Krieg in der Ukraine Attacken auf Bahnlinien, Selenskyj nennt Russen »ohnmächtig« – das geschah in der Nacht

Heftiger Raketenbeschuss erschüttert mehrere ukrainische Regionen – auch an der Grenze zu Ungarn. Kiew wertet dies als Schwäche. Und: offenbar 400.000 Tonnen Getreide geraubt. Der Überblick.
Raketenabschuss prorussischer Einheiten nahe Mariupols

Raketenabschuss prorussischer Einheiten nahe Mariupols

Foto: ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Städte in mehreren Regionen der Ukraine sind am Dienstagabend Ziel russischer Raketenangriffe geworden. Teile der Stadt Lwiw im Westen des Landes waren nach Medienberichten ohne Strom. Zuvor waren nach Angaben von Bürgermeister Andrij Sadowyj drei Kraftwerke durch Raketen beschädigt worden. Deshalb kam es nach seinen Angaben auch zu Problemen mit der Wasserversorgung. Pumpen waren mangels Strom ausgefallen.

Raketenangriffe wurden außerdem aus Winnyzja im Zentrum, Odessa im Südwesten und Kirowograd im Zentrum des Landes gemeldet. Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar wurde auch die Region Transkarpatien nahe der Grenze zu Ungarn mit einer Rakete angegriffen, wie Regionalgouverneur Viktor Mikita im Onlinedienst Telegram berichtete.

Bei einem russischen Angriff auf ein Koks-Werk in Awdijiwka in der ostukrainischen Region Donezk wurden nach Angaben von Regionalgouverneur Pawlo Kyrylenko mindestens zehn Menschen getötet und 15 weitere verletzt. Fünf weitere Menschen wurden nach seinen Angaben durch Beschuss in der Stadt Lyman getötet, vier in Wugledar. Je ein Todesopfer gab es demnach in den Dörfern Welyka Nowosilka und Schandrygolowe.

Der Angriff auf das Werk sei erfolgt, als die Arbeiter gerade Schichtende hatten und an einer Bushaltestelle warteten. »Die Russen wussten, worauf sie zielen«, betonte Kyrylenko.

Das sagt Kiew

Mit massiven Raketenangriffen auf ukrainische Eisenbahnanlagen will Russland nach Einschätzung der Kiewer Führung den Nachschub an westlichen Waffen stoppen. Das schrieb der Leiter des Präsidialamtes, Andrij Jermak, am Dienstagabend auf Telegram. Es werde aber nicht gelingen, den Nachschub an Rüstungsgütern aufzuhalten, sagte Jermak. »Es kommt alles an.«

Politisch deutete Präsident Wolodymyr Selenskyj die Angriffe als Zeichen einer Ohnmacht Moskaus. »Offensichtlich hat das russische Militär heute äußerst nervös auf unsere Erfolge reagiert«, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache in Kiew.

Ein klares militärisches Ziel sei aber nicht zu erkennen, wenn selbst Transkapatien im äußersten Westen an der Grenze zu Ungarn beschossen werde. Die Russen kaschierten nur ihre Ohnmacht, »weil die Ukraine zu stark für sie ist«, sagte Selenskyj.

Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj

Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj

Foto: Ukraine Presidency/Ukraine Presi / ZUMA Wire / IMAGO

Russland hat aus den besetzten Gebieten der Ukraine nach Kiewer Angaben 400.000 Tonnen Getreide abtransportieren lassen. Das sei etwa ein Drittel der Getreidevorräte in den Regionen Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk, sagte Vizeagrarminister Taras Wyssozkyj im ukrainischen Fernsehen. Vor dem Krieg hätten dort etwa 1,3 Millionen Tonnen Getreide gelagert zur täglichen Versorgung, aber auch zur Aussaat. Werde der Getreidebestand weiter reduziert, drohe in diesen Gebieten eine Hungersnot.

Das sagt Moskau

Das russische Militär hat Vorwürfe zurückgewiesen, Zivilisten die freie Ausreise auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu verwehren. Seit dem 4. März öffneten die russischen Streitkräfte in Mariupol täglich »Fluchtkorridore ohne irgendwelche Einschränkungen für die Evakuierung von Zivilisten, in erster Linie Frauen, Kindern und älteren Menschen in jeder von ihnen gewählten Richtung«, erklärte Generaloberst Michail Misinzew vom russischen Verteidigungsministerium am Dienstag.

Die russische Militärführung antwortete damit auf eine Forderung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Er hatte zuvor in einem Telefonat mit Kremlchef Wladimir Putin gefordert, den Evakuierten entsprechend internationalem Recht freie Wahl über ihren Zielort zu lassen. In der Vergangenheit hatte es mehrfach Berichte gegeben, dass Zivilisten aus der schwer zerstörten ukrainischen Hafenstadt gegen ihren Willen nach Russland oder in die russisch kontrollierten Gebiete des Donbass verbracht wurden.

Humanitäre Lage

Auch die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl äußerte sich zu dem Thema. Sie hat Verschleppungen von Ukrainern nach Russland angeprangert. »Wenn man Menschen, die fliehen wollen, an der Flucht hindert und in einen anderen Staat bringt, dann ist das eine Verschleppung und damit eine krasse Menschenrechtsverletzung«, sagte ihr Geschäftsführer Günter Burkhardt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Mittwoch). »Das reiht sich ein in eine Kette verbrecherischer Handlungen, die das Putin-Regime begeht. Allerdings sind die Handlungsmöglichkeiten anderer Staaten in einem eskalierenden Krieg begrenzt.«

Flüchtlinge in der Ukraine (am 2. Mai)

Flüchtlinge in der Ukraine (am 2. Mai)

Foto: ROMAN PILIPEY / EPA

Aus den umkämpften Gebieten der Ukraine sind nach Moskauer Militärangaben schon fast 1,1 Millionen Menschen nach Russland gebracht worden. Knapp 200.000 von ihnen seien Kinder, hatte Generaloberst Michail Misinzew am Montag gesagt. Nach russischer Darstellung werden diese Menschen aus der Ukraine vor den Kämpfen und angeblicher Gewalt der Kiewer Führung in Sicherheit gebracht.

Internationale Reaktionen

US-Präsident Joe Biden hat die US-Unterstützung der Ukraine mit Waffen gegen Russland verteidigt. »Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Diktatoren immer wieder kommen, wenn man sich ihnen nicht entgegenstellt«, sagte Biden am Dienstag. Ihr Machthunger werde immer größer. »Entweder unterstützen wir das ukrainische Volk bei der Verteidigung seines Landes, oder wir sehen zu, wie Russland seine Gräueltaten und Aggression fortsetzt«, so Biden.

Seit Kriegsbeginn Ende Februar sagten die USA der ehemaligen Sowjetrepublik allein Waffen und Munition im Wert von mehr als 3,7 Milliarden US-Dollar (rund 3,5 Milliarden Euro) zu oder lieferten diese auch schon. Biden hat den US-Kongress außerdem um weitere Milliardensummen für Militärhilfe und humanitäre Unterstützung gebeten. »Wie ich von Anfang an gesagt habe, wird dieser Kampf nicht billig sein«, so Biden.

Beschädigte ukrainische Militärausrüstung soll künftig in der Slowakei repariert werden. Das Staatsunternehmen Konstrukta-Defence habe mit der Ukraine einen Vertrag zur Reparatur und Modernisierung ukrainischer Militärtechnologie abgeschlossen, erklärte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in Bratislava am Dienstag. In einer ersten Lieferung gehe es um Dutzende gepanzerte Fahrzeuge vom Typ BRDM-2.

Verteidigungsminister Jaroslav Nad und Regierungschef Eduard Heger hatten bereits Anfang des Monats die Bereitschaft erklärt, der Ukraine bei der Instandsetzung beschädigter Militärgüter zu helfen.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Ein Ölembargo der EU-Staaten gegen Russland steht offenbar unmittelbar bevor. Unternehmen aus Deutschland und den anderen EU-Staaten sollen dann kein russisches Öl mehr importieren dürfen. Das sieht der Vorschlag der EU-Kommission und des Europäischen Auswärtigen Dienstes für ein neues Paket mit Russlandsanktionen vor, wie die Nachrichtenagentur dpa in der Nacht zu Mittwoch meldet. Sie beruft sich auf mehrere EU-Beamte. Debattiert wird ein solcher Vorstoß schon seit einigen Tagen.

Um den Ländern Zeit für die Umstellung geben, soll es Übergangsfristen geben. Damit die geplanten Sanktionen in Kraft treten können, braucht es die Zustimmung der Regierungen aller 27 EU-Staaten.

DER SPIEGEL

Konkret ist den Angaben zufolge geplant, dass nach einer Auslaufphase von sechs Monaten ein Einfuhrverbot für Rohöl gelten soll und nach einer Auslaufphase von acht Monaten dann auch ein Einfuhrverbot für Ölprodukte. Eine Rolle soll zudem spielen, ob Lieferungen per Pipeline oder per Schiff erfolgen.

Weitreichende Ausnahmeregelungen sind den Informationen zufolge nur für Ungarn und die Slowakei geplant. Diese beiden EU-Länder beziehen derzeit noch einen Großteil ihres Ölbedarfs aus Russland und sehen sich auch wegen eines fehlenden Meereszugangs nicht in der Lage, so schnell wie andere alternative Lieferquellen zu erschließen.

Was heute passiert

  • Plenarsitzung des Europäischen Parlaments mit Schwerpunkt Ukraine mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Erwartet wird die Vorstellung eines sechsten Sanktionspakets, das auch die Abkehr von russischem Öl umfassen könnte.

  • Abschluss der Klausurtagung des Bundeskabinetts: Knapp fünf Monate nach ihrer Vereidigung berät die Bundesregierung zwei Tage lang auf Schloss Meseberg, dem Gästehaus der Bundesregierung in Brandenburg, vor allem über den Ukrainekrieg und seine Folgen. Zum Abschluss informieren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) über die Ergebnisse.

jok/dpa/Reuters
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