Krieg in der Ukraine Russische Einheiten ausgebremst, offenbar Angriff auf Fluchtkorridor – das geschah in der Nacht

Der ukrainischen Armee zufolge haben russische Truppen schwere Verluste erlitten. Nun sollen sie sich neu formiert haben. Satellitenbilder zeigen offenbar die Verlagerung eines großen russischen Militärkonvois. Der Überblick.
Soldaten nahe den Städten Irpin und Butscha

Soldaten nahe den Städten Irpin und Butscha

Foto: IMAGO/Pavel Nemecek / IMAGO/CTK Photo

Die ukrainischen Streitkräfte wollen nach eigenen Angaben die Angriffe russischer Einheiten verlangsamt haben. Moskau kündigt tägliche Fluchtkorridore aus Ukraine nach Russland an. Gleichzeitig beschuldigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die russischen Truppen des Angriffs auf einen Fluchtkorridor aus der belagerten Hafenstadt Mariupol. Der ukrainische Botschafter in Berlin kritisiert die Bundesregierung. Die wichtigsten aktuellen Entwicklungen im Überblick:

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben Angriffe russischer Einheiten an mehreren Orten zurückgehalten und gebremst. Im Norden des Landes seien russische Truppen dabei gestoppt worden, in die Stadt Tschernihiw vorzudringen, hieß es in einem auf Facebook veröffentlichten Bericht des ukrainischen Generalstabs . Rund um die Stadt Charkiw im Osten des Landes setze Russland seine Versuche fort, die Stadt von Norden her zu blockieren – diese seien weiter erfolglos geblieben.

Demnach sollen russische Truppen »gestoppt und demoralisiert« worden seien. Das berichtet die staatliche ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform unter Berufung auf den Generalstab. Außerdem hätten die Russen schwere Verluste erlitten. Das russische Militär habe sich danach neu formiert und die Bestände an Raketen, Munition und Treibstoff wieder aufgefüllt, heißt es weiter. Die Meldung konnte bisher nicht unabhängig bestätigt werden.

In den Einsatzgebieten am Schwarzen und Asowschen Meer hätten nach ukrainischen Angaben die Wetterverhältnisse Schiffe der russischen Marine dazu gezwungen, zu ihren Stützpunkten zurückzukehren. Im Süden versuchten die Besatzer zudem, an den von ihnen erreichten Punkten Fuß zu fassen, die Kontrolle über die Stadt Mykolayiw zu erlangen und eine Offensive in Richtung Saporischschja und Krywyj Rih zu entwickeln, hieß es in dem Bericht weiter. Die russischen Truppen seien gestoppt worden und hätten Verluste erlitten. Die Angaben können nicht unabhängig geprüft werden.

Nach Einschätzung des Pentagons versucht das russische Militär, ukrainische Städte zu umzingeln – darunter auch die Hauptstadt Kiew. »Charkiw und Tschernihiw, Mariupol – wir sehen diese Bemühungen, einzukreisen und zu umzingeln«, sagte ein hoher US-Verteidigungsbeamter. Man beobachte dies auch rund um Kiew. Die russischen Soldaten kämen von mehreren Seiten, so der Beamte. »Was wir also sehen, sind diese verschiedenen Vorstoßlinien in Richtung Kiew.« Die Hauptstadt sei aber viel größer als die anderen Orte und werde stark verteidigt.

Die russischen Streitkräfte seien in den vergangenen 24 Stunden weiter vorgerückt und hätten schätzungsweise fünf Kilometer gut machen können, hieß es weiter. Das sei aber im Verhältnis gar nicht so viel. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man keine Aussage dazu treffen, wie lange es dauere, bis die Russen möglicherweise richtig in Kiew eindringen. Stellenweise seien die russischen Soldaten um die 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Zudem sollen Satellitenbilder des in den USA ansässigen Unternehmens Maxar Technologies zeigen, dass ein großer russischer Militärkonvoi, der zuletzt nordwestlich von Kiew in der Nähe des Antonow-Flughafens gesehen wurde, weitgehend aufgelöst und verlagert worden sei. Laut dem Unternehmen zeigen die Bilder gepanzerte Einheiten, die in und durch die umliegenden Städte in der Nähe des Flughafens manövrieren. Teile des Konvois sollen weiter nördlich in der Nähe von Lubjanka neu positioniert worden sein.

Laut Maxar zeigt das Satellitenbild Teile des Konvois in der Nähe von Lubjanka

Laut Maxar zeigt das Satellitenbild Teile des Konvois in der Nähe von Lubjanka

Foto: AP

Die russischen Soldaten haben nach Angaben des ukrainischen Parlaments ein Institut in der Stadt Charkiw beschossen, das einen nuklearen Forschungsreaktor hat. In der Nähe des Instituts habe eine Herberge Feuer gefangen, teilt das Parlament mit.

Humanitäre Lage:

Binnen zwei Tagen sind Präsident Selenskyj zufolge in der Ukraine etwa 100.000 Menschen aus umkämpften Städten in Sicherheit gebracht worden. Allein am Donnerstag konnten demnach 40.000 Menschen über die mit Russland ausgehandelten Fluchtkorridore aus belagerten Städten fliehen. Gleichzeitig beschuldigte Selenskyj in einem Video Russland des Angriffs auf einen Fluchtkorridor aus der belagerten Hafenstadt Mariupol.

Die Menschen in der strategisch wichtigen Stadt am Asowschen Meer sind bereits seit zehn Tagen eingeschlossen. Hilfsorganisationen berichten von einer dramatischen Lage der rund 300.000 Zivilisten, die dort ohne Wasser oder Strom ausharren. Bereits in den vergangenen Tagen waren lokale Waffenruhen für Evakuierungen aus Mariupol gescheitert. Moskau und Kiew wiesen sich dafür gegenseitig die Schuld zu.

Menschen unter einer zerstörten Brücke in Mariupol

Menschen unter einer zerstörten Brücke in Mariupol

Foto:

DIMITAR DILKOFF / AFP

Die russische Regierung hat indessen angekündigt, Zivilisten einseitig die Ausreise nach Russland zu ermöglichen. »Wir geben offiziell bekannt, dass humanitäre Korridore für die Russische Föderation von nun an einseitig, ohne Koordination, jeden Tag ab 10 Uhr morgens (8 Uhr MEZ) geöffnet werden«, teilte das Moskauer Verteidigungsministerium mit. Über Fluchtrouten »in andere Richtungen« würde von Fall zu Fall mit der ukrainischen Seite verhandelt.

Nach russischen Angaben sind bislang »mehr als 187.000 Menschen« aus der Ukraine nach Russland in Sicherheit gebracht worden. Von unabhängiger Seite war diese Angabe nicht zu überprüfen. Die Uno schätzt, dass mittlerweile mehr als 2,3 Millionen Flüchtlinge wegen des Angriffskriegs die Ukraine verlassen haben.

Das sagt Kiew:

Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, hat die aus seiner Sicht zögerliche Haltung der Bundesregierung zu Waffenlieferungen an die Ukraine scharf kritisiert. Die klaren Absagen an die Lieferung von Kampfflugzeugen vom Typ MiG-29 aus Polen sei für die Ukrainer sehr enttäuschend, sagte er in der ZDF-Sendung »Markus Lanz«.

Andrij Melnyk

Andrij Melnyk

Foto: Christian Spicker / IMAGO

»Es ist in der Tat eine feige Entscheidung – und zwar nicht nur der Amerikaner, auch der Deutschen.« Deutschland sage Nein zu Flugzeugen und Nein zu Panzern für die Ukraine. Dabei seien Panzer angesichts des Angriffskriegs auch Verteidigungswaffen. Lesen Sie hier mehr.

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Internationale Reaktionen

Die Ukraine braucht für den Krieg gegen Russland nach US-Angaben in erster Linie keine Kampfflugzeuge, sondern Luftabwehrraketen. Die meisten Zerstörungen in der Ukraine seien auf Raketen und Artillerie zurückzuführen. Flugzeuge seien »nicht das beste Mittel« gegen diese Waffen, hieß es aus dem Pentagon.

Laut dem Ministerium verfügt die ukrainische Armee im Übrigen noch über »mehrere Staffeln von Flugzeugen«, die flugtauglich sind. Die »Effektivität« der russischen Luftwaffe in dem Krieg sei zudem durch »bodengestützte Luftabwehrsysteme« eingeschränkt worden.

Zuletzt war darüber diskutiert worden, der Ukraine Kampfflugzeuge des Typs MiG-29 aus Polen zu liefern. Washington wies diesen Vorschlag jedoch zurück. Die Länder haben Angst, von Moskau für eine »Eskalation« des Konflikts mit der Nato verantwortlich gemacht zu werden.

Die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas forderte den Westen auf, auch Offensivwaffen an die Ukraine zu senden. »Estland hat bereits im Januar entschieden, der Ukraine in jederlei Hinsicht zu helfen: humanitär, finanziell, mit Waffen – auch Offensivwaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass (der russische Präsident Wladimir) Putin diesen Krieg unter keinen Umständen gewinnt«, sagte Kallas den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft im kommenden Monat wegen des Kriegs absenken. Das kündigte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa an. »Erst erleben wir mit der Pandemie eine Krise wie keine andere. Und jetzt befinden wir uns auf noch schockierenderem Gebiet. Das Undenkbare ist passiert – wir haben einen Krieg in Europa«, sagte sie.

Der Krieg führe zu massiven wirtschaftlichen Verwerfungen – für die Ukraine, für Russland und auch darüber hinaus, warnte Georgiewa. So werde er höhere Rohstoffpreise verursachen, die Inflation weiter anheizen sowie zu einem schlechteren Geschäftsklima und schwierigeren Finanzierungsbedingungen beitragen.

Der Abgang internationaler Unternehmen aus Russland geht unterdessen weiter. Walt Disney will vorerst gar keine Geschäfte mehr in dem Land machen. Die Entscheidung erfolge »angesichts des unerbittlichen Angriffs auf die Ukraine und der eskalierenden humanitären Krise«, erklärte das Unternehmen.

Nach Goldman Sachs zieht sich zudem auch die größte US-Bank JPMorgan aus Russland zurück. Der Finanzkonzern befolge damit regulatorische Vorgaben von Regierungen weltweit. JPMorgans Aktivitäten in dem Land seien nun darauf beschränkt, Klienten bei der Bewältigung bestehender Verpflichtungen und Risiken zu unterstützen und sich um die Mitarbeiter dort zu kümmern. Das US-Geldhaus war in Russland allerdings ohnehin nicht besonders stark vertreten.

Wie es heute weitergeht

  • Die Staats- und Regierungschef der Europäischen Union beraten den zweiten Tag über Konsequenzen des Ukrainekriegs. Bei dem Gipfeltreffen auf Schloss Versailles bei Paris geht es um den Ausbau der Verteidigungsfähigkeit der EU, wie Ratspräsident Charles Michel in seinem Einladungsschreiben mitteilte. Daneben beraten die EU-Spitzen über eine stärkere Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas. Auch die ukrainischen Wünsche nach weiteren Waffenlieferungen sowie einem EU-Beitritt dürften bei dem Treffen zur Sprache kommen.

  • Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

  • Das russische Verteidigungsministerium kündigt für Freitag eine Feuerpause an und will ab 8 Uhr (MEZ) Fluchtkorridore für die Evakuierung von Zivilisten aus fünf Städten (Kiew, Sumy, Charkiw, Mariupol und Tschernihiw) öffnen.

  • Der Uno-Sicherheitsrat wird um 17 Uhr MEZ zu einer Dringlichkeitssitzung über angebliche Biowaffen in der Ukraine zusammenkommen. Die Sitzung war von Russland beantragt worden, nachdem sich Moskau und Washington in den vergangenen Tagen gegenseitig vorgeworfen hatten, Massenvernichtungswaffen einsetzen zu wollen.

jok/cop/dpa/Reuters/AFP
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