Während G20-Gipfel auf Bali Russland startet massiven Luftangriff auf Ukraine

Der russische Angriffskrieg ist das beherrschende Thema beim Gipfeltreffen in Indonesien. Als in der Ukraine Dutzende russische Raketen einschlugen, war Außenminister Lawrow schon auf dem Weg nach Hause.
Feuerwehrleute versuchen in Kiew, einen Brand in einem von einer Rakete getroffenen Haus zu löschen

Feuerwehrleute versuchen in Kiew, einen Brand in einem von einer Rakete getroffenen Haus zu löschen

Foto: Oleksandr Gusev / REUTERS

Der G20-Gipfel auf Bali steht im Zeichen des russischen Angriffskriegs. Während die Unterhändler der führenden Wirtschaftsmächte – inklusive Russland – sich offenbar auf eine gemeinsame Abschlusserklärung geeinigt haben, in der der Krieg in der Ukraine auch als solcher bezeichnet wird, haben Moskaus Streitkräfte einen der massivsten Luftangriffe der vergangenen Monate gestartet.

Am Nachmittag ertönte in der gesamten Ukraine der Luftalarm, kurz darauf waren in vielen Städten Explosionen hören. Ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe sprach von etwa 100 Raketen, die Russland insgesamt abgefeuert habe. Es wäre der zweitgrößte Raketenangriff seit Beginn der Offensive am 24. Februar. Die Schäden sind massiv.

Mindestens ein Opfer in Kiew

Ziel der Geschosse war unter anderem Kiew. In der Hauptstadt sind laut Bürgermeister Vitali Klitschko unter anderem mehrere Wohnhäuser getroffen, mindestens ein Mensch sei getötet worden. Mindestens die Hälfte der Bewohner sei ohne Strom, erklärte Klitschko via Telegram.

Auch in weiteren Regionen des Landes ist laut Behördenangaben kritische Infrastruktur getroffen worden, der Strom ausgefallen.

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Laut dem stellvertretenden Leiter des ukrainischen Präsidialbüros, Kyrylo Tymoschenko, dauerte der Angriff am Abend weiter an. »Die Gefahr ist nicht vorbei«, erklärte Tymoschenko und forderte die Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben.

Auch andere ukrainische Städte wurden beschossen. »Es gibt Explosionen in Lwiw«, erklärte der Bürgermeister der westukrainischen Stadt. Der Bürgermeister von Charkiw im Nordosten des Landes sprach von einem »Raketenangriff« auf die Stadt. Beide Bürgermeister meldeten Stromausfälle. Über Raketenbeschuss wurde auch aus den Gebieten Tscherkassy, Kirowohrad, Chmelnyzkyj und Dnipropetrowsk berichtet.

Präsidentenberater Andrij Jermak bezeichnete die Attacken als eine Reaktion auf die Rede von Wolodymyr Selenskyj beim G20-Gipfel. Per Video zugeschaltet hatte der ukrainische Präsident die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder aufgefordert, Moskau zur Beendigung seines Angriffskriegs zu drängen. Selenskyj sprach die führenden Wirtschaftsmächte dabei wiederholt als G19 an, eine offensichtliche Spitze Richtung Russland.

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Selenskyj wandte sich am frühen Abend per Video an die ukrainische Bevölkerung. Er wisse, dass die Raketenangriffe vielerorts die Stromversorgung gekappt hätten. Aber: »Wir arbeiten, wir werden alles wiederherstellen, wir werden überleben.«

Moskau selbst teilte mit, mehrere ukrainische Städte aus der Luft angegriffen zu haben.

Am Freitag hatte Russland seine Streitkräfte aus der südukrainischen Stadt Cherson nach achtmonatiger Besetzung komplett zurückgezogen. Zuvor waren die ukrainischen Truppen in dem Gebiet immer weiter vorgerückt. Für Russland bedeutete der Rückzug eine herbe Niederlage. Cherson war die einzige Regionalhauptstadt, welche die russischen Truppen gleich zu Beginn des Krieges erobert hatten.

Raketen- oder Drohnenangriffe auf ukrainische Städte und zivile Infrastruktur führen die russischen Streitkräfte oft dann aus, wenn es militärisch schlecht laufe, sagt der Sicherheitsexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations. »Russland versucht über den Winter auch die ökonomische Leistungsfähigkeit der Ukrainer weiter zu untergraben«, sagte Gressel dem SPIEGEL. Neben dem Getreide war Elektrizität eines der wichtigsten Exportgüter der Ukraine. Seit Russland immer wieder das Stromnetz attackiert, hat die Ukraine die Exporte eingestellt.

Während die Raketen in Kiew und anderen Städten noch einschlugen, war Russlands Außenminister Sergej Lawrow bereits auf dem Weg zurück von Bali. Er hatte die indonesische Insel – wie geplant – nach dem ersten Sitzungstag verlassen. Dort hatte Lawrow in seiner Rede der ukrainischen Führung vorgeworfen, Verhandlungen mit Russland kategorisch abzulehnen und »offensichtlich unrealistische« Bedingungen zu stellen. Selenskyjs Rede nannte der Außenminister »russophob und aggressiv«.

Damit versuchte Lawrow erneut die Lage zu verdrehen – und Moskau, das die Ukraine seit fast neun Monaten in einem groß angelegten Angriffskrieg attackiert, als angeblich kooperativen Verhandlungspartner darzustellen.

Selenskyjs Regierung lehnt Gespräche mit Russlands Präsident Putin ab. Sie hatte mit dem Abzug der russischen Truppen aus Cherson einen weiteren bedeutenden militärischen Erfolg nach den russischen Niederlagen im Gebiet Charkiw und Lyman verbucht.

Putin versucht, Normalität zu vermitteln

Putin war erst gar nicht zum G20-Gipfel geflogen, wo er mit scharfer Kritik vieler Teilnehmer rechnen musste. Er versuchte am Dienstag den Eindruck eines normalen Arbeitstags zu vermitteln, zeigte sich vor seiner Videoleinwand, über die er mit Mitgliedern des Organisationskomitees »Sieg« über den Zweiten Weltkrieg sprach – ein Thema, über das er sich häufig äußert. Den besetzten Städten Mariupol und Melitopol in der Ukraine ließ er per Dekret die Ehrentitel »Stadt des militärischen Ruhms« verleihen.

Als Lawrow noch auf Bali war, deutete sich schon eine vorher nicht erwartete gemeinsame Erklärung der G20 an. »Die meisten Mitglieder verurteilten den Krieg in der Ukraine aufs Schärfste und betonten, dass er immenses menschliches Leid verursacht«, heißt es in dem Entwurf für die Abschlusserklärung, der von den Staats- und Regierungschefs noch formal bestätigt werden soll. Schon das Wort »Krieg« in der Erklärung gilt als Erfolg.

Bisherige Unterstützer Russlands wie China und Indien verzichten offenbar darauf, eine gemeinsame Abschlusserklärung zu blockieren. Auch Russland wird die Erklärung wohl mittragen. Nachdem westliche Vertreter versucht hätten, das Dokument »zu politisieren«, habe man nun festgestellt, dass auch andere, alternative Ansichten in dem Dokument berücksichtigt worden seien, sagte Außenminister Lawrow bei seiner Pressekonferenz auf Bali. Das sei für Moskau »völlig ausreichend«. Die Absätze zum Angriffskrieg sind nun in großen Teilen einer Uno-Resolution vom März entnommen. Auch für steigende Inflation, gebremstes Wirtschaftswachstum und die Energie- und Ernährungskrise wird der Krieg verantwortlich gemacht.

Ein Ende des Ukrainekrieges scheint weiter fern. Die neuen Angriffe der Russen auf die Ukraine hält Sicherheitsexperte Gressel für vorbereitet, nicht kurzfristig angesetzt. »Die bereiten sich lange vor auf das, was sie da treffen wollen. Das lässt sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln.«

svs/heb/dpa/Reuters
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