Krieg in der Ukraine Gefechte, Widerstand, Friedensgespräche – die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunden

Die Koalition des Westens gegen Wladimir Putin verfestigt sich. Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand. Und: Schaltet sich Belarus mit Soldaten in den Krieg ein? Der Überblick.
Zivilisten in der Stadt Vasylkiw nahe Kiew stehen vor einem Supermarkt an, während nach einem russischen Angriff Rauch aufsteigt

Zivilisten in der Stadt Vasylkiw nahe Kiew stehen vor einem Supermarkt an, während nach einem russischen Angriff Rauch aufsteigt

Foto: Dimitar Dilkoff / AFP

Mit jedem Tag des russischen Krieges gegen die Ukraine wächst das Leid der Menschen im Land. Mit jedem Tag wächst aber auch der Protest gegen den Krieg, auch in Russland selbst und Belarus. Und mit jedem Tag werden die Gegenmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft intensiver – politisch, wirtschaftlich und militärisch.

Ein Überblick über die aktuellsten Entwicklungen.

Die Lage in der Nacht zu Montag:

Nach Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums sind bislang 352 Zivilisten gestorben, darunter 14 Kinder. Zudem wurden demnach 1684 Zivilisten verletzt, 116 davon Kinder.

Nachdem die russischen Streitkräfte tagelang behauptet hatten, keinerlei Verluste erlitten zu haben, gaben sie diese Position nun auf. »Leider gibt es unter unseren Kameraden Tote und Verletzte«, sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Konkrete Angaben machte er nicht. Laut Ukraine wurden bislang etwa 4300 russische Soldaten getötet. Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Der russische Angriff geht derweil unvermindert weiter. Zahlreiche Fotos, Videos und Augenzeugenberichte widerlegen die Behauptung Russlands, nur militärische Ziele würden angegriffen. Tatsächlich wurden auch Wohnviertel und Schulen getroffen. Viele Zivilisten helfen indes, den Vormarsch der russischen Einheiten zu erschweren. Sie heben Panzergräben aus, errichten Straßensperren und füllen Sandsäcke.

»Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand«, hieß es aus dem US-Verteidigungsministerium. »Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen.« Man beobachte zudem »Treibstoff- und Logistikengpässe« der russischen Truppen. Allerdings sei davon auszugehen, dass die russischen Streitkräfte sich anpassen würden. Nach US-Einschätzung habe der russische Präsident Wladimir Putin erst zwei Drittel seiner für die Invasion an der Grenze zusammengezogene »Kampfkraft« im Einsatz in der Ukraine.

Einwohner der Stadt Uschgorod bauen Panzersperren

Einwohner der Stadt Uschgorod bauen Panzersperren

Foto: Serhii Hudak / REUTERS

Aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, wurden heftige Gefechte gemeldet. Nachdem russische Soldaten bis ins Stadtzentrum vorgedrungen waren, meldete Gouverneur Oleg Sinegubow am Sonntag, Charkiw sei wieder vollständig unter ukrainischer Kontrolle. In der Nacht zu Montag kam es dann nach einem Bericht des staatlichen Informationsdienstes der Ukraine zu mehreren Explosionen.

Eine unabhängige Überprüfung der Informationen ist kaum möglich. Charkiw ist wegen seiner Straßen- und Bahnverbindungen strategisch bedeutsam.

Im Süden der Ukraine rückte die russische Armee am Sonntag nach eigenen Angaben auf zwei Großstädte vor: Cherson und Berdjansk. »In den vergangenen 24 Stunden haben die russischen Streitkräfte die Städte Cherson und Berdjansk vollständig eingeschlossen«, erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow. Cherson hat 290.000, Berdjansk 110.000 Einwohner. Nach Angaben des Sprechers haben russische Soldaten auch die Kontrolle über Henitschesk übernommen, einer Hafenstadt am Asowschen Meer.

Die Hauptstadt Kiew war am Sonntag schwerem Beschuss ausgesetzt. Zur Verteidigung zog die Ukraine nach eigenen Angaben weitere Kräfte zusammen. Das Verteidigungsministerium sprach von russischen Angriffen im Norden und Nordwesten der Hauptstadt. Von Süden her stoße eine große Kolonne russischer Militärfahrzeuge auf Kiew vor, hieß es. Zudem zeigten Satellitenfotos der Firma Maxar Technologies einen kilometerlangen Konvoi russischer Militärfahrzeuge gut 60 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt, der sich in Richtung Kiew bewegte.

Der staatliche Informationsdienst der Ukraine meldet in der Nacht zu Montag, dass es in Kiew zu mehreren Explosionen gekommen sei. Und der ukrainische Generalstab schrieb bei Facebook , dass die russische Armee im Norden Kiews versucht habe, eine Pontonbrücke zu bauen, um den Fluss Irpin zu überqueren. Ein weiterer Versuch, die Stadt Irpin kurz vor Kiew zu erobern, sei erfolglos gewesen, hieß es weiter.

Zudem gibt es Spekulationen, dass sich Belarus am Montagmorgen offiziell mit Soldaten in den Krieg einschalten könnte. Belarussische Fallschirmjäger sollen den Befehl bekommen haben, um 5 Uhr in die Ukraine zu fliegen, schreibt die ukrainische Agentur Unian. Sie beruft sich dabei auf Informationen von Andrej Strischak von der Nichtregierungsorganisation Bysol (Belarus Solidarity Foundation), die sich für Betroffene von politischen Repressionen in Belarus einsetzt. Diese Informationen ließen sich nicht unabhängig prüfen.

Was Deutschland tut:

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat eine Zeitenwende in der deutschen Politik eingeleitet. Was bislang ausgeschlossen schien, gilt nun als Staatsräson. In einer Regierungserklärung, die schon jetzt als historisch gilt, hat Bundeskanzler Scholz angekündigt, die Bundeswehr massiv auszubauen und dafür ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro im Bundeshaushalt 2022 zur Verfügung zu stellen. Zudem sollen nun jedes Jahr mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Verteidigung investiert werden. Wenn dies geschieht, wird die Bundesrepublik die Selbstverpflichtung der Nato-Staaten erfüllen.

Lesen Sie hier mehr dazu: Ein Kanzler im Krieg 

DER SPIEGEL

Nach zahlreichen kleineren Protestaktionen gab es am Sonntag in Berlin eine Massendemonstration gegen den Krieg – mehr als 100.000 Menschen nahmen teil. Unter ihnen waren auch Ukrainerinnen und Ukrainer, mit einem Wunsch.

Wie die internationale Gemeinschaft reagiert:

Sollte Wladimir Putin darauf gesetzt haben, dass die internationale Gemeinschaft über die Reaktion auf den Einmarsch in der Ukraine gespalten reagieren würde, sieht er sich nun getäuscht. Die weltweite Solidarität mit der Ukraine ist nahezu einhellig; die EU hat am Sonntag einstimmig weitere Sanktionen verabschiedet.

Die Nachbarländer der Ukraine nehmen zudem großherzig Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Inzwischen sind mehr als 400.000 Menschen nach Polen, Rumänien, Ungarn, in die Slowakei oder nach Moldau geflohen; laut Uno sind innerhalb der Ukraine rund 160.000 Personen auf der Flucht.

Die Kriegsflüchtlinge sollen nach den Worten von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) in der EU schnell und unbürokratisch aufgenommen werden. Beim Treffen der EU-Innenminister am Donnerstag solle eine Regelung beschlossen werden, wonach in allen Mitgliedstaaten das gleiche Verfahren gelte, sagte Faeser. Flüchtlinge aus der Ukraine müssen demnach kein Asylverfahren durchlaufen und erhalten vorübergehenden Schutz in der EU für bis zu drei Jahre.

EU-Katastrophenschutzkommissar Janez Lenarcic sagte in Brüssel, die EU müsse sich auf eine humanitäre Krise »von historischem Ausmaß« vorbereiten. Sollte die russische Offensive andauern, sei nach Uno-Schätzungen mit mehr als sieben Millionen Binnenflüchtlingen, rund vier Millionen Kriegsflüchtlingen und rund 18 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesenen Menschen in der Ukraine zu rechnen.

Viele Staaten kommen zudem der Bitte der ukrainischen Regierung nach, den Kampf gegen Russland mit militärischer Ausrüstung zu unterstützen. Darunter sind selbst Länder wie Schweden, das seit dem Zweiten Weltkrieg keine Waffen mehr in Konfliktregionen geliefert hat.

Nun hat die Regierung in Stockholm entscheiden, diesen Grundsatz aufzugeben und 5000 Panzerabwehrwaffen, 5000 Helme und 5000 Schutzwesten an die Ukraine zu liefern. Diese Entscheidung sei eine Ausnahme und beispiellos seit 1939, teilte Regierungschefin Magdalena Andersson mit. Damals hatte Schweden Finnland nach dem sowjetischen Einmarsch während des Zweiten Weltkrieges unterstützt.

Auch Dänemark liefert Waffen: Regierungschefin Mette Frederiksen sagte, ihr Land werde der Ukraine bis zu 2700 Panzerabwehrwaffen liefern. Belgien sagte der Ukraine die Lieferung von 3000 Maschinengewehren und 200 Granatwerfern zum Kampf gegen Panzer zu.

Was Kiew sagt:

Während Putin international quasi komplett isoliert ist, erfährt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj weltweit Solidarität. Er, der einst Komiker war, wächst im Krieg über sich hinaus . Selenskyj versteht es geschickt, die Möglichkeiten sozialer Netzwerke für sich zu nutzen, um auf seine Anliegen aufmerksam zu machen und Unterstützung für sein Land zu bekommen. Er zeigt sich als Gegenstück zum Invasoren Putin. Fotos der beiden Männer mit ihren jeweiligen Verteidigungsministerin illustrieren die Unterschiede:

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow veröffentlichte ein Selfie mit Selenskyj.

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Dagegen zeigte eine andere Aufnahme, wie Putin weit entfernt von seinem Minister an einem überlangen Tisch sitzt.

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Zugleich widersprachen Selenskyj und Resnikow Berichten, sie seien aus Kiew geflohen. »Wir halten die Stellung«, twitterte Resnikow. Ein Video oder Foto, das den Präsidenten eindeutig in Kiew zeigt, wurde am Sonntag aber zunächst nicht geteilt. Selenskyj hatte sich an den Vortagen in Clips im Regierungsviertel gezeigt.

Selenskyj hat zugestimmt, eine ukrainische Delegation zu einem Treffen mit russischen Vertretern an der ukrainisch-belarussischen Grenze zu schicken. Das Treffen in der belarussischen Region Gomel soll am frühen Montagmorgen stattfinden. Es soll dabei um eine mögliche Friedenslösung gehen. »Ich glaube nicht an ein Ergebnis dieses Treffens«, sagte Selenskyj, »aber lasst es uns versuchen«.

Wie es weitergeht:

Das Sicherheitskabinett der Bundesregierung berät am Montag über die Lage in der Ukraine. Das Treffen ist für den Vormittag im Kanzleramt geplant. Das Gremium wird vom Bundeskanzler einberufen, wenn Fragen der inneren oder äußeren Sicherheit zu besprechen sind. Dazu gehören auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) sowie Vertreter der Sicherheitsbehörden. Das Gremium hatte sich bereits in den vergangenen Tagen mehrfach getroffen.

In der Schweiz trifft sich am Montag der Bundesrat zu einer außerordentlichen Sitzung. Es sei »sehr wahrscheinlich«, dass dabei das Einfrieren russischer Vermögenswerte in der Schweiz beschlossen werde, sagte Bundespräsident Ignazio Cassis. Auch die Möglichkeit, Wladimir Putin zu sanktionieren, müsse auf den Tisch. Die Schweiz ist ein besonders wichtiger Finanzplatz für Russen.

Zudem kommt am Montag in Genf der Uno-Menschenrechtsrat zu seiner regulären Frühjahrssitzung zusammen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte ursprünglich seine Teilnahme angekündigt; er steht für Dienstag auf der Rednerliste. Wegen der Sperrungen des EU-Luftraums für russische Flugzeuge kann er aber wohl nicht nach Genf reisen.

Der Uno-Sicherheitsrat hat außerdem eine äußert seltene Notfall-Sondersitzung der Uno-Vollversammlung einberufen. Elf der 15 Mitglieder stimmen dafür. Russland votiert dagegen, China, Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate enthalten sich der Stimme. Thema der Notfall-Sondersitzung soll am Montag der russische Einmarsch in die Ukraine sein. Westliche Staaten hoffen, dass bei dem Treffen ab 16 Uhr MEZ möglichst viele der 193 Mitgliedsländer den Angriffskrieg Russlands verurteilen – und damit die weltweite Isolation der russischen Führung sichtbar machen. Seit 1950 hat es erst zehn solcher Notfall-Sondersitzungen gegeben.

ulz/aar/dpa
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