Krieg in der Ukraine Waffenlieferungen, Swift, Luftraum – die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunden

Die Ukraine wehrt sich vehement gegen den Einmarsch Russlands. Deutschland macht bei Waffenlieferungen für Kiew eine Kehrtwende – und greift mit Verbündeten zu einer besonders harten Sanktion. Der Überblick.
Ein ukrainischer Soldat neben einem ausgebrannten Militärfahrzeug in Kiew

Ein ukrainischer Soldat neben einem ausgebrannten Militärfahrzeug in Kiew

Foto: Efrem Lukatsky / AP

Sollte Wladimir Putin auf einen schnellen und problemlosen Durchmarsch in der Ukraine gehofft haben, hat er sich getäuscht. Die Invasionstruppen des Aggressors stoßen auf hartnäckigen Widerstand. »Wir haben Anzeichen dafür, dass die Russen zunehmend frustriert sind, weil sie in den letzten 24 Stunden, insbesondere in den nördlichen Teilen der Ukraine, nicht vorankommen«, sagte ein Vertreter des Pentagons am Samstag. »Nach unseren Beobachtungen ist der Widerstand größer als von den Russen erwartet.«

Den ukrainischen Einheiten wurden am dritten Tag der Kämpfe zudem aus dem Ausland weitere militärische Hilfen zugesagt. Auch Deutschland hat seinen Widerstand gegen Waffenlieferungen aufgegeben.

Zudem hat Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg dafür gesorgt, dass Europa und der Westen sich in Fragen geeinigt haben, die zuvor noch umstritten waren. So werden einige russische Banken aus dem internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen, ist ein Großteil des europäischen Luftraums für russische Airlines gesperrt. Ein Überblick über die aktuellsten Entwicklungen.

Die Lage in der Nacht zu Sonntag:

  • Kiew: Die ukrainische Armee berichtet von andauernden schweren Kämpfen in den Außenbezirken der ukrainischen Hauptstadt. In der Stadt Wassylkiw (etwa 40 Kilometer südlich von Kiew) brach nach einem Angriff ein Brand in einem Öldepot aus. Wassylkiws Bürgermeisterin Natalia Balasinovich sagte: »Der Feind will alles um ihn herum zerstören.«

  • Charkiw: Den ukrainischen Streitkräften zufolge wurde unter anderem ein schwerer russischer Angriff bei Charkiw abgeschlagen. Laut der ukrainischen Agentur Unian ist in der Nacht zudem eine Gasleitung nach einer Explosion in Flammen aufgegangen. Demnach soll die Leitung von russischen Truppen gesprengt worden sein. Dies ließ sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen. Zu dem Video  der Explosion, das von der Agentur verbreitet wurde, hieß es, dass es sich dabei »nicht um einen nuklearen Angriff handelt, auch wenn es so aussehen mag«. Unklar ist noch, ob es sich bei der Leitung um eine regionale Erdgasleitung oder um einen Teil der aus Russland nach Europa führenden Leitungen handelt.

  • Cherson: Bei Cherson im Süden sei russischen Einheiten nach erbitterten Kämpfen ein Vorstoß gelungen.

  • Luhansk: Auch in der Region Luhansk tobten Berichten zufolge schwere Kämpfe. Die Angaben ließen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Russland beharrt noch immer darauf, die eigenen Truppen in der Ukraine hätten keine Verluste erlitten. Dagegen sprechen die ukrainischen Streitkräfte davon, bislang seien rund 3500 russische Soldaten getötet oder verwundet worden. Das sind etwa 700 mehr, als die Ukraine nach dem zweiten Kampftag gemeldet hatten.

Bestürzend sind Zahlen, die das ukrainische Gesundheitsministerium verbreitete: Demnach sind bislang 198 Zivilisten getötet worden, mehr als 1110 wurden verletzt. Und während immer noch viele tausend Menschen versuchen, das Land zu verlassen, sind Millionen Personen weiter den Angriffen des russischen Militärs ausgesetzt.

Die Vereinten Nationen gehen jüngsten Angaben zufolge von knapp 300.000 Vertriebenen wegen des Krieges in der Ukraine aus: 160.000 Menschen seien Berichten zufolge innerhalb des Landes auf der Flucht; 116.000 zusätzliche Personen seien in Nachbarländer geflohen.

DER SPIEGEL

Wer das Land verlassen kann, hat Glück. Ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zeigt indes, wie furchtbar auch dies für Familien ist. Reuters berichtet über den Fall zweier ukrainischer Kinder, die mit ihrem Vater auf der Flucht waren. Der Mann durfte das Land aufgrund der allgemeinen Mobilmachung nicht verlassen. In seiner Verzweiflung gab er die beiden Kinder in die Obhut einer fremden Frau, die ebenfalls die Ukraine verlassen wollte.

Die Mutter schließt ihre Kinder am Grenzübergang zwischen der Ukraine und Ungarn in die Arme

Die Mutter schließt ihre Kinder am Grenzübergang zwischen der Ukraine und Ungarn in die Arme

Foto: BERNADETT SZABO / REUTERS

Die 58-jährige Nataliya Ableyeva schaffte es mit den beiden Kindern über die Grenze nach Ungarn. Dort wartete sie gemeinsam auf den Anruf der Mutter der beiden Kinder. Die 33-Jährige konnte ihren Sohn und ihre Tochter dann endlich in die Arme schließen. Danach bedankte sie sich unter Tränen bei Ableyeva. Diese hat selbst zwei erwachsene Kinder, die bei der Polizei und in der Krankenpflege arbeiten – und wegen des Krieges im Land bleiben mussten.

Die Mutter bedankt sich bei der Frau, die ihre Kinder über die Grenze gebracht hat

Die Mutter bedankt sich bei der Frau, die ihre Kinder über die Grenze gebracht hat

Foto: BERNADETT SZABO / REUTERS

Wie die internationale Gemeinschaft reagiert:

Lange Zeit war die Bundesregierung dagegen, Waffen an die Ukraine zu liefern. Dass man lediglich 5000 Helme zur Verfügung stellte, stieß auf Kopfschütteln oder Entsetzen. Die Lage in der Ukraine hat nun offenkundig ein Umdenken bewirkt: Deutschland will so schnell wie möglich Waffen aus Bundeswehrbeständen an die Ukraine liefern. Konkret geht es um 1000 Panzerabwehrwaffen und 500 Boden-Luft-Raketen vom Typ »Stinger«.

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Demonstrationen gegen den Krieg in der Ukraine

Foto: Chiang Ying-ying / AP

Auch eine weitere Sanktion, über die es lange Streit gab, wurde am späten Samstagabend verhängt: Einige russische Banken werden vom internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen – wirtschaftlich die wohl härteste mögliche Sanktion, die der Westen verhängen kann . Es ist möglich, dass weitere Finanzinstitute mit der Maßnahme belegt werden. Der russischen Zentralbank soll es zudem erschwert werden, den Rubel-Kurs zu stützen.

Auch der russische Verkehrssektor ist Ziel von Sanktionen: Mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland, sperren ihren Luftraum für russische Maschinen. Mehrere europäische Airlines haben zudem angekündigt, den russischen Luftraum auf absehbare Zeit zu meiden.

Was Kiew sagt:

In den vergangenen Tagen hatte die Ukraine international verzweifelt um Hilfe für den Kampf gegen die Invasion gebeten; insbesondere ging es dabei auch um militärische Ausrüstung. Via Twitter begrüßte Präsident Wolodymyr Selenskyj Deutschlands Ankündigung, Waffen zu liefern – und appellierte an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), diese Linie aufrechtzuerhalten.

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Der ukrainische Botschafter in Deutschland nannte die Entscheidung der Bundesregierung historisch. »Wir sind froh, dass Deutschland endlich diese 180-Grad-Wende vollzogen hat«, sagte Botschafter Andrij Melnyk. »Ich habe meinen deutschen Freunden und der Bundesregierung immer gesagt, dass sie die schrecklichen Bilder vom Krieg in der Ukraine nicht lange ertragen werden, ohne zu reagieren und umzusteuern.« Lange Zeit sei er mit seinen Mahnungen nicht ernst genommen worden. »Endlich sind die Deutschen erwacht und haben begonnen, richtig zu handeln.«

Wie es weitergeht:

Der Bundestag berät am Sonntag ab 11 Uhr über den Krieg in der Ukraine. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) soll eine dreißigminütige Regierungserklärung abgeben, bevor die Abgeordneten über die Lage diskutieren. Insgesamt sind für die Sondersitzung etwas mehr als drei Stunden vorgesehen .

Nachmittags gegen 15 Uhr wollen die EU-Innenministerinnen und -minister in Brüssel zu einer Krisensitzung zusammenkommen.

Ab 18 Uhr werden die Außenministerinnen und Außenminister der EU virtuell zusammenkommen, um weitere Maßnahmen zur Unterstützung der Ukraine und gegen die Aggression Russlands zu beschließen. »Ich werde ein Nothilfepaket für die ukrainischen Streitkräfte vorschlagen, um sie in ihrem heldenhaften Kampf zu unterstützen«, erklärte EU-Chefdiplomat Josep Borrell vorab.

Außerdem will der Uno-Sicherheitsrat am Sonntag zum vierten Mal innerhalb einer Woche zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. Das Treffen des mächtigsten Uno-Gremiums wird nach Angaben von Diplomaten um 15 Uhr (Ortszeit) stattfinden und hat einen förmlichen Zweck: Der Rat wird darüber abstimmen, ob eine am Freitag von Russland blockierte Resolution, die sich gegen Moskaus Einmarsch richtet, an die Vollversammlung der Vereinten Nationen überstellt werden soll. Bei dieser sogenannten prozeduralen Abstimmung müssen 9 der 15 Mitglieder zustimmen – Vetos gibt es dabei nicht, weshalb die Annahme als sicher gilt.

ulz/cop/aar/Reuters/AFP/dpa/AP