Krieg in der Ukraine Kiew plant Tausende Wärmestuben gegen »schlimmsten Winter seit dem Zweiten Weltkrieg«

»Stabilitätspunkte« mit Strom und Heizung sollen der ukrainischen Bevölkerung helfen. Präsident Selenskyj spricht von weiteren Rückeroberungen. Und: Tschechien ändert Verteidigungspläne. Die wichtigsten Entwicklungen.
Ältere Frauen und Männer bei einer Essensausgabe im verschneiten Kiew

Ältere Frauen und Männer bei einer Essensausgabe im verschneiten Kiew

Foto: Jeff J Mitchell / Getty Images

Was in den vergangenen Stunden geschah

In der Ukraine müssen nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj noch etwa 2000 von russischen Truppen besetzte Städte und Dörfer befreit werden. Das sagte er nach Angaben des Präsidialamtes in Kiew am Dienstag in einer Videobotschaft für französische Kommunalpolitiker. Einige Dutzend Orte seien durch russische Angriffe völlig zerstört worden – wie die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer oder Wolnowacha im Gebiet Donezk.

Die Ukraine versuche, in zurückeroberten Ortschaften das Leben rasch wieder zu normalisieren, sagte Selenskyj. Sein Land sei deshalb dankbar für alle Hilfen bei der Verteidigung und beim Wiederaufbau. Wo sich die russische Armee zurückziehe, plündere sie die besetzten Städte und Dörfer noch einmal aus und zerstöre die Infrastruktur.

Die ukrainische Armee habe in den fast neun Monaten Krieg bislang etwa 1880 Ortschaften befreit, teilte der Vizechef des Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, mit.

Das sagt Kiew

Selenskyj kündigte außerdem die Einrichtung von mehr als 4000 Wärmestuben für die von Kälte und Dunkelheit geplagte Bevölkerung des angegriffenen Landes an. »Alle grundlegenden Dienstleistungen werden dort bereitgestellt«, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache. »Dazu gehören Strom, mobile Kommunikation und Internet, Wärme, Wasser, Erste Hilfe. Völlig kostenlos und rund um die Uhr.«

Selenskyj nannte die Einrichtungen in Verwaltungsgebäuden oder Schulen »Stabilitätspunkte«. Der offizielle Name auf einer Website der Regierung lässt sich auch mit »Punkte der Unerschütterlichkeit« übersetzen. »Ich bin sicher, dass wir diesen Winter gemeinsam überstehen werden, wenn wir uns gegenseitig helfen«, sagte er.

Wolodymyr Selenskyj

Wolodymyr Selenskyj

Foto: Uncredited / dpa

»Sollte es erneut zu massiven russischen Angriffen kommen und die Stromversorgung nicht innerhalb weniger Stunden wiederhergestellt werden können, wird die Arbeit der ›Stabilitätspunkte‹ aktiviert«, sagte Selenskyj. Die lokalen Behörden sollten darüber informieren, »wo man im Falle eines längeren Stromausfalls Unterstützung finden kann«. Auch Unternehmen seien gebeten, Räume oder Hilfen zur Verfügung zu stellen.

Durch die russischen Angriffe auf das Elektrizitätsnetz hat die Ukraine mit Stromausfällen, aber auch mit Problemen bei Heizung, Wasser- und Gasversorgung zu kämpfen.

Trotz der Bemühungen der Regierung rechnet der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, mit einem dramatischen Winter für die etwa drei Millionen Einwohner zählende Hauptstadt der Ukraine. »Das ist der schlimmste Winter seit dem Zweiten Weltkrieg«, sagte er der »Bild«-Zeitung . Man müsse auf das »schlimmste Szenario« von flächendeckenden Stromausfällen bei tiefen Temperaturen vorbereitet sein: »Dann müssten Teile der Stadt evakuiert werden«, sagte er. »Aber so weit wollen wir es nicht kommen lassen!«

Der frühere Boxweltmeister warf dem russischen Staatschef Wladimir Putin vor, durch Angriffe auf die zivile Infrastruktur die Ukrainerinnen und Ukrainer zur Flucht aus Kiew treiben zu wollen. »Putin will die Menschen terrorisieren, sie frieren lassen, ohne Licht.« So solle Druck auf den ukrainischen Präsidenten ausgeübt werden. »Aber das wird nicht passieren. Mein Eindruck ist: Die Menschen werden nur noch wütender, noch entschlossener. Wir werden nicht sterben oder fliehen, so wie Putin es möchte«, sagte Klitschko.

Er bat Deutschland, neben Waffen zur Verteidigung dringend auch Generatoren, Schutzkleidung und humanitäre Güter zu schicken.

Das sagt Moskau

Die Stadt Sewastopol auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim ist am Dienstag nach örtlichen Behördenangaben von ukrainischen Drohnen angegriffen worden. Stadtchef Michail Raswoschajew teilte mit, die Flugabwehr sei im Einsatz. Zwei Drohnen seien abgeschossen worden. Sie hätten ein Strom- und Heizkraftwerk im Stadtteil Balaklawa angreifen sollen. Schäden habe es nicht gegeben. Über dem Meer nahe der Hafenstadt habe die Schwarzmeerflotte drei weitere Drohnen abgefangen.

Als Marinebasis der Schwarzmeerflotte ist Sewastopol für Russland strategisch wichtig. Die Ukraine hat die Stadt aber schon mehrfach mit Kampfdrohnen aus der Luft angegriffen, einmal auch von See aus mit ferngesteuerten unbemannten Booten. Auch wenn es dabei keine großen Schäden gab, hat Russland vorsichtshalber einen Teil seiner Schiffe in den Hafen Noworossijsk auf dem Festland verlegt.

Humanitäre Lage

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat an die Europäische Union appelliert, angesichts des Krieges in der Ukraine nicht »müde« zu werden. Er rufe seine Kollegen in der EU auf, »alle Zweifel« und »Müdigkeit« beiseitezuschieben und »das neunte Sanktionspaket«, das »seit Langem überfällig« sei, »so schnell wie möglich fertigzustellen«, sagte er am Dienstag bei einer Onlinepressekonferenz. »Wenn wir Ukrainer nicht müde sind, hat der Rest Europas weder ein moralisches noch ein politisches Recht, müde zu sein.«

Kuleba forderte, insbesondere den staatlichen Atombetreiber Rosatom wegen seiner Rolle bei der Besetzung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja zu bestrafen. Wichtig seien auch Sanktionen, die es ermöglichen, die russische Rüstungsindustrie zu »bremsen«. »Russlands Fähigkeit, neue Raketen zu produzieren, muss zerstört werden, um zu verhindern, dass sie zusätzliche Ressourcen haben, um Ukrainer zu töten, ukrainische Städte und das Energiesystem zu zerstören«, argumentierte er.

Internationale Reaktionen

Der Nato-Mitgliedstaat Tschechien ändert wegen des russischen Krieges gegen die Ukraine seine Verteidigungspläne, um für eine mögliche Eskalation gewappnet zu sein. Man müsse sich primär auf einen Krieg großen Ausmaßes gegen einen hoch entwickelten Gegner vorbereiten, sagte Generalstabschef Karel Rehka der Agentur CTK zufolge am Dienstag in Prag. Zuletzt hatte sich das Training eher auf die Beteiligung an Antiterror- und Friedenseinsätzen im Ausland wie in Mali konzentriert.

Rehka warnte davor, dass das Eskalationspotenzial des Krieges in der Ukraine immer weiter anwachse. Selbst die »ernstesten Szenarien« der weiteren Entwicklung könnten nicht länger ausgeschlossen werden. Das deutsche Nachbarland ist seit 1999 Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses. Tschechien verfügt über knapp 27.000 Berufssoldaten und rund 3600 Reservisten. Die allgemeine Wehrpflicht wurde im Jahr 2004 abgeschafft. Für die nächsten Jahre ist ein großes Investitionsprogramm in die Armee geplant.

jok/dpa/Reuters
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