Acht Milliarden – Der Krieg und das Baltikum Nirgendwo ist Russland näher an der EU als hier

In Estland, Lettland und Litauen ist die Angst vor einem russischen Angriff groß – die Empörung über die Deutschen auch.
Ein Podcast von Olaf Heuser und Jan Petter

»Jeder Euro für die Ukraine schützt auch uns.«

Das sagte die estnische Staatssekretärin Tuuli Duneton SPIEGEL-Reporter Jan Petter. In den baltischen Staaten scheint diese Aussage eine Selbstverständlichkeit zu sein, in Deutschland offenbar nicht. Und so hat sich mit Verlauf des Krieges in der Ukraine ein besonderes Missverhältnis zwischen Estland, Lettland und Litauen auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite entwickelt. Denn das deutsche Zögern bei schnell zu treffenden Entscheidungen, wenn es zum Beispiel um die Freigabe uralter Haubitzen aus DDR-Beständen geht, sorgt für stetig steigendes Unverständnis in jenen Ländern, die alle direkt an Russland grenzen.

Mehr als fünf Wochen lang reiste Jan Petter durch die baltischen Staaten und erfuhr, wie sehr die deutsche Haltung dort die Menschen empört.

»Ich war im Verteidigungsministerium in Estland, und es gab dort ein ehrliches Entsetzen, als man vom letzten Deutschlandbesuch berichtet hat«, erzählt er im Podcast. »Natürlich war klar, dass Deutschland größer ist, dass es eine gewisse Bürokratie gibt. Aber wenn die Deutschen das liefern wollen, so wurde es ihnen wohl gesagt, dann benötigt man für Genehmigungen 18 Schritte, wenn jemand sich etwas anschaut, am Ende seine Unterschrift gibt oder einen Stempel draufsetzt. Und in Estland einen, zwei, allerhöchstens drei. Das hat nicht nur etwas mit Kultur zu tun, sondern auch damit, dass das Militär dort funktionieren muss.«

Funktionieren muss das Militär, weil die Bedrohung durch Russland nicht nur so nah ist wie in keinem anderen Nato- oder EU-Land, sondern auch, weil alle baltischen Staaten spätestens seit 1991 wissen, wie schnell ein russischer Angriff erfolgen kann. Im Frühjahr jenen Jahres schickte die zerbrechende Sowjetunion Truppen, um die Unabhängigkeitsbewegungen zu unterbinden. Erst nach blutigen Kämpfen konnten Estland, Lettland und Litauen erneut zu souveränen Staaten werden.

»Ich glaube, das Problem für die Menschen im Baltikum ist, dass sie auch keine emotionale Reaktion aus Deutschland wahrnehmen«, sagt Jan Petter, »und sie dieses Gefühl haben: Deutschland ist gleichgültig, man wartet den Krieg ab, so nimmt man es dort wahr.«

Was sollte Deutschland also tun, um die baltischen Staaten zu unterstützen, damit sie Europa wirkungsvoll schützen können? Wie blicken diese Staaten auf die EU, auf die Nato? Und welche Rolle spielt die große russischsprachige Bevölkerung in diesen Ländern – jetzt, wo neben Ukrainern auch Russen ins Baltikum fliehen?

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