Russischer Soldat kritisiert Ukraine-Invasion »Was ist aus uns geworden?«

Schlecht ausgerüstet, wenig genährt, desillusioniert und von Putin enttäuscht: In einem Tagebuch berichtet ein ehemaliger russischer Soldat von seinem Einsatz in der Ukraine und warum er nicht schweigen konnte.
Ein einsamer Soldat auf Patrouille im Gebiet Cherson

Ein einsamer Soldat auf Patrouille im Gebiet Cherson

Foto: RIA Novosti / SNA / IMAGO

Pawel Filatjew war als Fallschirmjäger im russischen Krieg gegen die Ukraine unter anderem an der Eroberung der Stadt Cherson beteiligt. In einem Tagebuch hielt er die Frustration über die Kriegserlebnisse fest. Seine gesammelten Einträge hat er in einem Buch veröffentlicht.

Der »Guardian«  hat mit dem mittlerweile aus seiner Heimat Geflohenen gesprochen und weitere Auszüge aus dessen noch nicht vollständig übersetztem Werk veröffentlicht. Filatjew beschreibt in »ZOV« nicht nur die mangelnde Ausrüstung und Organisation in der russischen Armee, sondern auch seine zunehmende Abscheu vor dem Krieg, den sein Land gestartet hat.

»Hast du jemals die Bilder von der Plünderung Roms durch die Barbaren gesehen?«, schreibt der Autor zum 1. März 2022, dem Tag, als seine Einheit den Hafen der Stadt Cherson einnahm.

»Wir waren wie Wilde«

»So lässt sich am verständlichsten beschreiben, was um mich herum geschah. Alle sahen erschöpft und verwildert aus, und wir alle begannen, die Gebäude auf der Suche nach Nahrung, Wasser, einer Dusche und einem Platz für die Nacht zu durchkämmen; einige begannen, Computer und alle wertvollen Güter, die sie finden konnten, mitzunehmen.«

Weiter heißt es: »Wie Wilde aßen wir alles, was es dort gab: Haferflocken, Brei, Marmelade, Honig, Kaffee… Wir haben uns um nichts geschert, wir waren schon am Ende unserer Kräfte. Die meisten hatten einen Monat auf den Feldern verbracht, ohne einen Hauch von Komfort, einer Dusche oder normalem Essen.«

Schon zu Beginn seines Einsatzes wunderte Filatjew sich offenbar über die mangelnde Organisation der russischen Armee. »Was für ein wilder Zustand, in den man Menschen treiben kann, wenn man nicht daran denkt, dass sie schlafen, essen und sich waschen müssen«, schreibt er. »Alles um uns herum gab uns ein mieses Gefühl; wie Elende versuchten wir nur zu überleben.«

Er habe zu Beginn des Feldzugs nur Sommerkleidung und keine Kopfbedeckung erhalten, auch sein Gewehr sei verrostet gewesen. Seine Einheit und er hätten zunächst kaum Informationen über den Einsatz bekommen. Dem »Guardian« gegenüber sagte der 34-Jährige, dass es Wochen gedauert habe, bis er begriffen habe, »dass auf russischem Territorium gar kein Krieg herrschte, sondern dass wir die Ukraine einfach angegriffen hatten.«

Soldaten verwunden sich selbst

Als die allgemeine Frustration an der Front laut dem ehemaligen Fallschirmjäger zugenommen habe, hätten Soldaten sich selbst angeschossen, um der Front zu entkommen und die Entschädigung für Verwundete zu kassieren. Teilweise würden diese aber ebenso wie Angehörigen gefallener Kameraden mehrere Monate auf ihre Zahlungen warten.

»Ich habe keine Angst, im Krieg zu kämpfen«, sagt Filatjew dem »Guardian«. »Aber ich brauche das Gefühl der Gerechtigkeit, das Gefühl, dass das, was ich tue, richtig ist.« Aufgrund einer Augeninfektion wurde Filatjew von der Front abgezogen. Er beschloss, nicht mehr an die Front zurückzukehren.

»Die meisten Menschen in der Armee sind unzufrieden mit dem, was dort vor sich geht, sie sind unzufrieden mit der Regierung und ihren Befehlshabern, sie sind unzufrieden mit Putin und seiner Politik, sie sind unzufrieden mit dem Verteidigungsminister, der nie in der Armee gedient hat«, schreibt Filatjew in seinem Buch.

Laut dem russischen Aktivisten Wladimir Osetschkin ist Filatjew der erste Soldat, der aus Russland geflohen ist, weil er sich gegen den Krieg ausgesprochen hat. Für den Leiter der Organisation Gulagu.net, die sich für die Rechte Gefangener in Russland einsetzt, ist dadurch »die Büchse der Pandora geöffnet«. Es sei wichtig, dass jemand als Erster seine Stimme erhoben habe, sagte Osetschkin.

Seit er an die Öffentlichkeit gegangen sei, habe seine gesamte Einheit den Kontakt zu ihm abgebrochen, erzählt Filatjew dem »Guardian«. Er glaube aber, dass 20 Prozent von ihr seinen Protest uneingeschränkt unterstützten. Und viele andere hätten ihm in Gesprächen gesagt, dass sie zähneknirschend den Patriotismus der Ukrainer respektierten, die für die Verteidigung ihres eigenen Territoriums kämpften.

»Ich habe Angst vor dem, was als Nächstes passiert«, zitiert der Bericht den 34-Jährigen. »Was werden wir dafür bezahlen? Wer wird in unserem Land übrig bleiben? Was ist aus uns geworden? Und wie kann es noch schlimmer werden?«

svs
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