Krieg in Osteuropa Raketen auf Krementschuk, Selenskyj sieht strategische Niederlage Russlands – das geschah in der Nacht

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben ein russisches Kriegsschiff nahe der Schlangeninsel getroffen. Präsident Selenskyj beklagt 101 zerstörte Krankenhäuser. Und: Kiews Ansage an Deutschland. Der Überblick.
Sogenannte Schlangeninsel im Schwarzen Meer: Angeblicher Treffer gegen russisches Kriegsschiff in der Nähe

Sogenannte Schlangeninsel im Schwarzen Meer: Angeblicher Treffer gegen russisches Kriegsschiff in der Nähe

Foto: Maxar Technologies / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die Industriestadt Krementschuk in der Zentralukraine ist nach ukrainischen Angaben am Donnerstag von einer Serie russischer Raketen getroffen worden. Beim bisher größten Angriff auf die Stadt seit Kriegsbeginn vor zweieinhalb Monaten sei auch eine Raffinerie beschädigt worden, sagte der regionale Militärchef Dmitrij Lunin nach Angaben der Agentur Unian. »Dort brennt es, Rettungsdienste sind im Einsatz.« Menschen seien nicht zu Schaden gekommen. Insgesamt habe das russische Militär zwölf Raketen unbekannten Typs abgefeuert.

Bei schweren Gefechten zwischen russischen und ukrainischen Truppen sind im Gebiet Donezk nach ukrainischen Angaben mindestens fünf Zivilisten getötet worden. Die Gebietsverwaltung berichtete im Nachrichtendienst Telegram von vier Toten in den Ortschaften Nowosseliwka, Awdijiwka und Lyman. In Jassynuwata, das unter Kontrolle der prorussischen Separatisten steht, fiel nach Medienberichten ein weiterer Zivilist Kämpfen zum Opfer. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig prüfen.

Das sagt Kiew

Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben ein russisches Logistik–Kriegsschiff im Schwarzen Meer beschädigt. Die »Wsewolod Bobrow« sei in der Nähe der Schlangeninsel getroffen und in Brand gesetzt worden, erklärt ein Sprecher der Streitkräfte für den Militärbezirk Odessa im Internet. Einzelheiten liegen nicht vor. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden.

Knapp zweieinhalb Monate nach der Invasion russischer Truppen in die Ukraine ist die strategische Niederlage Russlands nach Ansicht des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj »offensichtlich«. Die Niederlage Moskaus sei »für jeden auf der Welt offensichtlich und auch für diejenigen, die immer noch mit ihnen (den Russen) kommunizieren«, sagte Selenskyj am Donnerstagabend in seiner täglichen Videobotschaft. Nur habe Russland nicht den Mut, die Niederlage einzugestehen.

Wolodymyr Selenskyj (am 11. Mai)

Wolodymyr Selenskyj (am 11. Mai)

Foto: Uncredited / dpa

Außerdem seien in der Ukraine seit Kriegsbeginn bereits 570 Gesundheitseinrichtungen durch russische Angriffe zerstört worden, darunter 101 Krankenhäuser. »Das ist Unsinn, das ist Barbarei«, so Selenskyj. Dies sei für ihn ein Zeichen der Selbstzerstörung Russlands, das von der Welt einst als Kulturnation betrachtet worden sei.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba stellte die Kriegsziele seines Landes klar. »Was auch immer nötig ist und ganz gleich, wie lange es dauert, die Ukraine wird militärisch und auch diplomatisch dafür kämpfen, dass unser Land vollständig wiederhergestellt wird in seiner gesamten territorialen Integrität, natürlich einschließlich des Donbass und der Krim«, sagt Kuleba im ZDF-»heute journal«.

Kiews Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, erwartet von der Bundesregierung einen stärkeren Einsatz für den EU-Beitritt der Ukraine. »Neben Waffenlieferungen und der Verschärfung von Sanktionen ist unser Hauptziel, Unterstützung zu bekommen für einen Beitritt zur EU«, sagt Melnyk dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) einem Vorabbericht zufolge. Da die Entscheidung über den Kandidatenstatus seitens der EU bis Ende Juni getroffen werde, sei es wichtig, dass die Deutschen dabei helfen würden, andere Skeptiker zu überzeugen. Dies sei schließlich im Interesse Deutschlands und der EU, so Melnyk.

Humanitäre Lage

Die Angehörigen der ukrainischen Kämpfer im Asow-Stahlwerk in Mariupol bitten die Regierung in Kiew weiter darum, die Soldatinnen und Soldaten zu retten. »Wir haben eine neue Verhandlungsrunde über einen Fahrplan für eine Evakuierungsoperation begonnen und wir werden mit den Schwerverletzten beginnen«, sagt die stellvertretende Regierungschefin Iryna Wereschtschuk dem Fernsehsender 1+1.

DER SPIEGEL

Man arbeite eng mit dem Roten Kreuz sowie den Vereinten Nationen zusammen. »Wir wollen, dass ein Dokument unterzeichnet wird, in dem festgelegt wird, wie eine Evakuierung des Werks erfolgen soll«, sagt sie und fügt hinzu, dass die Türkei angeboten hat, in den Verhandlungen als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine zu agieren.

Wirtschaftliche Konsequenzen

In der Ukraine werden mit sofortiger Wirkung alle Filialen der russischen Sberbank und der VEB.RF, der ehemaligen Wnjeschekonombank, verstaatlicht. Das beschloss das Parlament in Kiew am Donnerstagabend, wie Präsidentensprecher Andryj Jermak nach Angaben der Onlinezeitung »Dumskaja« mitteilte. Nach dem nunmehr verabschiedeten Gesetz werden alle Gesellschafterrechte der betroffenen Banken sowie deren bei anderen ukrainischen Finanzinstituten platzierten Finanzeinlagen in Staatseigentum überführt.

Ein von der ukrainischen Führung ins Leben gerufenes Crowdfunding-Projekt zur Unterstützung des Landes hat innerhalb einer Woche bereits Millionen eingebracht. Wie Digitalminister Mychajlo Fjodorow in der Nacht zum Freitag mitteilte, seien Spenden im Umfang von 25,8 Millionen Dollar (24,4 Millionen Euro) aus aller Welt über die Website United24 eingegangen. »Die Unterstützung kam aus 72 Ländern der Welt.« Das Geld von der Spendenplattform werde nun unter den Ministerien aufgeteilt, um die aktuell notwendigsten Projekte zu finanzieren.

Die Ukraine hat diese staatliche Spendenplattform wegen des russischen Angriffskriegs geschaffen. Über die Website kann nun gesondert für die Armee, humanitäre Zwecke oder den Wiederaufbau nach dem Krieg gespendet werden. Möglich sind der Seite zufolge Banktransfers, Zahlungen per Kreditkarte, aber auch mit Kryptogeld.

Was heute passiert

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht am Morgen dem Verteidigungsausschuss des Bundestags zu seiner Ukrainepolitik Rede und Antwort (8.00 Uhr). Anlass ist eine Einladung der Ausschussvorsitzenden Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) vom April. Sie hatte vehement für die Lieferung auch schwerer Waffen an die Ukraine geworben und Scholz in der Frage Zögerlichkeit vorgeworfen.

jok/Reuters/dpa