Moskauer über Polizeigewalt bei Nawalny-Protesten »Es ist so unmenschlich«

Prügelnde Polizisten, 3400 Festnahmen, Drohgebärden der Behörden: Trotzdem haben Zehntausende in Russland für die Freiheit von Alexej Nawalny demonstriert. Drei Moskauer erzählen, wie sie ihre Furcht überwanden.
Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau

Drei Teilnehmer der Proteste in Moskau

Foto: Alexander Chernyshev

»Freiheit für politische Gefangene – Freiheit für Nawalny«, riefen die Demonstrierenden auf dem Puschkin-Platz im Moskau. Trotz eindringlicher Warnungen der Behörden versammelten sich am Samstag Zehntausende im Zentrum der russischen Hauptstadt.

Auch in Dutzenden anderen Städten des Landes gingen die Menschen auf die Straße und folgten damit einem Aufruf des Oppositionspolitikers. Mehr als 3400 Menschen wurden bei den Protesten – teils brutal – festgenommen.

»Habt keine Angst«, so lautete der Appell Alexej Nawalnys, der zuvor in einem Video die Proteste angekündigt hatte. Er nahm den Clip in einer Polizeiwache auf, bevor er in ein Moskauer Gefängnis überführt wurde. Nach einer Vergiftung mit einem militärischen Nervenkampfstoff war Nawalny am vergangenen Sonntag nach Russland zurückgekehrt – und sofort festgenommen worden .

Drei Moskauerinnen und Moskauer erzählen dem SPIEGEL, warum sie Nawalnys Aufruf gefolgt sind:

Walerija

Walerija

Foto: Alexander Chernyshev
»Es fühlte sich für mich so an, als würden wir Geschichte schreiben. Ich bin stolz auf alle war, die gekommen sind.«

Walerija über die Proteste

Walerija, 24 Jahre, betreibt einen Online-Unterwäsche-Shop, seit zwei Jahren in Moskau

»Durch die Vergiftung Nawalnys wurde mir klar, dass es um unser Land wirklich schlimm steht. Ich erinnere mich an diesen Tag: Ich wachte morgens auf, las die Nachricht im Internet und war so geschockt, als wäre einem meiner Angehörigen etwas zugestoßen. Es bestand für mich kein Zweifel, dass Nawalny vergiftet wurde. Ein Freund sagte, es sei doch seltsam, dass er nicht früher getötet worden sei.

In einer normalen Gesellschaft darf so etwas nicht passieren! Was wollen wir noch tolerieren? Die Erhöhung des Renteneinstiegsalters, die Verfassungsreform, jetzt dieser Giftanschlag – jeder versteht, was hier passiert, es ist furchtbar.

Wenn ich mir den neuen Film von Nawalny über das Anwesen und den Luxus anschaue, frage ich mich, wie arrogant man sein muss, um Putin so reich zu machen. Ich stamme aus Burjatien (Anm. der Redaktion – die Republik liegt im Fernen Osten Russlands, an der Grenze zur Mongolei), meine Bekannten leben dort mit Toiletten vor dem Haus, unbeheizt. Das alles wäre nicht passiert, wenn es in unserem Land einen Machtwechsel gegeben hätte.

Ich habe in Kasan Jura studiert, mein Vater ist Polizeibeamter, er ist ein konservativer Mann. Ich spreche lieber nicht mit ihm über Politik, auch wenn er Putin nicht unterstützt. In meinem zweiten Studienjahr habe ich beim Ermittlungskomitee (Anm. d. Redaktion – eine Art russisches FBI) als Assistentin gearbeitet. Ich dachte, selbst wenn das System bei uns falsch ist, ich selbst kann etwas zum Besseren verändern. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich keine Ermittlerin sein will, nicht nur wegen des schrecklichen Sexismus dort, sondern auch weil nicht alles gesetzeskonform abläuft. In meiner Anwesenheit wurde ein Zeuge aufgefordert zu sagen, er sei bereits im September erschienen, obwohl schon Februar war. Ich habe mich gefragt, was alles noch passiert, wenn ich nicht dabei bin. Ich bin dann gegangen.

Auf der Straße zu protestieren, das macht mir Angst. Aber ich hätte mich schlecht gefühlt, wenn ich jetzt nicht demonstriert hätte. Ich war bis zum Abend im Zentrum. Es fühlte sich für mich so an, als würden wir Geschichte schreiben. Ich bin stolz auf alle war, die gekommen sind. Sie sind die wahren Patrioten, und ich bin froh, zu ihnen zu gehören. Die Menschen haben ihre Meinung gezeigt – wir haben deutlich gemacht, dass wir nicht bereit sind, uns alles gefallen zu lassen. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass Nawalny aus der Haft entlassen wird, aber solche Aktionen sind auf lange Sicht wichtig.

Es war erschreckend, wie die Omon-Polizisten vorgingen, sie haben den Tswetnoj Boulevard blockiert, haben Menschen brutal festgenommen. Meine Freunde und ich konnten da zum Glück wegkommen. Später habe ich die schrecklichen Videos gesehen, etwa wie in Sankt Petersburg ein Beamter einer Frau in den Bauch tritt . Es ist so unmenschlich.«

Slawa, 47 Jahre, Leiter eines Kurierdienstes

Slawa

Slawa

Foto: Alexander Chernyshev
»Ich habe Angst vor totaler Zensur und körperlichen Gewalt in unserem Land, man kann nichts mehr ausschließen.«

Slawa über die Lage in Russland

»Der Puschkin-Platz war so voller Menschen, dass man kaum noch vorwärtskam. Vielen ist nicht egal, was in unserem Land passiert. Die Menschen sind bereit, zu kommen und für sich und ihr Land einzustehen, das ist großartig. Vom Platz aus bin ich die Twerskaja-Straße hinuntergegangen: Die Autos hupten, die Fahrer winkten zur Unterstützung, das war schön. Mir hat es nicht gefallen, dass einige Demonstranten Schneebälle auf die Polizei geworfen haben – es gibt keinen Grund, sie zu provozieren.

Es geht mir nicht nur um Nawalny allein. Seine Vergiftung hat für Verwunderung gesorgt, die Menschen fragen sich, wie das passieren konnte, es ist eine Art Schock. Ich wollte es zuerst auch nicht glauben, aber die Recherchen über die mutmaßlichen Attentäter waren gut und akribisch gemacht (Anm. d. Redaktion: veröffentlicht von Bellingcat und verschiedenen Medien, auch dem SPIEGEL ), sodass ich eher geneigt bin, dem zu glauben. Außerdem gab es schon andere Anschläge, auf den ehemaligen FSB-Agenten Litwinenko und den ex-russisch-britischen Agenten Skripal.

Es macht mir Angst, auf eine Demonstration zu gehen, vor allem wenn sie nicht genehmigt wurde. Ich war bisher nur auf einer genehmigten Kundgebung vor einigen Jahren gewesen. Aber wenn ich jetzt nicht gegangen wäre, fürchte ich, dass die Folgen noch schrecklicher sein könnten, niemand von uns in Ruhe gelassen wird. Ich habe Angst vor totaler Zensur und körperlichen Gewalt in unserem Land, man kann nichts mehr ausschließen. Wir Menschen sollten gehört werden.«

Marija, 21 Jahre, Studentin der philologischen Fakultät der Staatlichen Universität Moskau

Marija

Marija

Foto: Alexander Chernyshev
»Es ist bitter, das zu sehen, ungerecht – ich empfinde Mitleid für die Menschen, die so behandelt wurden, sogar Wut.«

Marija zu den brutalen Festnahmen

»Mein ganzes Leben habe ich unter Putin gelebt. Seit meiner Kindheit habe ich erlebt, dass Präsident und Putin bei uns gleichbedeutend sind, wie Synonyme. Warum wir das überhaupt tolerieren, ist mir unverständlich. Ich bin darüber empört. Putin hat auch einen sehr schlechten Geschmack, wenn ich mir Nawalnys Film über das Anwesen anschaue (Anm. d. Redaktion – Der Oppositionelle hatte ein neues Video veröffentlicht, in dem eine Luxusvilla am Schwarzen Meer gezeigt wird, die Nawalny Putin zuordnet).

Meine Einstellung zu Nawalny hat sich nach und nach verändert. Lange dachte ich, warum wird er trotz seiner scharfen Kritik nicht beseitigt? Das bedeute doch, dass er einer von ihnen sei – einer, der doch mit dem Regime gemeinsame Sache macht, so glaubte ich. Das ist nun völlig anders, vor allem nach dem Giftanschlag und seinen neuen Enthüllungsfilmen.

Heute unpolitisch zu sein, kommt mir nicht ehrlich vor. Vor etwas mehr als zwei Jahren fing ich an, zu politisch motivierten Prozessen zu gehen. Ich spendete der Bürgerrechtsorganisation Ovd-Info Geld, die sich um Festgenommene kümmert, und ging zu einer genehmigten Demonstration. Das war ein Gefühl, Teil von etwas Lebendigem, von denkenden Menschen umgeben zu sein. Ich möchte nicht meine ganze Zeit und Energie in Politik investieren, nicht im Gefängnis landen, aber etwas tun, so gut ich kann. Ich versuche, die Menschen um mich herum von ihrer Gleichgültigkeit abzubringen. Meine Mitstudierenden denken, sie verlassen sowieso irgendwann das Land, also ist es ihnen auch egal. Meine Eltern teilen meine Position, sie tun aber nichts, weil sie denken, dass Proteste nichts lösen werden, wie leider die meisten Menschen ihrer Generation.

Ich war am Samstag etwa drei Stunden im Zentrum von Moskau. Die größte Angst hatte ich, als ich auf dem Weg war zum Puschkin-Platz war und Meldungen über die Festnahmen las. Als ich meine Freunde traf, war es recht ruhig, trotzdem war ich nervös. Ich habe keine brutalen Verhaftungen gesehen, davon habe ich erst danach im Internet durch Videos erfahren. Es ist bitter, das zu sehen, ungerecht – ich empfinde Mitleid für die Menschen, die so behandelt wurden, sogar Wut. Doch Beleidigungen zu rufen und Schneebälle auf Polizisten zu werfen, muss nicht sein. Wir müssen eher versuchen die Beamten auf unsere Seite zu ziehen, und nicht noch die Situation zu verschlimmern.«

Marija, Slawa und Walerija würden wieder auf die Straße gehen, sagen sie – trotz aller Repressionen.

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