Vergeltungsangriffe Was über die Bombardierung der ukrainischen Städte bekannt ist

In allen Teilen der Ukraine hat Russland am Morgen Städte mit Raketen beschossen, auch die Hauptstadt Kiew. Wie begründet Moskau die Angriffe, wie reagiert die Welt?
Ein Sanitäter in Kiew: Luftschläge töteten elf Menschen in der Ukraine

Ein Sanitäter in Kiew: Luftschläge töteten elf Menschen in der Ukraine

Foto: Roman Hrytsyna / dpa

Erstmals seit Monaten schlugen am Montagmorgen, mitten im Berufsverkehr, wieder Raketen in Kiew ein, auch andere Städte wurden beschossen. Der ukrainische Zivilschutz sprach von landesweit elf Todesopfern und mindestens 64 Verletzten.

Fünf Stunden und 37 Minuten dauerte der Luftalarm in Kiew am Montag an. Laut ukrainischen Medien war es der längste Luftalarm in der Hauptstadt seit Kriegsbeginn am 24. Februar. Weitere Ziele der russischen Luftangriffe waren die Städte Charkiw, Chmelnyzkyj, Dnipro, Lwiw, Mykolajiw, Poltawa, Saporischschja, Schytomyr und Ternopil.

DER SPIEGEL

Die Lage bleibt unübersichtlich. Wenig lässt sich unabhängig überprüfen. Ein Überblick.

Welche Ziele hat Russlands Armee am Montagmorgen beschossen?

Neben Wohnhäusern wurde etwa in Kiew eine der verkehrsreichsten Straßenkreuzungen angegriffen. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sprach davon, dass wichtige Infrastruktur in der Hauptstadt attackiert worden sei. Das Auswärtige Amt meldete eine Beschädigung der Visastelle der deutschen Botschaft in Kiew, die jedoch nicht besetzt gewesen sei.

In Lwiw, das seit Kriegsbeginn als vergleichsweise sicher galt, wurde nach Angaben des Regionalgouverneurs Maxim Kosizky die Energieinfrastruktur attackiert. In Teilen der Stadt brach demnach die Strom- und Warmwasserversorgung zusammen.

Das ukrainische Verteidigungsministerium sprach davon, dass Russland insgesamt 83 Raketen abgefeuert habe. 41 davon seien von der Luftabwehr abgefangen worden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Russland habe bei den Angriffen auch von Iran hergestellte Drohnen eingesetzt. Einige der Drohnen sollen in Belarus oder auf der Krim gestartet sein.

Wie begründet Russland die Angriffe?

Die Angriffe folgten zwei Tage nach der schweren Explosion auf der Krimbrücke , der Verbindung zwischen der annektierten Halbinsel und dem russischen Festland. Wladimir Putin sprach am Montag angesichts der Raketenangriffe von einer Reaktion auf die »Terroranschläge«, es seien Präzisionsangriffe gegen die Energie-, Militär- und Kommunikationsinfrastruktur gewesen.

Putin war nach der Explosion auf der Krimbrücke unter Druck geraten, in Moskau war nach der schweren Beschädigung des Prestigeprojekts eine harte Reaktion gefordert worden. Noch am Samstag erließ Putin ein Dekret für einen verbesserten Schutz der Brücke. Offiziell wurde der ukrainische Geheimdienst SBU für die Explosion verantwortlich gemacht, eine Bestätigung aus Kiew gab es nicht.

DER SPIEGEL

Der ukrainische Außenminister reagierte deutlich auf die Äußerungen des Kremls: »Nein, Putin wurde nicht von der Krimbrücke zum Raketenterror ›provoziert‹«, twitterte er. »Russland hatte die Ukraine auch vor der Brücke ständig mit Raketen getroffen. Putin ist verzweifelt wegen der Niederlagen auf dem Schlachtfeld und versucht mit Raketenterror, das Kriegstempo zu seinen Gunsten zu ändern.«

Auch der ukrainische Militärgeheimdienst äußerte Zweifel daran, dass die Angriffe eine direkte Reaktion auf die Explosion auf der Krimbrücke seien. Demnach habe der Kreml seine Truppen bereits Anfang Oktober angewiesen, die Raketenangriffe vorzubereiten. Als Ziele seien demnach kritische und zivile Infrastruktur und zentrale Bereiche dicht besiedelter Städte identifiziert.

Wie reagierte die Welt?

International sorgten die Angriffe für Empörung. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg etwa verurteilte »schreckliche und wahllose Angriffe«, Uno-Generalsekretär António Guterres zeigte sich »zutiefst schockiert«. Der französische Präsident Emmanuel Macron sicherte Selenskyj in einem Telefonat seine »volle Unterstützung« zu.

Selbst die indische Regierung, die sich im russischen Angriffskrieg wegen enger Beziehungen nach Moskau neutral verhält, äußerte sich besorgt. Indien rufe zu einem sofortigen Ende der Kampfhandlungen auf und biete Unterstützung für Deeskalationsbemühungen an, sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

Das Rote Kreuz setzte indes seinen Hilfseinsatz in der Ukraine aus. »Aus Sicherheitsgründen haben unsere Teams ihre Arbeit heute unterbrochen«, sagte ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Auch die Norwegische Flüchtlingshilfe (NRC) erklärte, sie habe ihre Hilfseinsätze in der Ukraine eingestellt, bis es ausreichend sicher sei, sie wieder aufzunehmen.

Verstärkung der ukrainischen Luftverteidigung

Eine funktionierende Luftverteidigung scheint in der Ukraine wichtiger denn je. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte: »Wir tun alles, um die ukrainische Luftverteidigung schnell zu verstärken.«

  • Alle wichtigen Entwicklungen zum Ukrainekrieg lesen Sie hier.

Baerbock sprach mit Blick auf das russische Raketenfeuer von Menschen in Todesangst im Kiewer Morgenverkehr und einem Einschlagskrater neben einem Spielplatz und sagte: »Es ist niederträchtig und durch nichts zu rechtfertigen, dass Putin Großstädte und Zivilisten mit Raketen beschießt.«

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte zuvor bekräftigt, in den nächsten Tagen das erste von vier hochmodernen Iris-T SLM Luftverteidigungssystemen bereitzustellen. Lambrecht hatte eine schnelle Lieferung vor anderthalb Wochen in Odessa angekündigt.

hba/dpa/AFP/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren