Krieg in Osteuropa Selenskyj mit Blick auf EU-Beitritt optimistisch, Russland verurteilt Kandidatenstatus – das geschah in der Nacht

Kiew konzentriert sich laut Selenskyj auf die EU-Anforderungen für einen Beitritt. Moskau wirft dem Staatenverbund »Erpressungsmethoden« vor. Und: Möglicherweise Tausende Delfine wegen des Kriegs verendet. Der Überblick.
Zerstörung in Lyssytschansk (Aufnahme vom 18. Juni)

Zerstörung in Lyssytschansk (Aufnahme vom 18. Juni)

Foto: Aris Messinis / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Zur Lage in der umkämpften Großstadt Lyssytschansk im Osten der Ukraine gibt es widersprüchliche Angaben. Russische Truppen haben nach eigenen Angaben die Stadt von Süden her blockiert. Das teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Verteidigungsstellungen ukrainischer Truppen seien durchbrochen worden, hieß es.

Zuvor hatte der Generalstab der ukrainischen Armee von Luftangriffen durch Russland auf Lyssytschansk am Westufer des Flusses Siwerskyj Donez gesprochen. »Die ukrainischen Verteidiger haben erfolgreich einen Sturm am südlichen Stadtrand Lyssytschansk abgewehrt«, hieß es. Alle Angaben lassen sich nicht oder nur schwer unabhängig überprüfen.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt sich zuversichtlich, dass sein Land die Kriterien für einen EU-Beitritt erfüllen wird. Die Ukraine konzentriere sich nun auf die Anforderungen der EU, sagte das Staatsoberhaupt in seiner abendlichen Videoansprache . »Aber macht uns das Angst? Nein. Weil wir davor Hunderte erfolgreich abgeschlossen haben.« Zu den Kriterien für einen Beitritt gehören unter anderem Rechtsstaatlichkeit, Kampf gegen Korruption, Garantie der Grundrechte und eine funktionierende Marktwirtschaft.

Selenskyj rief seine Landsleute auf, sich über den Beschluss des EU-Gipfels, der Ukraine den Status eines Beitrittskandidaten zu geben, zu freuen. Er verglich den Weg hin zu einer Mitgliedschaft mit dem Besteigen des Mount Everests. Wer auf den letzten 1848 Metern darüber rede, wie schwierig die weitere Strecke werde, entwerte seinen Erfolg, den Berg bereits auf 7000 Metern bezwungen zu haben.

Die Ukraine habe den Kandidatenstatus erworben, sagte Selenskyj. »Das ist nicht vom Himmel gefallen. Dafür hat die Ukraine viel getan.«

DER SPIEGEL

Das sagt Moskau

Russland hat die Verleihung des EU-Kandidatenstatus an die Ukraine und Moldau als geopolitisches Manöver gegen Moskau verurteilt. Die Entscheidung bestätige, dass »eine geopolitische Vereinnahmung« der ehemaligen Sowjetrepubliken aktiv vorangetrieben werde, »um Russland in Schach zu halten«, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.

Die EU verfolge damit das Ziel, mit den östlichen Nachbarländern Beziehungen auf der Grundlage eines Abhängigkeitsprinzips zu etablieren. Brüssel wende »politische und wirtschaftliche Erpressungsmethoden« an und zwinge die Kandidatenländer, »unrechtmäßige Sanktionen« gegen Moskau zu verhängen. Das »aggressive Vorgehen« der EU habe das Potenzial, neue Spaltungen und tiefe Krisen in Europa zu schaffen.

Internationale Reaktionen

Angesichts hoher Preise für Lebensmittel, Gas und Sprit infolge des Kriegs bringt die SPD im Bundestag Sonderzahlungen an Arbeitnehmer zur Existenzsicherung ins Spiel. »Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften sich auf Einmalzahlungen an die Beschäftigten verständigen, um besonders schwierige Momente in den nächsten Monaten abzufedern, dann könnte auch der Staat dies sinnvoll ergänzen«, sagte Fraktionschef Rolf Mützenich den Zeitungen der Funke-Mediengruppe .

Angesichts stark gedrosselter Gaslieferungen aus Russland sagte Mützenich: »Der Blick auf Herbst und Winter ist durchaus besorgniserregend.« Die Bundesregierung tue zwar alles dafür, genügend Gasreserven zu haben, um diese kritische Zeit zu überbrücken, es könne jedoch niemand garantieren, dass das gelinge. Die Risiken seien erheblich. »Wenn Produktionen stillstehen, hat das unabsehbare Konsequenzen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.« Auch werde die Inflation wohl hoch bleiben, und es könne zu einer Rezession der Weltwirtschaft kommen. »Wir stehen in den nächsten Monaten vor sehr schweren wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die jeden einzelnen betreffen.«

In der moldauischen Region Transnistrien werden bis auf Weiteres keine Wettbewerbsspiele der Europäischen Fußball-Union ausgetragen. Das teilte die Uefa am Freitag nach einer entsprechenden Entscheidung des Exekutivkomitees mit. »Die Entscheidung stützt sich auf Erwägungen und Schlussfolgerungen von auf internationale politische und strategische Analysen spezialisierten Organisationen, deren Berichte von der Uefa-Administration im Rahmen der Bewertung der aktuellen Situation in der Region Transnistrien konsultiert wurden«, hieß es. Sie sei im Einklang mit früheren Beschlüssen vor dem Hintergrund des Einmarschs der russischen Armee in die Ukraine.

Betroffen vom Spielverbot in der Region ist Sheriff Tiraspol in der Qualifikation der kommenden Champions-League-Saison. Der Verein wurde aufgefordert, für seine Heimspiele im europäischen Wettbewerb »eine alternative, allen Anforderungen der einschlägigen UEFA-Reglemente entsprechende Spielstätte außerhalb der Region Transnistrien vorzuschlagen, solange das Verbot in dieser Region gilt«.

Sonstiges

Naturschützer bringen den Tod von Tausenden Delfinen im Schwarzen Meer mit dem Krieg in Verbindung. Mindestens 3000 Tiere seien verendet, schrieb Forschungsleiter Iwan Rusew bei Facebook. Der Einsatz von Sonar-Technik und Explosionen zerstörten das »empfindliche Navigationssystem« der Tiere. So könnten sie nicht mehr genug Fische fangen und seien deshalb anfälliger für Infektionskrankheiten. Die Folge sei, dass mehr Tiere sterben, so der Experte eines Nationalparks in der Nähe von Odessa im Süden der Ukraine.

Nach seinen Angaben gibt es zudem Berichte über verendete Tiere aus Bulgarien und Rumänien. »Wir bitten alle, die tote Delfine am Strand sehen, dies zu melden.« In den vergangenen Jahren hätten Fischfang und Wilderei die größten Gefahren für Delfine dargestellt.

Was heute passiert

  • In München wollen ab 12 Uhr im Vorfeld des G7-Gipfels tausende Menschen protestieren. Ein Bündnis zahlreicher Organisationen ruft zur Großkundgebung auf der Theresienwiese und zu einer Demonstration durch die Münchner Innenstadt auf. Die Gegner des G7-Gipfels fordern unter anderem als Konsequenz aus dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ein schnelles Ende der Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle

  • Die Linke setzt in Erfurt ihren Parteitag fort, auf dem sie eine neue Führung wählen will. Kontroversen werden am auch in der Frage zum Umgang mit dem Ukrainekrieg erwartet

bbr/AFP/dpa
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