Ukrainische Hafenstadt Mariupol Russland meldet »vollständige Befreiung« des Asow-Stahlwerks

Nach russischen Angaben haben sich alle Kämpfer in der Hafenstadt Mariupol ergeben. Der ukrainische Präsident Selenskyj macht den Westen für den Rückzug aus dem Asow-Stahlwerk mitverantwortlich.
Das Asow-Stahlwerk am 20. Mai: Industriezone nun offenbar unter russischer Kontrolle

Das Asow-Stahlwerk am 20. Mai: Industriezone nun offenbar unter russischer Kontrolle

Foto: ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS

Nach wochenlangem Widerstand befindet sich das Asow-Stahlwerk in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol nach Angaben aus Moskau unter russischer Kontrolle. Alle Kämpfer hätten sich ergeben, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitagabend.

Es seien insgesamt 2439 ukrainische Soldaten seit dem 16. Mai in russische Gefangenschaft gekommen. Das Werk war das letzte Stück der strategisch wichtigen Stadt im Südosten der Ukraine, das noch nicht komplett unter russische Kontrolle gewesen war.

Verteidigungsminister Sergej Schoigu selbst habe Präsident Wladimir Putin über die »vollständige Befreiung des Werks und der Stadt Mariupol« berichtet, sagte Konaschenkow. Der Einsatz russischer Soldaten sei damit nun abgeschlossen worden. Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung dafür.

Russische Truppen hatten mit der Belagerung von Mariupol bereits kurz nach ihrem Einmarsch in die Ukraine Ende Februar begonnen. Bilder einer zerstörten Geburtsklinik  gingen um die Welt. Wochenlang harrten Zivilisten in Kellern aus, selbst Trinkwasser fehlte in der umkämpften Stadt. Erst nach vielen gescheiterten Anläufen wurden Zivilisten aus der Stadt evakuiert. Zuletzt konzentrierten sich die russischen Angriffe auf das Stahlwerk, in dessen weitläufigen Kellern sich die letzten Verteidiger der Stadt verschanzt hatten.

DER SPIEGEL

Am Freitag sei die letzte Gruppe von 531 Kämpfern in Gefangenschaft gekommen, hieß es in der Mitteilung des Ministeriums. Die Industriezone war seit dem 21. April von russischen Truppen blockiert gewesen. Der Kommandeur des Asow-Regiments sei in einem speziellen gepanzerten Fahrzeug abtransportiert worden.

Noch Stunden zuvor hatten die verbliebenen ukrainischen Verteidiger des Stahlwerks am Asowschen Meer erstmals erklärt, dass sie einem Befehl ihrer Armeeführung zufolge die Verteidigung der Stadt einstellen sollen. Das teilte der Kommandeur des umstrittenen Nationalgarderegiments »Asow«, Denys Prokopenko, mit. Damit sollten Leben und Gesundheit der Soldaten der Garnison geschützt werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte am Freitag – in einem noch vor der russischen Verkündung der Einnahme aufgenommenen Fernsehinterview – den Westen für den Rückzug der Ukrainer aus dem Werk mitverantwortlich. Er habe die westlichen Staats- und Regierungschefs wiederholt aufgefordert, sein Land mit »geeigneten Waffen« zu versorgen – »damit wir Mariupol erreichen können, um diese Menschen zu befreien«.

Am Montag hatten sich bereits die ersten 264 Soldaten ergeben, darunter über 50 Schwerverletzte. Nach russischen Angaben kamen am Donnerstag weitere in Gefangenschaft. Die Kommandeure und einige Kämpfer hatten bis zuletzt die Stellung gehalten. Insgesamt wurde in Moskau stets von rund 2500 ukrainischen Kämpfern ausgegangen. Die Regierung in Kiew hingegen hatte deren Zahl nur mit 1000 angegeben.

Bis zuletzt sprach die ukrainische Führung von einer »Rettungsoperation« statt einer Kapitulation und stellte einen baldigen Gefangenenaustausch mit Russland in Aussicht. Die Asow-Kämpfer hatten immer wieder um Hilfe von den ukrainischen Streitkräften gebeten. Russland führt seit knapp drei Monaten einen Angriffskrieg gegen den ukrainischen Nachbarn. Mit Mariupol kontrollieren die russischen Kräfte nun die komplette Küste des Asowschen Meeres.

bbr/dpa