Krieg in Osteuropa Kämpfe auf dem Donbass gehen weiter, Melnyk will schnelle Waffenlieferungen – das geschah in der Nacht

Das Verteidigungsministerium in Kiew spricht von bis zu 100 toten und 500 verwundeten Soldaten täglich. Der ukrainische Botschafter kritisiert Deutschland. Und: Zwei Bundesminister in der Ukraine. Der Überblick.
Ukrainischer Soldat in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk: In weiten Teilen in russischer Hand

Ukrainischer Soldat in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk: In weiten Teilen in russischer Hand

Foto: Oleksandr Ratushniak / dpa

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die von der Regierung in Moskau unterstützte selbst ernannte Volksrepublik Luhansk will Getreide aus eingenommenen Gebieten mit der Bahn nach Russland liefern. Das berichtet die Nachrichtenagentur Tass. »Morgen ist ein historischer Moment – die ersten Waggons mit Getreide werden nach Russland fahren, 50 Waggons, mehr als 3000 Tonnen«, zitiert Tass Landwirtschaftsminister Juri Pronko. Laut Tass lagern 300.000 Tonnen Weizen und 200.000 Tonnen Sonnenblumenkerne in Speichern in »befreiten« Gebieten. Die Ukraine wirft Russland vor, Getreide aus eroberten Gebieten zu stehlen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Lage als weiterhin schwierig beschrieben. »Die Frontsituation über den Tag – ohne wesentliche Änderungen«, sagte er am Donnerstag in einer Videobotschaft in Kiew. Der strategisch wichtige Ort Sjewjerodonezk und seine Nachbarstadt Lyssytschansk sowie andere Städte im Donbass, die die russischen Angreifer derzeit als Schlüsselziele im Osten des Landes betrachten würden, könnten sich wirksam verteidigen. »Wir bewegen uns allmählich in der Region Charkiw voran und befreien unser Land.«

Zur Lage im Süden der Ukraine sagte Selenskyj: »Wir haben eine gewisse positive Wirkung im Gebiet von Saporischschja, wo es möglich ist, die Pläne der Eindringlinge zu durchkreuzen.« Auch in Richtung Mykolajiw halte die Verteidigung.

Die russischen Truppen erleiden ukrainischen Angaben zufolge beim Kampf um Sjewjerodonezk erhebliche Verluste. »Die Russen haben wesentlich mehr Verluste als die Ukrainer«, teilte der Luhansker Gouverneur Serhij Hajdaj am Donnerstag bei Facebook mit. Das Verhältnis liege »bei eins zu zehn«. Zu ukrainischen Verlusten könne er keine Angaben machen. Die russische Armee habe die Überreste von Einheiten aus der Teilrepublik Burjatien im Fernen Osten Russlands abgezogen, so Hajdaj. »Sie sterben wie die Fliegen.« Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

Russische Kräfte hatten in der vergangenen Woche den Großteil der Industriestadt erobert. Die Ukrainer mussten sich in das Industriegebiet und nach Lyssytschansk zurückziehen. Russische Truppen haben mittlerweile mehr als 90 Prozent des Gebiets Luhansk unter ihre Kontrolle gebracht.

Das sagt die Ukraine

Präsident Selenskyj warb in seiner Videobotschaft für eine weitere Annäherung der Europäischen Union an sein Land. »Die meisten Europäer unterstützen die Integration der Ukraine. Und wenn die Europäer es unterstützen, sollten sich Politiker, die in einigen Ländern noch Zweifel haben, nicht den Menschen, der Gesellschaft und dem Lauf der europäischen Geschichte entgegenstellen.«

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow hat die Lage im Krieg gegen Russland als hart bezeichnet. »Die Situation an der Front ist schwierig. Jeden Tag werden bis zu 100 unserer Soldaten getötet und bis zu 500 verwundet«, schrieb Resnikow am Donnerstag in einem Beitrag bei Facebook. Russland erleide zwar große Verluste: »Aber es gibt immer noch Kräfte, die in einigen Teilen der Front vorrücken.« Die Ukraine brauche dringend schwere Waffen. »Wir haben bewiesen, dass wir im Gegensatz zu vielen anderen den Kreml nicht fürchten. Aber als Land können wir es uns nicht leisten, unsere besten Söhne und Töchter zu verlieren.«

DER SPIEGEL

Deutschland hatte der Ukraine jüngst Waffenlieferungen zugesagt. Allerdings gebe es bisher keinerlei Klarheit, wann die Mehrfachraketenwerfer Mars aus Beständen der Bundeswehr übergeben werden, kritisierte der Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, gegenüber dem »Tagesspiegel« .

»Wir erwarten, dass die Ampel dieses Versprechen zügig erfüllt, weil unsere Truppen dieses Waffensystem am dringlichsten brauchen, um die ukrainische Zivilbevölkerung vor barbarischen Angriffen Russlands zu schützen.« Man müsse dringend die »enorme militärische Überlegenheit« Russlands brechen.

Zudem reiche eine Einheit vom Luftabwehrsystem Iris-T nicht. Die Ukraine brauche mittelfristig mindestens zehn weitere solche Systeme samt Munition, um ihre Verteidigungsfähigkeit zu stärken. »Das könnte zum Game-Changer werden. Es wäre ein Präzedenzfall, wenn Deutschland zum ersten Mal keine alten, sondern wirklich moderne schweren Waffen liefert.«

Das sagt Russland

Russlands Präsident Wladimir Putin zieht Parallelen zwischen seiner Politik und jener Peters des Großen während dessen Kriegs gegen Schweden im 18. Jahrhundert. Putin sagte am Donnerstag nach einem Besuch einer Ausstellung zum 350. Geburtstag Peters des Großen in Moskau, es könne der Eindruck entstehen, dass der Zar etwas »an sich gerissen« habe, indem er gegen Schweden kämpfte. Doch Peter der Große habe »nichts genommen, er hat es zurückgeholt«, fügte Putin hinzu.

Als Peter der Große St. Petersburg gegründet und zur russischen Hauptstadt ernannt habe, habe »keines der Länder in Europa dieses Gebiet als zu Russland gehörend anerkannt«, sagte Putin nach dem Besuch der Ausstellung »Peter der Große: Geburt eines Reiches« vor russischen Jungunternehmern. »Alle haben es als Teil Schwedens betrachtet. Aber seit Menschengedenken haben dort Slawen Seite an Seite mit finno-ugrischen Völkern gelebt.«

Das »Zurückholen und die Stärkung« sei auch heute Aufgabe der Verantwortlichen in Russland, behauptete der Kremlchef, offenbar in Anspielung auf die Offensive in der Ukraine. »Ja, es hat Zeiten in der Geschichte unseres Landes gegeben, in denen wir gezwungen waren, uns zurückzuziehen – aber nur, um unsere Stärke wiederzuerlangen und nach vorne zu gehen.«

Internationale Reaktionen

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat der Ukraine bei Bedarf die Lieferung weiterer schwerer Waffen zugesichert. In einem Telefonat mit Selenskyj habe Macron betont, dass sein Land weiter an der Seite der Ukraine stehe, teilte der Élysée-Palast am Donnerstagabend in Paris mit. Macron habe Selenskyj nach den Bedürfnissen in Bezug auf militärische Ausrüstung, politische und finanzielle Unterstützung sowie humanitäre Hilfe gefragt. Außerdem habe er sich über die jüngsten Entwicklungen vor Ort informiert.

Emmanuel Macron

Emmanuel Macron

Foto: POOL / REUTERS

Wirtschaftliche Reaktionen

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Ukraine ist im Auftaktquartal um 15,1 Prozent eingebrochen im Vergleich zum selben Vorjahreszeitraum. Das teilt das nationale Statistikamt in einer ersten Analyse mit. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaftsleistung in der Ukraine um 3,4 Prozent gewachsen, verglichen mit 2020. Die Weltbank rechnet wegen des Kriegs für 2022 mit einem Einbruch des BIP in der Ukraine um 45,1 Prozent.

Was heute passiert

  • In Bukarest findet ein Treffen von neun osteuropäischen Nato-Ländern statt. Der russische Angriff gegen die Ukraine ist das Hauptthema. Beteiligt sind Rumänien, Bulgarien, Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei und die drei baltischen Staaten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nimmt per Video teil

  • In Luxemburg treffen sich die EU-Innenminister- und ministerinnen. Unter anderem soll über den Umgang mit Geflüchteten aus der Ukraine beraten werden

  • Deutschlands Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) besucht die Ukraine. Er will dem kriegsgeplagten Land Unterstützung bei der Versorgung der Verletzten anbieten

  • Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) wird einem Medienbericht zufolge am Freitag den ukrainischen Agrarminister Mykola Solskyj in Kiew treffen. Wie die »Rheinische Post« vorab berichtet, folgt der Minister damit der Einladung seines ukrainischen Amtskollegen und wird sich insgesamt zwei Tage in der Ukraine aufhalten. Bei dem Besuch gehe es ihm um die Anerkennung der ukrainischen Landwirte, sagt Özdemir der Zeitung in einem Interview: »Sie leisten Übermenschliches, in dem sie ihr Land verteidigen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Ukraine und die Welt mit Lebensmitteln versorgt werden.« Es sei ihm persönlich ein Anliegen Solidarität mit den Ukrainern in schwierigen Zeiten zu zeigen

bbr/dpa/Reuters/AFP
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