Krieg in der Ukraine Mariupol unter Beschuss, Verhandlungen in Antalya gescheitert – die aktuelle Lage

Ein Treffen des ukrainischen Außenministers mit seinem russischen Amtskollegen endet ergebnislos. Und örtliche Behörden berichten von vielen Toten in Mariupol. Der Überblick.
Rauch steigt über Mariupol auf, nachdem die Stadt beschossen wurde

Rauch steigt über Mariupol auf, nachdem die Stadt beschossen wurde

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Zerbombte Gebäudeteile, Schwangere, die ins Freie flüchten oder auf Tragen abtransportiert werden, drei Tote, darunter ein sechsjähriges Mädchen: Bei einem Angriff auf ein Kinderkrankenhaus in Mariupol sind laut ukrainischen Angaben mehrere Zivilisten gestorben. Die Berichte decken sich mit den Angaben von Reportern und Augenzeugen in der Stadt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht den Angriff als Beleg für einen Völkermord Russlands in der Ukraine.

Dagegen heißt es vom Kreml, es handle sich um Falschmeldungen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums nannte die Vorwürfe »Informationsterrorismus«. Ihr Chef Sergej Lawrow sprach von einer »Manipulation« der gesamten Welt mit Informationen zu angeblichen Gräueltaten der russischen Armee. Selenskyj wiederum nannte das eine Lüge. Bereits beim Krieg in Syrien hatte Russland zivile Ziele wie Krankenhäuser unter dem Vorwand bombardiert, dort hielten sich feindliche Kombattanten auf.

In Mariupol zeigt sich nun erneut, dass in der Ukraine nicht nur mit Raketen, Panzern und Granaten gekämpft wird; es ist auch ein Informationskrieg ausgebrochen.

Es ist der 15. Kriegstag.

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Humanitäre Lage

»Die russischen Streitkräfte schießen nicht auf zivile Ziele« – diese Behauptung erhält der Kreml seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine aufrecht, nun auch wieder der Sprecher des russischen Präsidialamtes, Dmitri Peskow. Einer unabhängigen Prüfung hält das schon lange nicht mehr stand. Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilte mit, sie habe seit Kriegsbeginn 18 Angriffe auf medizinische Einrichtungen verifiziert. Hinzu kommen Berichte über den Beschuss von Wohngebieten, wie er offenbar auch auf Satellitenbildern zu sehen ist.

Mariupol steht dabei im Zentrum. Nach Angaben der Stadtverwaltung sind binnen neun Tagen 1207 Zivilisten ums Leben gekommen. Von unabhängiger Seite verifiziert ist die Angabe nicht. Die Einwohner müssen seit Tagen ohne Strom, Wasser, Heizung und unter ständigem Beschuss ausharren. Ein Hilfskonvoi musste wieder umkehren, bevor er die eingekesselte Stadt im Süden der Ukraine erreicht hat. Der Grund dafür sei anhaltender Beschuss, teilt die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk mit. Mit dem Konvoi sollten Zivilisten aus der Stadt und in Sicherheit gebracht werden.

Evakuierungen aus den umkämpften Städten im Norden und Osten des Landes sowie der Hauptstadt Kiew dauern an. Evakuiert werde vor allem aus dem Gebiet Sumy an der russischen Grenze in Richtung des zentralukrainischen Poltawa, teilte der Vizechef des Präsidentenbüros Kyrylo Tymoschenko über Telegram mit. Ebenso werde versucht, Menschen aus Isjum im Gebiet Charkiw und den belagerten Städten Mariupol und Wolnowacha im Donezker Gebiet in sichere Regionen zu bringen. Zudem seien weitere Transporte aus den nordwestlichen Vororten von Kiew in die Hauptstadt geplant. Laut Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hat inzwischen etwa die Hälfte der Einwohner die Stadt verlassen.

Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge sind inzwischen 2,3 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Vor dem Krieg lebten in der Ukraine etwa 44 Millionen Menschen.

Militärische Lage

Das Kriegsgeschehen bleibt unübersichtlich, zumal Angaben der Kriegsparteien nicht unabhängig zu überprüfen sind. Ukrainische Behörden meldeten, russische Flugzeuge hätten die Umgebung von Sumy bombardiert, darunter Wohngebiete und eine Gasleitung. Die ukrainische Armee sprach von versuchten russischen Vorstößen auf die Hauptstadt Kiew und die südukrainische Stadt Mykolajiw sowie Angriffen auf die Region um die Millionenstadt Charkiw im Osten. Doch habe man die russische Offensive gebremst.

Die russischen Truppen haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau bislang 2911 Einrichtungen der militärischen Infrastruktur in der Ukraine zerstört. Die russische Armee habe auch die Kontrolle über einige Viertel in der belagerten Stadt Mariupol übernommen, sagt der Sprecher des Ministeriums, Igor Konaschenkow, russischen Nachrichtenagenturen zufolge.

Als Bedingung für eine Einstellung der Gefechte fordert Russland, dass sich die Ukraine in ihrer Verfassung für neutral erklärt. Zudem müsse Kiew die annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim als russisch sowie die Separatistengebiete Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten anerkennen. Es gilt als ausgeschlossen, dass Kiew diese Bedingungen akzeptiert.

Treffen der Außenminister

Ein Treffen des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba mit seinem russischen Kollegen Lawrow im türkischen Antalya, Türkei, brachte keine wesentlichen Fortschritte. Zwei Wochen nach Beginn des russischen Angriffs auf das Nachbarland gelang es nicht, eine zumindest zeitweilige Waffenruhe oder auch nur weitere Fluchtkorridore zu vereinbaren. Die Europäische Union will bei einem Gipfel in Frankreich am Abend die Lage beraten.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein türkischer Amtskollege Mevlüt Çavuşoğlu in Antalya

Der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein türkischer Amtskollege Mevlüt Çavuşoğlu in Antalya

Foto: HANDOUT / AFP

Die Ukraine hatte deutlich gemacht, dass sie grundsätzlich über Möglichkeiten für ein Ende des Konflikts reden wolle. Lawrow erklärte hingegen anschließend, das richtige Forum dafür seien die bereits begonnenen Gespräche in Belarus, dem eng mit Russland verbündeten gemeinsamen Nachbarland. Lawrow warf dem Westen vor, mit Waffenlieferungen an die Ukraine den Konflikt zu verschärfen.

Kuleba beklagte, Lawrow sei nicht in der Lage gewesen, Fluchtkorridore selbst zu vereinbaren, auch nicht für die besonders schwer leidende Hafenstadt Mariupol. Der russische Außenminister müsse darüber in Moskau Rücksprache halten. Es sei auch über eine 24-stündige Waffenruhe gesprochen worden, aber: »Wir haben keinen Fortschritt in dieser Frage erzielt. Denn wie es scheint, werden diese Entscheidungen von anderen in Russland getroffen.« Sowohl Lawrow als auch Kuleba zeigten sich aber grundsätzlich bereit für weitere Gespräche.

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col/pbe/dpa/Reuters/AFP