Krieg in der Ukraine Kämpfe um Kernkraftwerk – Uno spricht von »selbstmörderischen« Attacken

Erneut hat es Beschuss rund um das AKW Saporischschja in der Südukraine gegeben – mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Vereinten Nationen warnen in klaren Worten vor einer nuklearen Eskalation.
Russischer Soldat in der Anlage von Saporischschja (im Mai 2022)

Russischer Soldat in der Anlage von Saporischschja (im Mai 2022)

Foto: AP

Das Areal rund um das Atomkraftwerk von Saporischschja rückt im Ukrainekrieg derzeit immer mehr in den Fokus. Am Sonntag hatte es erneut Gefechte gegeben – und zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage haben sich Moskau und Kiew gegenseitig den Beschuss des südukrainischen Atomkraftwerks vorgeworfen.

Die ukrainische Armee habe in der Nacht zum Sonntag eine Rakete auf das AKW-Gelände abgefeuert, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Besatzungsverwaltung der Stadt Enerhodar, in der das Kraftwerk liegt. Die ukrainische Atombehörde Enerhoatom hingegen beschuldigte die Russen, das unter ihrer Kontrolle stehende Gelände selbst beschossen zu haben.

Die Internationale Atombehörde (IAEA) fordert von beiden Seiten, internationalen Atomexperten den ungehinderten Zugang zu der Anlage zu ermöglichen.

Warnungen kommen inzwischen von höchster Ebene. Jegliche Angriffe auf ein Atomkraftwerk seien »selbstmörderisch«, sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, mit Blick auf Berichte über den erneuten Beschuss des größten europäischen AKW in der Ukraine.

Nach den Worten von Guterres ist die Gefahr einer nuklearen Konfrontation – auch abgesehen von der heiklen Lage rund um das AKW – »nach Jahrzehnten wieder da«. Die Atomstaaten sollten sich verpflichten, diese Waffen nicht erstmalig einzusetzen, sagte Guterres am Montag auf einer Pressekonferenz in Tokio vor dem Hintergrund der Hiroshima-Friedensgedenkfeier am Wochenende zum 77. Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs.

Seit Wochen gibt es Kritik, laut der die russischen Truppen das Kraftwerk als Schutzschild für die eigene Artillerie nutzen, die von dort aus ukrainisch kontrolliertes Gebiet beschießt. Das Atomkraftwerk liegt im von Russland besetzten Teil der Südukraine.

DER SPIEGEL

Zu der Situation um Saporischschja äußerte sich auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner allabendlichen Videoansprache. Er erneuerte seine Vorwürfe an Russland, das Atomkraftwerk beschossen zu haben. Darauf müsse eine »prinzipielle Antwort der Weltgemeinschaft« erfolgen, forderte er.

Meldung über Brand und zeitweilige Abschaltung

Attacken auf Saporischschja hatte es bereits am Freitag gegeben. Der ukrainische Atomkonzern Enerhoatom teilte mit, dass beim Beschuss eine Hochspannungsleitung zum benachbarten Wärmekraftwerk beschädigt worden sei. Ein Block des Atomkraftwerks sei heruntergefahren worden.

In Teilen von Enerhodar seien Strom- und Wasserversorgung ausgefallen, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Zudem habe ein Block des Kraftwerks teilweise abgeschaltet werden müssen. Ein Brand auf dem Werksgelände habe gelöscht werden können. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Inspektoren kommen kaum ins Kriegsgebiet

Das ukrainische Außenministerium appellierte an die internationale Gemeinschaft, sich dafür einzusetzen, dass die Russen den Ukrainern die Kontrolle über das AKW zurückgeben. Sollte ein Reaktor im Betrieb getroffen werden, seien die möglichen Folgen »gleichbedeutend mit dem Einsatz einer Atombombe«, warnte die Behörde in Kiew.

Erst Mitte vergangener Woche hatte sich die Internationale Atomenergiebehörde besorgt gezeigt angesichts der Lage um das Kraftwerk, das mit sechs Blöcken und einer Leistung von 6000 Megawatt das größte Atomkraftwerk Europas ist. Eine Inspektion zur Prüfung der technischen Sicherheit sei dringend erforderlich, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi. Aber es sei momentan sehr schwierig für die IAEA, überhaupt ins Kriegsgebiet nach Saporischschja zu kommen.

jok/Reuters
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