Krieg in Osteuropa USA sagen weitere militärische Unterstützung zu, Selenskyj ruft zu Vorsicht auf – das geschah in der Nacht

US-Präsident Joe Biden hat erneute Waffenlieferungen angekündigt. Die Ukraine befürchtet verstärkte russische Luftangriffe. Und: Die Besatzer planen russische Pässe für Einwohner im Gebiet Cherson. Der Überblick.
Ein ukrainischer Soldat inspiziert ein Getreidelager im Gebiet Cherson

Ein ukrainischer Soldat inspiziert ein Getreidelager im Gebiet Cherson

Foto: John Moore / Getty Images

Was in den vergangenen Stunden geschah

Italien hat die in der Toskana angedockte Megajacht »Scheherazade« beschlagnahmt. Das Schiff wird mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Verbindung gebracht.

Die Finanzpolizei ordnete das 140 Meter lange Schiff jemandem zu, der Verbindungen zu »prominenten Elementen der russischen Regierung« und anderen Leuten von der EU-Sanktionsliste hat, wie die Regierung in Rom am Freitagabend mitteilte.

Jacht »Scheherazade«

Jacht »Scheherazade«

Foto: FEDERICO SCOPPA / AFP

Aus dem belagerten Asow-Stahlwerk in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol sind weitere 50 Zivilisten gerettet worden. Das teilten sowohl die ukrainische als auch die russische Seite am Freitagabend mit. Die Menschen, unter ihnen elf Kinder, seien Vertretern der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz übergeben worden, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau.

DER SPIEGEL

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Bürger seines Landes wegen des bevorstehenden 9. Mais zu besonderer Disziplin aufgerufen. »Ich bitte alle unsere Bürger – und gerade in diesen Tagen –, den Luftalarm nicht zu ignorieren«, sagte der Staatschef am Freitag in seiner abendlichen Videoansprache. »Bitte, das ist Ihr Leben, das Leben Ihrer Kinder.«

Die Ukrainerinnen und Ukrainer sollten strikt den Anordnungen der Behörden folgen und sich an örtliche Ausgangssperren halten. Wegen der Minengefahr sei das Betreten von Wäldern verboten, die vom russischen Militär besetzt waren, sagte Selenskyj.

Am kommenden Montag, dem 9. Mai, feiert Russland den sowjetischen Sieg über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. In der Ukraine wird befürchtet, dass Russland zu diesem Tag des Sieges besonders heftige Angriffe auf die Ukraine planen könnte.

Nach den Evakuierungen von Zivilisten aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol sucht die Ukraine nach Wegen, um auch ihre Soldaten zu retten. »Einflussreiche Vermittler, einflussreiche Staaten« seien daran beteiligt, sagte Selenskyj. Details nannte er nicht. »Wir arbeiten auch an diplomatischen Optionen, um unser Militär zu retten, das immer noch auf Asow-Stahl verbleibt.«

Das sagt Russland

Die russische Besatzung im Süden der Ukraine unternimmt Schritte zu einer Abspaltung des Gebietes Cherson. Einwohner von Cherson sollten das Recht auf russische Pässe bekommen, sagte ein moskautreuer Regionalpolitiker am Freitag. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti bezeichnete Kirill Stremoussow als stellvertretenden Leiter der militärisch-zivilen Gebietsverwaltung von Cherson. »Wir werden uns maximal in den Aufbau der Russischen Föderation integrieren«, kündigte dieser an.

Schon in den kommenden Monaten werde Cherson vollständig auf den Rubel als Währung umstellen. Ukrainische Banken sollten ihre Arbeit einstellen. »Wir werden die Arbeit von Banken organisieren, die direkt mit Russland verbunden sind«, sagte Stremoussow.

Internationale Reaktionen

US-Präsident Joe Biden hat zusätzliche Militärhilfen für die Ukraine zur Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg freigegeben. Mit dem Paket sollen dem Land weitere Artilleriemunition, Radargeräte und andere Ausrüstung zur Verfügung gestellt werden, kündigte er an. Ein 150 Millionen US-Dollar (rund 142 Millionen Euro) schweres Paket sei genehmigt worden, hieß es aus dem US-Außenministerium.

Joe Biden

Joe Biden

Foto: OLIVIER DOULIERY / AFP

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat Russland vor dem Einsatz von Atomwaffen gewarnt. »Unsere Botschaft ist eindeutig: Nach einem Einsatz von Nuklearwaffen würde es auf allen Seiten nur Verlierer geben«, sagte Stoltenberg der »Welt am Sonntag« . Er verurteilte die nukleare Rhetorik Moskaus als »unverantwortlich und rücksichtslos«. Die Allianz hat laut Stoltenberg aber keine Hinweise darauf, dass speziell die russischen Nuklearwaffen seit Beginn des Krieges am 24. Februar in eine höhere Bereitschaftsstufe versetzt worden seien.

Außerdem rief Stoltenberg den Westen zu weiteren Lieferungen schwerer Waffen auf. Man müsse sich auf ein »langfristiges Engagement vorbereiten«. Nur so könne Kiew die russische Invasion erfolgreich abwehren. Die Ukraine müsse sich auf einen »langen Krieg« mit Russland einstellen, der noch Monate oder gar Jahre dauern könnte.

Der Uno-Sicherheitsrat hat sich mehr als zwei Monate nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erstmals auf eine gemeinsame Stellungnahme geeinigt. Das mächtigste Uno-Gremium erklärte am Freitag einstimmig – also auch mit Zustimmung von Aggressor Russland –, man sei »zutiefst besorgt« über den Konflikt in der Ukraine.

Gleichzeitig begrüßte der Sicherheitsrat die Vermittlungsbemühungen von Uno-Generalsekretär António Guterres. Die Einigung wird zwar als schwächste mögliche Stellungnahme des Gremiums gesehen, aber auch als Hoffnungsschimmer, dass in die blockierte Diplomatie am New Yorker East River etwas Bewegung kommen könnte.

Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, schließt eine Zusammenarbeit mit Kremlchef Wladimir Putin nach Kriegende aus. »Russlands Präsident hat sich von der zivilisierten Welt verabschiedet«, sagte Heusgen den Zeitungen der Funke-Mediengruppe . Er habe alle Vereinbarungen, unter denen sein Name stehe, gebrochen und gehöre für die von Russland begangenen Kriegsverbrechen vor ein internationales Gericht.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Verteidigungsexperte Henning Otte hat die Entscheidung der Bundesregierung zur Lieferung von Panzerhaubitzen 2000 an die Ukraine als zu spät und nicht ausreichend kritisiert. »Die Entscheidung, Panzerhaubitzen zu liefern, ist leider erst unter Druck erfolgt, nachdem die Niederlande in Vorleistung gegangen sind«, sagte Otte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) . Nun müssten rasch ukrainische Soldaten an den Haubitzen ausgebildet werden: »Denn jeder Tag Verschiebung ist ein verlorener Tag für die Ukrainer.«

Das sollten Sie lesen

  • Putins Desaster – und was daraus folgt: Die Welt hat Putins Macht überschätzt: Seine Armee ist viel schwächer als gedacht, seine Geheimdienstler haben versagt, die Sanktionen beginnen zu wirken. Schwächt ihn das – oder macht es ihn gefährlicher? 

  • »Ich habe geweint. So leise ich konnte, in mein Kissen«: Zwei Monate lang harrte Katerina Turtschin mit ihren beiden Söhnen in einem Bunker unter dem Asow-Stahlwerk von Mariupol aus. Hier berichtet sie vom Alltag mit Hunger, Dunkelheit und ständiger Angst. 

  • Eingebettete Meinungen: Die Wahrheit und die Moral sind entfernt verwandt, nicht aber Zwillinge. Kriegspropaganda lügt, das ist ihre Natur. Wir sollten das bedenken.

bbr/dpa/Reuters/AFP