der Parteinahme für den Angriffskrieg gegen die Ukraine auf Eis zu legen. Es solle »ein Moratorium für jeglichen bilateralen Dialog« auf Ebene der Kirchenleitungen ausgesprochen werden, heißt in einem offenen Brief, über den die Zeitung »Welt«  berichtet.

Die Hierarchie der russisch-orthodoxen Kirche schaffe »mit ihrer Kriegslegitimation« und der Ablehnung unveräußerlicher Menschenrechte »eine geistige und geistliche Basis für eine autokratische Staatsmacht mit revisionistischen und diktatorischen Zügen«, heißt es dem Bericht zufolge in dem Schreiben. Da der Angriffskrieg mit ihrem Segen geführt werde, sei die Moskauer Führungsspitze der russisch-orthodoxen Kirche »ein wesentlicher Teil der russischen Kriegsmaschinerie«. Das Schreiben richtet sich demnach an den Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), Ioan Sauca, sowie den Rat der EKD.

Der Tschad hat der Nachrichtenagentur AFP zufolge wegen der steigenden Preise für Lebensmittel infolge des Ukrainekriegs den »Nahrungsmittelnotstand« ausgerufen. Das erklärte der Vorsitzende der in dem afrikanischen Land regierenden Militärjunta, Mahamat Idriss Déby Itno, am Donnerstag. Er verwies auf die »ständige Verschlechterung der Nahrungsmittel- und Ernährungslage« und warnte vor einer wachsenden Gefahr für die Bevölkerung, wenn keine humanitäre Hilfe geleistet werde.

Was heute passiert

Der Präsident des ukrainischen Parlaments, Ruslan Stefantschuk, ist zu Gast in Berlin. Dabei steht auch ein Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Programm.

Spitzenpolitiker der Afrikanischen Union bemühen sich bei Russlands Präsident Wladimir Putin um Aufhebung der Getreideblockade. Sie fordern wegen der Hungerkrise in Afrika einer Öffnung der ukrainischen Häfen.

bbr/dpa/AFP/Reuters
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