Mikhail Zygar

Der Kremlherrscher und seine Unterstützer Putins schweigende Mehrheit

Mikhail Zygar
Eine Kolumne von Mikhail Zygar
Ein Sprichwort sagt, dass man in Russland nur lange genug leben muss, um irgendwie weiterzukommen. Aber ist es nicht ein Verbrechen, weiter in einem Land zu leben und zu arbeiten, das einen mörderischen Angriffskrieg führt?
In Moskau leuchtet das Kriegssymbol Z auf einem Gebäude des Energiekonzerns Gazprom

In Moskau leuchtet das Kriegssymbol Z auf einem Gebäude des Energiekonzerns Gazprom

Foto:

Yuri Kochetkov / EPA

Neulich sprach ich mit Yuval Noah Harari, einem israelischen Historiker und Autor der Bestseller »Eine kurze Geschichte der Menschheit« und »Homo Deus«. Ich fragte ihn, was Russen, die jetzt noch in Putins Russland leben, gegen den Krieg tun können. »Es gibt immer etwas, das man ändern kann«, antwortete Harari. »Selbst jemand, der Teil des Systems ist, kann Stöcke in die Speichen stecken.«

Wenn man schon nicht mit einem »Stoppt den Krieg«-Transparent auf den Roten Platz marschieren könne, seien die Russen doch in solchen Dingen immer noch sehr erfinderisch. »Sie wissen, wie sie einen Weg finden können, das Regime zu reizen und Sand ins Getriebe der Kriegsmaschine zu werfen.«

Dies ist eine sehr interessante ethische Frage, die für Millionen von Russen völlig neu ist. Ist es möglich, in einem Land, das sich im Krieg befindet, weiterhin ehrlich zu arbeiten? Oder ist nach dem Angriff auf die Ukraine jede ehrliche Arbeit in Russland unmöglich? Ist jetzt jeder, der weiterhin dort lebt und arbeitet, ein Kollaborateur – und die einzige moralische Verhaltensweise ist Sabotage?

Ende Juni veröffentlichte Meduza, eine unabhängige russische Publikation mit Sitz in Lettland, eine Untersuchung über die Aktivitäten der russischen Zentralbank nach dem 24. Februar. Der Report erzählt eine symbolträchtige Geschichte: Nach Kriegsbeginn nahm Konstantin Sonin, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Chicago, per Messenger Kontakt zu seiner langjährigen Freundin Ksenia Yudaeva auf, der stellvertretenden Gouverneurin der russischen Zentralbank.

»Sie arbeiten für den Krieg«

Er forderte sie zum Rücktritt auf: »Sie arbeiten für den Krieg. Es gibt keinen Nutzen für Russland, aber es gibt einen Nutzen für die Fortsetzung des Krieges. Das Geld geht nicht an die Bürger, sondern bleibt unter der Kontrolle der Regierung – und wird für militärische Zwecke verwendet.«

Während des Gesprächs erinnerte er sich an Hjalmar Schacht, Reichsminister in Adolf Hitlers Regierung und Präsident der Reichsbank. Unerwartet antwortete Judajewa: »Viele Leute in der Zentralbank sind an Hjalmar Schacht interessiert.« Das Gespräch endete dennoch ergebnislos: Judajewa weigerte sich zurückzutreten, und mit ihr ist nach Angaben von Meduza die überwältigende Mehrheit der Mitarbeiter an ihrem alten Arbeitsplatz geblieben – nur ein paar Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Zentralbank verlassen. Die Werktätigen folgen dieser Logik: Unsere Pflicht ist es, die Menschen zu retten, und wenn wir gehen, wird die Wirtschaft zusammenbrechen und Millionen von Russen werden leiden.

Ksenia Yudaeva, stellvertretende Gouverneurin der russischen Zentralbank

Ksenia Yudaeva, stellvertretende Gouverneurin der russischen Zentralbank

Foto: Mikhail Tereshchenko / ITAR-TASS / IMAGO

Zentralbankchefin Elvira Nabiullina und ihre Stellvertreterin Judajewa sind in der internationalen Bankenwelt gut bekannt. Im Jahr 2015 wurde Nabiullina vom Magazin Euromoney zur »Bankerin des Jahres« gekürt. Vor dem Krieg galt sie als ehrlicher, erstklassiger Profi. Nach Beginn des Krieges rettete Nabiullina das russische Bankensystem vor dem Zusammenbruch – doch der 24. Februar stellte die bisherigen ethischen Standards auf den Kopf. Die Frage ist: Ist es ein Verbrechen, in Putins Russland ein ehrlicher Mensch zu sein? Wenn Russland die Ukraine bombardiert und die Weltgemeinschaft Sanktionen verhängt, um die russische Wirtschaft so schnell wie möglich zu Fall zu bringen, wie sollte man dann jene Menschen nennen, die diese Wirtschaft verteidigen? Sind sie über Nacht zu Kriminellen geworden?

Das gilt nicht nur für Beamte. Ich habe kürzlich mit einem bedeutenden russischen Geschäftsmann gesprochen, der Russland nach Kriegsbeginn verlassen hat. Trotz seiner ausdrücklichen Antikriegshaltung ist er von den Sanktionen betroffen, seine Konten wurden beschlagnahmt. Er denkt nun darüber nach, dass aus heutiger Sicht alle ehrlichen Geschäftsleute, die jahrzehntelang in Russland gearbeitet und Fabriken oder Banken aufgebaut haben, im Westen als Komplizen von Putins Verbrechen gelten.

Andererseits sehen all jene korrupten Figuren, die das Land geplündert haben, jetzt wie Leute aus, die das Regime von innen heraus bekämpft haben. Wie sich herausstellt, sind sie plötzlich keine Kriminellen mehr, sondern rechtschaffene Menschen. Der Ruf ist nichts mehr wert – wenn jemand sein ganzes Leben lang ehrlich gearbeitet hat, bedeutet das nicht mehr, dass er sich später nichts vorwerfen lassen muss. Im Gegenteil: Wenn er in Russland ehrlich gearbeitet hat, steckt er jetzt in großen Schwierigkeiten.

Viele Menschen, die in Russland geblieben sind und den Krieg verurteilen, aber weiterarbeiten, anstatt ihn zu sabotieren, lassen sich von dem Grundsatz leiten: »In Russland muss man lange leben, dann klappt schon etwas.« Dieser Satz stammt von dem legendären Kinderdichter Korney Tschukowski. Er war vor der Revolution von 1917 ein sehr populärer Schriftsteller, überlebte alle stalinistischen Repressionen und starb 1969. Nach dieser Logik gibt es eine Chance, jedes Regime zu überleben: Die Anführer von heute werden durch die von morgen ersetzt, aber das Volk wird bleiben. Und wenn das frühere Regime Sie als Kriminellen betrachtet hat, wird das nächste Regime Sie wahrscheinlich als Helden verehren.

Die Angst vor der Kakerlake

Tschukowski hörte nach 1917 auf, ernsthafte Texte zu schreiben und konzentrierte sich auf Texte für Kinder. Vor einem Jahrhundert, im Jahr 1921, schrieb er das prophetische Kindergedicht »Die Kakerlake«, im Grunde eine Anti-Utopie, in der eine kleine Kakerlake plötzlich das ganze Reich der Tiere übernimmt und alle Tiere Todesangst vor ihr haben; sie sind vor Angst gelähmt und gehorchen ihr in allem. Nur ein Jahr später kam Stalin an die Macht – die von Tschukowski in dem Kindermärchen beschriebene Situation traf genau zu. Und erstaunlicherweise überlebte Tschukowski Stalin.

Viele der derzeitigen Gegner Putins hoffen, dass es früher oder später zu einem Prozess in Russland kommen wird, in dem jeder bekommt, was er verdient. Aber jede Vorstellung von einem solchen Prozess stößt auf ein Hindernis: Es ist klar, dass Kriegsverbrecher, die direkt für den Tod verantwortlich sind, vor Gericht gestellt werden sollten. Aber was ist mit den anderen? Sind die Menschen, die nicht getötet haben, die keine Waffen hergestellt haben, die das Blut nicht gesehen haben, ebenfalls schuldig?

Und diejenigen, die einfach weitergearbeitet haben, um anderen Menschen zu helfen, die ebenfalls ehrlich gearbeitet haben? All jene, die Todesangst vor der Kakerlake hatten – müssen sie als schuldig gelten, den Gedanken zu verdrängen, dass sie auf der dunklen Seite stehen, auf der Seite des Bösen? Und verdienen diejenigen Vergebung, die auf Anraten von Yuval Noah Harari anfangen, Sabotage zu betreiben?

Das wissen wir sicher nicht, und historische Beispiele helfen uns nicht weiter. Die Geschichte wird sich nicht wiederholen, und sicher wird Putin und sein Gefolge nicht das Schicksal Hitlers oder der Angeklagten bei den Nürnberger Prozessen ereilen. Wir werden noch lange leben müssen, und jedes Mal werden wir nach neuen Antworten auf diese Fragen suchen – und diese Antworten werden sich natürlich ständig ändern.

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