Krieg in der Ukraine – die aktuelle Lage Zivilisten heben Panzergräben aus, russischer Vormarsch stockt

Putins Truppen greifen die Großstadt Charkiw an. In Belarus finden Verhandlungen statt. Und die Sanktionen scheinen zu wirken – der Kurs des Rubel fällt. Die Ereignisse des Tages auf einen Blick.
Diese Frauen verlassen ihr Heimatland – wann sie zurückkehren können, ist ungewiss

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Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Als sich die Sonne an diesem Montag über Kiew senkt, leistet die Ukraine schon seit fünf Tagen dem russischen Angriff Widerstand. Aus dem Entsetzen ist eine neue Normalität geworden, in der jeder Tag, an dem die Hauptstadt nicht an Moskaus Soldaten fällt, bejubelt wird. Ein Funken Hoffnung: In der belarussischen Großstadt Gomel verhandeln ukrainische und russische Politiker über eine diplomatische Lösung – auch wenn die noch in weiter Ferne liegt. Lesen Sie hier die Entwicklungen des Tages im Überblick.

Militärische Lage

Der Vormarsch russischer Truppen in der Ukraine wird weiterhin von heftiger Gegenwehr der Ukrainer gebremst. »Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand«, hieß es aus dem US-Verteidigungsministerium.

In der Nacht berichtete das ukrainische Militär von einer angeblichen Verlangsamung des russischen Vormarschs: »Die russischen Besatzer haben das Tempo der Offensive verringert, versuchen aber immer noch, in einigen Gebieten Erfolge zu erzielen«, teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte am Morgen mit.

Zu einem Angriffsstopp kam es jedoch nicht. Hauptangriffspunkte der russischen Streitkräfte waren weiter die Gegenden um die Hauptstadt Kiew mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern und die Metropole Charkiw, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Nach Angaben der lokalen Behörden wurden bei den Angriffen in Charkiw mindestens elf Menschen getötet. Es habe zudem Dutzende Verletzte gegeben, schrieb der Gebietsleiter Oleh Synjehubow bei Facebook.

Ukrainischen Medienberichten zufolge hat es am frühen Abend in der ukrainischen Hauptstadt Kiew mindestens zwei große Explosionen gegeben. Aus Charkiw meldeten die Nachrichtenagentur Unian und andere Medien mindestens drei Einschläge. Auch in anderen Gebietshauptstädten wurde Luftalarm ausgelöst. Unian veröffentlichte zudem ein Video, das einen großen Feuerball am Abendhimmel von Kiew zeigt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Freitag von 137 toten Soldaten gesprochen, sich seitdem aber nicht mehr dazu geäußert. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs starben seit Beginn des Krieges 4500 russische Soldaten. Russland räumte Verluste ein, nannte aber keine Zahlen.

Zivilbevölkerung

Zahlreiche Fotos, Videos und Augenzeugenberichte widerlegen die Behauptung Russlands, nur militärische Ziele würden angegriffen. Tatsächlich wurden auch Wohnviertel und Schulen getroffen. Viele Zivilisten helfen indes, den Vormarsch der russischen Einheiten zu erschweren. Sie heben Panzergräben aus, errichten Straßensperren und füllen Sandsäcke.

Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow bestätigte dem SPIEGEL bei einem Telefongespräch die Schüsse auf Wohnblöcke. »Das ist ein Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung«, sagte Terechow. Es gebe Tote und Verletzte. Eine Familie sei im Auto beschossen worden und verbrannt.

Das ukrainische Gesundheitsministerium berichtete von 352 getöteten Zivilisten, mindestens 2040 Zivilisten seien verletzt worden. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sagte, dass seit Kriegsbeginn mehr als 500.000 Menschen in benachbarte Länder geflohen seien. 

Friedensgespräche

Erstmals seit Beginn des Krieges haben Russland und die Ukraine offiziell über ein Ende der Kampfhandlungen verhandelt.

Vor den Verhandlungen waren die Hoffnungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf ein Ende der Invasion gering. Die Delegationen trafen sich am Mittag mit deutlicher Verzögerung. Ergebnisse wurden nach Ende am Abend zunächst nicht bekannt.

Die russische Delegation wurde angeführt vom Sonderbeauftragten des Kreml, Wladimir Medinski. Die ukrainische Seite führt der Fraktionsvorsitzende der Präsidentenpartei, David Arachamija. Der genaue Ort der Verhandlungen war zunächst nicht bekannt.

Medinski hatte versichert, dass Moskau an einer Einigung interessiert sei. Die Delegation aus Kiew forderte eine unverzügliche Feuereinstellung und den Abzug der Truppen.

Die russisch-ukrainischen Verhandlungen blieben bislang erfolglos

Die russisch-ukrainischen Verhandlungen blieben bislang erfolglos

Foto: Alexandr Kryazhev / imago images/SNA

Zudem telefonierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erneut mit Putin. Macron forderte Putin mit Blick auf die Friedensgespräche auf, Offensiven gegen Zivilisten zu beenden.

Jegliche Angriffe auf Privatpersonen und Wohnorte sollten eingestellt, die zivile Infrastruktur gewahrt werden, verlangte Macron in dem Telefonat am Montag laut Élyséepalast. Straßen sollten zudem abgesichert werden, besonders im Süden Kiews. Putin habe sich gewillt gezeigt, an den Punkten zu arbeiten, hieß es aus Paris.

Der Kreml teilte mit Blick auf eine mögliche Vereinbarung mit der Ukraine mit: »Putin betonte, dass eine solche Einigung nur möglich sei, wenn die legitimen Sicherheitsinteressen Russlands bedingungslos berücksichtigt würden.« Dazu gehöre etwa die Anerkennung der Souveränität der 2014 von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim und eine Entmilitarisierung der Ukraine.

Zudem hieß es: »Es wurde festgestellt, dass die russische Seite für Verhandlungen mit Vertretern der Ukraine offen ist.« Der russische Delegationsleiter Wladimir Medinski sagte, es sei vereinbart worden, die Verhandlungen in den nächsten Tagen fortzusetzen.

Reaktionen des Westens

Zur Öffnung der Finanzmärkte am Montag traten die neuen EU-Sanktionen gegen die russische Zentralbank in Kraft. Die USA folgten dem Schritt. Nach Angaben der Europäischen Union besteht nun ein Verbot, mit der Zentralbank Geschäfte zu machen. Alle ihre Vermögenswerte in der EU sind eingefroren.

Die Notenbank in Moskau kann nun weltweit keine Geschäfte in US-Dollar mehr abwickeln, wie ein ranghoher Vertreter des Weißen Hauses in Washington erklärte.

Zusammen mit den Sanktionen der Verbündeten sei der Großteil der russischen Devisenreserven im Wert von rund 630 Milliarden US-Dollar nun de facto blockiert.

Die Strafmaßnahme gegen die Zentralbank gilt als mindestens so schwerwiegend wie der in Kürze geplante Ausschluss russischer Finanzinstitute aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift.

Nach mehrtägigem Zögern übernahm die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland. Das beschloss der Bundesrat in Bern.

Die russische Landeswährung, der Rubel, fiel angesichts der neuen Sanktionen stark. Die russische Zentralbank sah sich gezwungen, ihren Leitzins drastisch um 10,5 Punkte auf 20 Prozent zu erhöhen.

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Nach einem Telefongespräch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat der ukrainische Präsident Selenskyj hat einen Antrag auf den Beitritt zur Europäischen Union der Ukraine unterzeichnet. Dies teilte der offizielle Twitteraccount des ukrainischen Parlaments mit. »Das ist ein historischer Moment«, heißt es in dem Tweet.

Von der Leyen hatte sich bereits am Sonntagabend öffentlich für eine Aufnahme des Landes in die Gemeinschaft ausgesprochen. Gegenüber dem Sender Euronews sagte sie: »Im Laufe der Zeit gehören sie (die Ukraine) tatsächlich zu uns. Sie sind einer von uns, und wir wollen sie drin haben.« Zudem betonte sie, dass es bereits mehrere Bereiche der Zusammenarbeit gebe.

Russische Reaktionen

Nach ihrer Ankündigung vom Vortag hat die Atommacht Russland ihre Abschreckungswaffen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Westliche Politiker werteten das als unverhohlene Drohung mit Atomwaffen, obwohl Putin nicht explizit davon gesprochen hatte.

Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte, die strategischen Raketentruppen, die Nord- und die Pazifik-Flotte und die Teile der Luftwaffe seien nun in erhöhter Alarmbereitschaft.

Als Reaktion auf Luftraumsperrungen für russische Maschinen dürfen künftig Flugzeuge aus Deutschland und 35 weiteren Staaten nicht mehr über Russland fliegen. Das teilte die Luftfahrtbehörde Rosawiazija mit. Ausnahmen könne es mit einer Sondergenehmigung geben.

Sport

Auch die Weltsportverbände isolierten Russland. Der Fußball-Weltverband Fifa will Russland nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa von seinen Wettbewerben suspendieren. Damit dürfte die Nationalmannschaft aus Russland nicht an den WM-Playoffs im März und auch nicht an der Weltmeisterschaft in Katar am Jahresende teilnehmen.

Russische und belarussische Sportler und Funktionäre sollen nach dem Willen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC9) nicht mehr an internationalen Wettbewerben teilnehmen dürfen. Diese Empfehlung sprach die IOC-Spitze an alle Weltverbände und Ausrichter von Sportveranstaltungen aus.

Das IOC will russische Athleten von internationalen Wettbewerben ausschließen

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Foto: Vitaliy Belousov / imago images/SNA

Fußball-Zweitligist FC Schalke 04 trennt sich von seinem russischen Hauptsponsor Gazprom. Dies beschloss der Vorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrates. Der russische Staatskonzern war bislang wichtigster Geldgeber des mit rund 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten belasteten Traditionsclubs. Der Kontrakt läuft eigentlich noch bis 2025.

Auch die Europäische Fußball-Union Uefa wird als Folge der russischen Invasion in die Ukraine die Zusammenarbeit mit dem russischen Sponsor Gazprom mit sofortiger Wirkung beenden.

muk/dpa/Reuters
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