Detonation in Kostjantyniwka »New York Times«-Recherche deutet auf Ukraine als Verursacher von Raketeneinschlag hin
Brand nach Raketeneinschlag auf Markt in Kostjantyniwka am vergangenen 6. September
Foto: Alex Babenko / EPADer Raketeneinschlag auf dem Markt von Kostjantyniwka war eines der tödlichsten Ereignisse der vergangenen Wochen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Umgehend nach dem Vorfall machte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland für den Tod von mindestens 16 Zivilisten verantwortlich – so lautet die ukrainische Position bis heute. Auch der SPIEGEL hatte von einem russischen Angriff berichtet.
Einer Recherche der »New York Times« (»NYT«) zufolge gibt es jedoch konkrete Hinweise, dass in Kostjantyniwka eine ukrainische Rakete eingeschlagen ist.
Ein Team der US-Zeitung wertete unter anderem Raketenfragmente, Satellitenbilder, Zeugenaussagen und Beiträge aus sozialen Medien aus. Das Material deute stark darauf hin, dass der katastrophale Einschlag das Ergebnis einer fehlgeleiteten ukrainischen Flugabwehrrakete gewesen sei.
Dem Bericht zufolge deuten Aufnahmen aus Überwachungskameras darauf hin, dass die Rakete aus Richtung des von den ukrainischen Truppen kontrollierten Territoriums kam. Auch habe das ukrainische Militär wenige Minuten vor dem Einschlag zwei Boden-Luft-Raketen von der Stadt Druschkiwka, zehn Meilen (etwa sechzehn Kilometer) nordwestlich von Kostjantyniwka, in Richtung der russischen Frontlinie abgefeuert. Dies könne unter anderem durch Audioaufnahmen von NYT-Reportern und Telegram-Posts von Bewohnern Druschkiwkas bestätigt werden.
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Zudem zeige die Analyse von Satellitenbildern Brandspuren am Tag des Angriffs rund um Gräben nahe Druschkiwka. Dies deute möglicherweise darauf hin, dass der Ort für den Abschuss von Raketen genutzt worden sei.
Dem Bericht zufolge seien auch die Angaben der ukrainischen Behörden zu den mutmaßlich eingesetzten russischen Raketen umstritten. Kiew geht von einer Rakete aus, die von einem S-300-Luftabwehrsystem abgefeuert wurde. Eine Rakete aus diesem System trage jedoch einen anderen Sprengkopf als die, die in Kostjantyniwka niedergegangen sei.
Durchlöcherungen und Raketenfragmente aus dem Ort des Einschlags deuten vielmehr auf eine 9M38-Rakete, die von einem mobilen Buk-Boden-Luft-Lenkwaffensystem abgefeuert wird. Dieses werde sowohl von Russland als auch von der Ukraine eingesetzt. Zwei unabhängige Militärexperten seien laut »NYT« zu demselben Schluss gekommen.
Unklar ist der US-Zeitung zufolge, warum die Rakete Kostjantyniwka getroffen habe. Es sei jedoch möglich, dass der Flugkörper eine Fehlfunktion gehabt habe und deswegen abstürzt sei, bevor er sein beabsichtigtes Ziel getroffen habe. Es sei zudem sehr wahrscheinlich, dass die Rakete mit nicht verbrauchtem Treibstoff in ihrem Raketenmotor eingeschlagen sei, was eine mögliche Erklärung für die weitverbreiteten Brandspuren auf dem Markt darstellt.
Russland habe in der Ukraine zwar wiederholt und systematisch Zivilisten angegriffen und Schulen, Märkte sowie Wohnhäuser beschossen, um der Bevölkerung Angst einzujagen, heißt es weiter in dem Bericht. Im April habe Russland bereits in Kostjantyniwka selbst Wohnhäuser und eine Vorschule beschossen – dabei seien sechs Menschen getötet worden. Die Recherche deute dennoch in diesem Fall auf ein tragisches Missgeschick der ukrainischen Seite hin.
Empörte Reaktion aus Kiew
Der ukrainische Geheimdienst SBU hat mit großer Empörung auf die »New York Times«-Recherche reagiert. Der Sicherheitsdienst gehe weiterhin davon aus, dass die eingeschlagene Rakete aus einem S-300-System stamme, heißt es in einem Bericht der ukrainischen Nachrichtenseite »Glavcom« . Belege zur Unterstützung dieser These veröffentlichten die Geheimdienstler jedoch nicht – sie verwiesen lediglich auf Raketenfragmente, die als Beleg für den Einsatz eines S-300-Systems dienen sollen.
Der SBU stempelte den Bericht der US-Zeitung als »manipulativ« ab und warf einem der »NYT«-Autoren, Thomas Gibbons-Neff , vor, Russlands Agenda voranzutreiben und die ukrainische Armee zu diskreditieren. Ihm sei in der Ukraine bereits zweimal die Presseakkreditierung entzogen worden, heißt es weiter.
Auch der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak äußerte indirekt Kritik an den Artikel der »New York Times«. Veröffentlichungen in ausländischen Medien mit Zweifeln an der Beteiligung Russlands an dem Angriff auf Kostjantyniwka führten zu einer Zunahme von Verschwörungstheorien, schrieb Podoljak auf der Plattform X , ehemals Twitter.
No doubt, the appearance of publications in foreign media with doubts about Russia's involvement in the attack on Kostiantynivka entails the growth of conspiracy theories, and therefore requires examination and legal assessment by the investigative authorities. The society will…
— Михайло Подоляк (@Podolyak_M) September 19, 2023
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»New York Times« steht zur eigenen Recherche
In ihrem Bericht weist die »New York Times« darauf hin, dass ukrainische Behörden unmittelbar nach dem Einschlag versuchten, ihren Reportern den Zugang zu den Raketentrümmern und dem Einschlaggebiet zu verwehren. Doch schließlich sei es ihnen gelungen, an den Ort des Geschehens zu gelangen, Zeugen zu befragen und Überreste der eingesetzten Waffe zu sammeln.
In einer Erklärung sagte Nicole Taylor, Direktorin für externe Kommunikation bei der »New York Times«, laut dem Portal »Politico« : »Wir stehen zu diesem Bericht. Von der ›New York Times‹ und unabhängigen Bombenentschärfungsexperten analysierte Beweise deuten darauf hin, dass der Einschlag auf dem Markt durch eine fehlgeleitete ukrainische Rakete verursacht wurde und offenbar ein tragisches Missgeschick war.«