Krieg in Osteuropa Selenskyj ruft Bürger zum Widerstand auf, Oppositioneller Kara-Mursa in U-Haft – das geschah in der Nacht

Hoffnung auf Fluchtkorridor aus Mariupol. US-Außenminister Blinken sichert der Ukraine weitere Unterstützung zu. Und: Russland meldet einen Toten und Vermisste nach Untergang der »Moskwa«. Der Überblick.
Zerstörung in Mariupol: Ein Mann sitzt vor einem stark beschädigten Haus

Zerstörung in Mariupol: Ein Mann sitzt vor einem stark beschädigten Haus

Foto: ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Ein Moskauer Gericht hat den Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa wegen der angeblichen Verbreitung von Falschinformationen über die russischen Streitkräfte in Untersuchungshaft geschickt. Er muss bis zum 12. Juni ins Untersuchungsgefängnis, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax am Freitag. Kara-Mursas Anwalt Wadim Prochorow will gegen die Entscheidung vorgehen. In Russland sind Berichte über das Vorgehen des russischen Militärs in der Ukraine, die dem offiziellen Standpunkt widersprechen, strafbar.

Wladimir Kara-Mursa

Wladimir Kara-Mursa

Foto: Gavriil Grigorov / ITAR-TASS / IMAGO

Zudem setzte das russische Justizministerium Kara-Mursa auf die Liste der ausländischen Agenten. Der 40 Jahre alte Kreml-Kritiker wurde erst vor wenigen Tagen wegen angeblichen Widerstands gegen die Staatsanwaltschaft zu 15 Tagen Ordnungshaft verurteilt. Zweimal hatte Kara-Mursa in der Vergangenheit rätselhafte Vergiftungen nur knapp überlebt.

Ukrainischen Angaben zufolge haben sich russische Einheiten in mehreren Orten im Osten der Ukraine festgesetzt. Binnen 24 Stunden hätten russische Truppen Angriffe in Richtung der Stadt Slowjansk in der Region Donezk durchgeführt und in der Kleinstadt Losowa, einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt in der Region Charkiw, Fuß gefasst. Das teilte der ukrainische Generalstab in seinem Bericht am Freitagabend mit.

In den Gebieten Selena Dolyna in der Region Donezk und dem etwa 40 Kilometer östlich liegenden, vor wenigen Tagen eroberten Krimenna in der Region Luhansk bauten russische Truppen demnach ihre eingenommenen Positionen aus und bereiteten sich auf weitere Offensiven vor. Auch in dem Ort Stepne in der Region Donezk hätten sie Fuß fassen können.

Abgewehrt habe man unter anderem Angriffe in der Region Luhansk, die ukrainischen Angaben zufolge bereits zu rund 80 Prozent unter russischer Kontrolle steht, im Bereich der Stadt Rubischne und des Dorfes Nowotoschkiwske. In der Hafenstadt Mariupol setze Russland Luftangriffe fort und blockiere das Stahlwerk Asowstal, in dem sich mehr als 2000 ukrainische Kämpfer verschanzt hätten, heißt es in dem Bericht weiter. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Bürgerinnen und Bürger seines Landes zum Widerstand aufgerufen. »Jeder muss sich bei jeder Gelegenheit gegen die Besetzung wehren«, sagte er in seiner allabendlichen Videobotschaft. Die Menschen sollten nicht mit den Russen kooperieren. Jene, die in von russischen Einheiten kontrollierten Gebieten lebten, sollten diesen »so viele Probleme wie möglich machen«.

Außerdem reagierte der Politiker auf Russlands Äußerungen zu »Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung« auch in Transnistrien in der Republik Moldau. Das Gebiet, in dem Russland sich um die Rechte der Russischsprachigen kümmern sollte, »ist Russland selbst«, sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft. In Russland gebe es weder Meinungs- noch Wahlfreiheit. Es gedeihe Armut, und Menschenleben hätten dort keinen Wert. Die Aussagen aus Russland bestätigten zudem, was er bereits mehrmals gesagt habe: »Dass die russische Invasion in die Ukraine nur der Anfang sein sollte und sie danach andere Länder einnehmen wollen.«

Das sagt Moskau

Nach dem Untergang des Kriegsschiffs »Moskwa« hat Russland erstmals Verluste eingeräumt. Ein Besatzungsmitglied sei gestorben und 27 weitere Matrosen würden vermisst, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Freitag mit. Die übrigen 396 Mitglieder der Besatzung des am 14. April im Schwarzen Meer gesunkenen Lenkwaffenkreuzers seien gerettet worden. Im Zusammenhang mit dem Vorfall hatte es widersprüchliche Angaben gegeben: Lesen Sie hier mehr.

Internationale Reaktionen

Uno-Generalsekretär António Guterres wird nach seinem Besuch in Moskau auch in die Ukraine reisen. »Er wird ein Arbeitstreffen mit Außenminister Dmytro Kuleba haben und am 28. April von Präsident Wolodymyr Selenskyj empfangen werden«, teilten die Vereinten Nationen am Freitag (Ortszeit) in New York mit. (Lesen Sie hier mehr).

US-Außenminister Antony Blinken hat den ukrainischen Ministerpräsidenten Denys Schmyhal in Washington empfangen und ihn weiterer Unterstützung durch die USA versichert, wie das US-Außenministerium mitteilt. Beide hätten über zusätzliche Möglichkeiten der Hilfe für die Ukraine gesprochen.

In Deutschland findet die Diskussion um die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine kein Ende. SPD-Chef Lars Klingbeil kritisiert das Vorgehen der Union. »Ich glaube, dass dieser Krawallkurs der Union schaden wird«, sagte er der Nachrichtenagentur dpa mit Blick auf den von der CDU/CSU-Fraktion geplanten Antrag für Waffenlieferungen im Bundestag. Die größte Oppositionsfraktion will darüber möglichst schon nächste Woche abstimmen lassen und hofft auf Zustimmung auch von Koalitionspolitikern der Grünen und der FDP, die sich für Waffenlieferungen ausgesprochen haben.

Die Ankündigung des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu, »neue Methoden der Kriegsführung« einzusetzen, ist nach britischer Einschätzung ein stillschweigendes Eingeständnis, dass Russland nicht vorankommt wie geplant. Dennoch werde es eine Weile dauern, Taktiken, Techniken und Vorgehensweisen anzupassen und mit verbesserter Wirkung für den Einsatz umzusetzen, teilte das britische Verteidigungsministerium am Freitagabend unter Berufung auf Geheimdienstinformationen mit. Das gelte besonders für den landbasierten Manöverkrieg.

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In der Zwischenzeit rechnet London damit, dass Russland zunächst weiter auf eine Bombardierung setzt, um den ukrainischen Widerstand gegen die russischen Truppen zu unterdrücken. In der Folge sei Frustration darüber, dass sie die ukrainische Verteidigung nicht rasch bezwingen könnten, wahrscheinlich.

Das Außenministerium der Republik Moldau hat den russischen Botschafter einbestellt. Man wolle seine »tiefe Besorgnis« über die Äußerungen eines hochrangigen Militärkommandeurs zum Ausdruck bringen, teilt das Außenministerium auf seiner Internetseite mit. Der Vizekommandeur des zentralen Militärbezirks Russlands hatte in den russischen Medien gesagt, in Moldau werde die russischsprachige Bevölkerung unterdrückt. Diese Aussagen seien unbegründet, erklärt das Außenministerium. »Moldau ist ein neutraler Staat, und dieser Grundsatz muss von allen internationalen Akteuren, einschließlich der Russischen Föderation, respektiert werden.«

Humanitäre Lage

Ukrainischen Angaben zufolge könnten am Samstag Menschen aus der stark zerstörten ukrainischen Hafenstadt Mariupol gerettet werden. »Es besteht die Möglichkeit, dass wir in der Lage sein werden, einen humanitären Korridor aus Mariupol zu öffnen«, teilte die Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschyk am späten Freitagabend auf Facebook mit.

Fluchtkorridore aus der Stadt seien bereits mehrmals gescheitert, sie verstehe, wie schwer dies für die Menschen sei. »Sie und ich müssen es aber so oft versuchen, bis es klappt.« Konkrete Details wolle sie am Samstagmorgen mitteilen.

DER SPIEGEL

Zur Situation verbliebener ukrainischer Kämpfer und Zivilisten aus dem belagerten Stahlwerk Asowstal gab es widersprüchliche Berichte. Die russische Agentur Tass schrieb am Freitagabend unter Berufung auf Angaben der »Volksmiliz« der Separatisten in der Region Donezk, dass keine ukrainischen Kämpfer einen »humanitären Korridor« genutzt hätten, um sich zu ergeben oder Zivilisten zu evakuieren. Von Kiew gab es davor am Freitag den Vorwurf, dass russische Truppen Zivilisten am Verlassen des Stahlwerks hinderten. Russland hatte Mariupol trotz ukrainischen Widerstands um das Stahlwerk diese Woche für komplett erobert erklärt.

Seit Beginn des russischen Krieges haben ukrainische Rettungskräfte laut Innenminister Denys Monastyrskyj mehr als 1200 unter Trümmern verschüttete Zivilisten befreit. Zudem seien mehr als 70.000 Einheiten verschiedener Arten von Munition oder Sprengsätzen unschädlich gemacht worden, darunter 2000 Fliegerbomben, sagte Monastyrskij in einer auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Rund 12.000 Hektar Land seien auf Sprengfallen abgesucht worden.

Was heute passiert

  • In mehreren Städten sind Antikriegsdemonstrationen geplant: In Hamburg findet um 13 Uhr eine Kundgebung unter dem Thema »Stop Russian War Crimes« statt. Es sind 1500 Menschen angemeldet.

  • In Reutlingen ist am Nachmittag ein Autokorso mit 300 angemeldeten Fahrzeugen »gegen die Diskriminierung russischsprachiger Menschen« geplant.

bbr/AFP/dpa/Reuters
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