Acht Milliarden – Russlands Krieg Wie sehr haben zehn Wochen Krieg Russland verändert?

Verschärfte Gesetze, Verhaftungen, Gefängnisstrafen: Es wird zunehmend schwieriger, Kritik in Russland zu äußern. Das gilt für Journalisten wie für die Bevölkerung.
Ein Podcast von Olaf Heuser und Christina Hebel

Der Applaus für Putin fällt spärlich aus.

Auch wenn man sich die Mühe macht, die ganze Show zu sichten, die Russlands Führer am 9. Mai 2022, dem »Tag des Sieges« auf dem roten Platz hat veranstalten lassen . Es gibt viel blank geputztes militärisches Gerät, orchestrierte Hurra-Rufe aus Hunderten Soldatenkehlen und auch winkende Menschen auf den Tribünen. Aber freiwilliger Applaus der Gäste ertönt nur selten.

Die alljährliche Feier erinnert an den Sieg der Sowjetunion über NS-Deutschland im Jahr 1945. Damals hatte Josef Stalin die größte Militärparade inszenieren lassen, die Russland je gesehen hatte. Und gleichzeitig einen zweiten Gründungsmythos neben dem Jahrestag der Oktoberrevolution erschaffen. Seit Jahren schon nutzt Wladimir Putin diese Erinnerungsverknüpfung für seine eigenen Mythen vom aufrechten Russland, das sich angeblich des durchtriebenen Westens erwehren und die Welt vor dem Verderben retten muss. Das funktioniert normalerweise gut, weil der Sieg im Zweiten Weltkrieg so immens wichtig für die russische Geschichte ist. Umso verwunderlicher ist nun, das kaum jemand klatscht.

»Ich sehe, dass der Druck enorm ist. Ich sehe auch, dass viele Russen sich äußern und sagen: ›Ja, ich unterstütze Putin, und ja, ich unterstütze ihn in dieser Militär-Operation‹. Aber wir haben überhaupt nicht den Effekt wie nach der Annexion der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim«, sagt Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin in Moskau. »Wir haben nicht ›Hurra!‹, überhaupt nicht. Das habe ich auch bei der Parade gemerkt, als dann die Panzer und Waffen da vorbeifuhren. Da wurde mal kurz gejubelt und geklatscht, das war’s.«

Die fehlende Begeisterung ist allerdings kein Zeichen für Hoffnung, kein Anhaltspunkt, dass eine neue – wenn auch stille – Opposition entsteht. Im Gegenteil. Denn Putin hat nicht nur sein Volk unter Kontrolle, die russische Führung geht auch zunehmend hart gegen alle Äußerungen vor, die das Regime als Kritik wertet. Das treibt unabhängige Journalisten aus dem Land und verängstigte Bürger aus dem öffentlichen Diskurs.

»Das führt auch dazu, dass viele Russinnen und Russen Angst haben, mit Ausländern zu sprechen«, sagt Christina Hebel. »Unsere Arbeit ist dadurch sehr viel schwerer geworden, weil ich vor allen Dingen aufpassen muss, dass ich meine Gesprächspartner nicht gefährde.«

Wie die langjährige Korrespondentin die ersten zehn Wochen des Kriegs in der Ukraine erlebt hat, welche Entwicklungen in der russischen Gesellschaft sie beobachtet und wie schwierig die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten in Moskau geworden ist – das erzählt sie in dieser Folge des Auslands-Podcasts »Acht Milliarden«.

Die aktuelle Folge hören Sie hier: