Krieg in der Ukraine – die aktuelle Lage Der russische Konvoi, der auf Kiew zurollt

Tag sechs des Ukrainekrieges: Russland intensiviert seine Angriffe, ein riesiger Konvoi nähert sich Kiew. Immer mehr Sanktionen des Westens greifen. Der Überblick.
Satellitenfoto vom 28. Februar, das einen Teil des russischen Konvois zeigen soll, der sich Richtung Kiew bewegt

Satellitenfoto vom 28. Februar, das einen Teil des russischen Konvois zeigen soll, der sich Richtung Kiew bewegt

Foto: AFP

Trotz internationaler Appelle hat Russland seine Angriffe auf die Ukraine am sechsten Tag des Krieges verschärft.

  • Aus dem Zentrum der zweitgrößten Stadt Charkiw wurde eine gewaltige Explosion gemeldet.

  • Ein russischer Militärkonvoi von schier unvorstellbaren 60 Kilometern Länge bewegt sich laut Berichten auf Kiew zu.

  • Moskau kündigt Angriffe auf die Informationsinfrastruktur der Ukraine an.

Die Vereinten Nationen stellen sich auf die Versorgung von bis zu vier Millionen geflüchteten Menschen ein.

Die wichtigsten Entwicklungen im Überblick.

Militärische Lage

Die russischen Angriffe konzentrierten sich weiter auf die großen Städte, die nach Darstellung des ukrainischen Außenministeriums jetzt mit Raketen beschossen werden. Das Außenministerium veröffentlichte auf Twitter ein Video, das einen Raketeneinschlag direkt auf dem zentralen »Platz der Freiheit« in Charkiw zeigt. »Russland führt Krieg unter Verletzung des humanitären Völkerrechts« , hieß es im Tweet.

Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte der Agentur Interfax zufolge mit, die Informationsinfrastruktur des ukrainischen Geheimdienstes in Kiew angreifen zu wollen. So sollten »Informationsangriffe« gegen Russland zerschlagen werden. Die Bevölkerung, die in der Nähe der genannten Einrichtungen lebe, wurde aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen.

Als sicher gilt, dass die russischen Truppen ihren Vormarsch auf Kiew fortsetzen. Satellitenbilder zeigen einen Konvoi aus Panzern und anderen Militärfahrzeugen, der mehr als 60 Kilometer lang sein soll. US-Verteidigungskreisen zufolge will das russische Militär die Hauptstadt trotz des starken ukrainischen Widerstandes einnehmen.

Mariupol, eine Hafenstadt im Südosten der Ukraine, ist weiter heftig umkämpft. Die russischen Separatisten kündigten an, für Einwohner zwei »humanitäre Korridore« einzurichten. Die Menschen könnten die Stadt bis Mittwoch verlassen, sagte der Sprecher der Aufständischen im Gebiet Donezk der Agentur Interfax zufolge.

Die Ukraine wiederum bot russischen Soldaten Straffreiheit und Geld an, wenn sie sich ergeben. Geboten werden jedem Soldaten umgerechnet mehr als 40.000 Euro. Finanziert werde die Aktion von »der internationalen IT-Industrie«, wie es hieß.

Ukrainischen Angaben zufolge sollen bisher mindestens 200 russische Soldaten gefangen genommen worden sein.

Zivilbevölkerung

Die ukrainische Regierung beschuldigt Russland, Zivilisten zu töten und zivile Infrastruktur zu zerstören. Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow sagte der Agentur Ukrinform zufolge, das russische Militär sprenge zum Beispiel auch Umspannwerke. Dadurch komme es zu Problemen bei der Strom- und Wasserversorgung. Unabhängig überprüfen lassen sich die Informationen über das Kriegsgeschehen nicht. Uno-Angaben zufolge wurden bereits mehr als hundert Zivilisten getötet und mehr als 300 verletzt.

Ukrainische Geflüchtete in einer Schule in Polen

Ukrainische Geflüchtete in einer Schule in Polen

Foto: Darek Delmanowicz / EPA

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind bereits 677.000 Menschen in Nachbarländer geflüchtet, meldet die Uno. Rund die Hälfte sei in Polen angekommen, sagte der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. Rund 90.000 Menschen seien in Ungarn und Zehntausende in anderen Nachbarländern wie Moldau, Slowakei und Rumänien. Innerhalb von 24 Stunden sei die Gesamtzahl um 150.000 gestiegen.

Auch in Deutschland treffen immer mehr Menschen aus der Ukraine ein. Bis Dienstagmorgen habe die Bundespolizei die Einreise von 3063 Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine festgestellt, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Da an den EU-Binnengrenzen keine Grenzkontrollen stattfänden, könne die Zahl der eingereisten geflüchteten Menschen tatsächlich aber bereits wesentlich höher sein.

Die Vereinten Nationen planen für eine mögliche Versorgung von bis zu vier Millionen Geflüchteten.

Die ukrainische Regierung

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlangte in einem emotionalen Appell an das Europaparlament die Aufnahme seines Landes in die Europäische Union. »Wir kämpfen für unsere Rechte, für unsere Freiheit, für unser Leben. Und nun kämpfen wir ums Überleben«, sagte Selenskyj zu Beginn einer Sondersitzung des Parlaments in einer Videobotschaft.

Reaktion Russlands

Russlands Außenminister Sergej Lawrow warf der Ukraine eine Bedrohung der internationalen Sicherheit vor. Die Regierung in Kiew wolle eigene Atomwaffen, behauptete Lawrow per Video vor der Ständigen Abrüstungskonferenz in Genf. Auf dem ukrainischen Territorium befänden sich noch sowjetische Nukleartechnologie und die Mittel, so bestückte Waffen abzuschießen, sagte Lawrow der englischen Uno-Übersetzung zufolge.

Lawrow verlangte, dass US-Atomwaffen vom Gebiet der Nato-Partner abgezogen werden. Er betonte auch: »Wir glauben weiter, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf.« Von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA hatte es in der vergangenen Woche geheißen, sie sehe keinerlei Belege für die Behauptungen über ein mögliches Atomwaffenprogramm in der Ukraine.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schloss eine Beteiligung des Militärbündnisses am Ukrainekrieg erneut aus.

Russland eskaliert nicht nur militärisch, sondern auch im Informationskrieg weiter. Nach einem neuen Gesetzesvorschlag sollen Urheber von Nachrichten über den Krieg, die nicht durch Russland »verifiziert« wurden, mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft werden. Das Gesetz solle »Desinformation« kontrollieren, heißt es aus dem Kreml, und wird unter anderem von Parlamentssprecher Vyacheslav Volodin und engen Verbündeten von Präsident Wladimir Putin unterstützt. Unklar ist, ob das Gesetz auch für ausländische Medien gelten soll.

Reaktion des Westens

Die USA planen weitere milliardenschwere Hilfen für die Ukraine. Die Regierung von Präsident Joe Biden beantragte beim Kongress ein Paket mit einem Umfang von 6,4 Milliarden Dollar (5,7 Milliarden Euro), das zusätzlich zur jüngsten militärischen Soforthilfe der US-Regierung mit einem Volumen von 350 Millionen Dollar kommen soll.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte in einer Sondersitzung des EU-Parlaments 500 Millionen Euro an humanitärer Hilfe an. Die Summe soll die bereits angekündigten 500 Millionen Euro der Europäischen Union für Waffenlieferungen an die Ukraine ergänzen. Die australische Regierung will die Ukraine mit militärischer Ausrüstung und humanitärer Hilfe in Höhe von insgesamt 105 Millionen australischer Dollar, rund 68 Millionen Euro, unterstützen.

Der russische Angriff hat laut der US-Regierung zu einem Schulterschluss innerhalb der Nato und anderer westlicher Verbündeter geführt. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, nannte Putin »einen der größten Einiger der Nato in der modernen Geschichte«. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock rief zum internationalen Schulterschluss gegen Putin auf. »Wir wollen, dass so viele Staaten wie möglich Farbe bekennen gegen Putins Krieg«, sagte die Grünenpolitikerin im polnischen Łódź.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat eine neue Debatte über die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht in Deutschland ausgelöst. Politiker aus Union und SPD forderten eine Diskussion über einen solchen Schritt, der Wehrdienst und soziale Dienste vereint. Dagegen erklärte FDP-Fraktionschef Christian Dürr eine Neuauflage der Wehrpflicht in Deutschland für ausgeschlossen.

Wirtschaftliche Folgen

Uno-Generalsekretär Guterres sagte, dass die Krise schwerwiegende Auswirkungen auf die Getreideversorgung der Welt haben könnte. »Das Welternährungsprogramm kauft mehr als die Hälfte seines Weizens aus der Ukraine. Eine Unterbrechung der Ernte könnte die Preise in die Höhe treiben und den weltweiten Hunger verstärken«, sagte Guterres.

jlk/dpa