Krieg in Osteuropa Beschuss »ohne Unterlass« im Osten, offene Fragen in Mariupol – das geschah in der Nacht

Aus den Regionen Luhansk und Donezk werden zahlreiche Opfer gemeldet. Die Evakuierungen in Mariupol gehen weiter. Und: scharfe Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche. Der Überblick.
Zerstörte Wohnhäuser in der Ukraine

Zerstörte Wohnhäuser in der Ukraine

Foto: OLEG PETRASYUK / EPA

Was in den vergangenen Stunden geschah

Durch russischen Beschuss in der Ostukraine sind nach ukrainischen Angaben mehrere Menschen getötet worden. Bei Angriffen auf die Stadt Sewerodonezk seien mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen, erklärte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, am Montag im Messenger-Dienst Telegram. Der Gouverneur der angrenzenden Region Donezk, Pawo Kyrylenko, sprach von neun getöteten und 16 verletzten Zivilisten durch dortige russische Angriffe.

Die russischen Truppen würden die Sewerodonezk »ohne Unterlass« bombardieren, schrieb Gajdaj. Wegen des anhaltenden Beschusses seien der Zugang zu der Gegend und die Kommunikation derzeit erheblich erschwert. Er forderte die Bewohner auf, die Schutzräume nicht zu verlassen.

In einer früheren Mitteilung hatte Gajdaj vor Artillerieangriffen auf Sewerodonezk und die nahegelegena Stadt Lysytschansk gewarnt. Dadurch seien Brände in Wohngebieten ausgelöst worden. »Sewerodonezk wurde hart getroffen«, schrieb er und veröffentlichte Fotos der Zerstörungen. »Wir sind noch dabei, die Zahl der beschädigten Häuser zu ermitteln.«

Das sagt Kiew

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben weitere Geländegewinne in der Region um die Millionenstadt Charkiw im Nordosten des Landes erzielt. Soldaten der 127. Brigade hätten »die Russen vertrieben und die Staatsgrenze zurückerobert«, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. In der Donbass-Region bereitete sich die ukrainische Armee unterdessen auf verstärkte Angriffe Russlands vor.

Das sagt Moskau

Angesichts der möglichen Nato-Beitritte Finnlands und Schwedens hat Russlands Präsident Wladimir Putin vor einer weiteren Verschlechterung der internationalen Beziehungen gewarnt. »Das verschärft die ohnehin nicht einfache internationale Lage auf dem Gebiet der Sicherheit«, sagte Putin.

Humanitäre Lage

In Mariupol werden nach wochenlanger Belagerung ukrainische Soldaten aus dem von russischen Einheiten eingeschlossenen Stahlwerk abtransportiert. Ein Reuters-Augenzeuge sah am Montag, wie rund ein Dutzend Busse das riesige Werksgelände verließen. Statt der befürchteten russischen Erstürmung haben nach wochenlanger Blockade nun gut 260 ukrainische Soldaten nach Behördenangaben das Gelände verlassen.

Darunter seien 53 Schwerverletzte, teilte der ukrainische Generalstab am Montag bei Facebook mit. Zudem seien 211 weitere ukrainische Kämpfer in die von russischen Truppen besetzte Ortschaft Oleniwka gebracht worden. Insgesamt sollen sich rund 600 Soldaten verschanzt haben. Das Stahlwerk ist zum Symbol des ukrainischen Widerstandes gegen die russischen Besatzer geworden.

Ein Kommandeur der eingeschlossenen Truppen erklärte in einem Video, er führe Befehle des Oberkommandos aus, um Leben der Soldaten zu retten. Er ließ aber offen, was genau gemeint sei. Eine mögliche Kapitulation erwähnte er nicht. Unklar ist auch noch, was mit den restlichen Kräften in dem Stahlwerk passieren soll und wie eine mögliche Evakuierung organisiert würde.

Der Ukrainekrieg verschärft nach Unicef-Angaben das Problem schwerer Mangelernährung bei Kindern. »Bereits vor dem Krieg in der Ukraine hatten viele Familien aufgrund von Konflikten, Klimaschocks und den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie Schwierigkeiten, ihre Kinder zu ernähren«, sagte die Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell. Jetzt entstünden zusätzliche Probleme. Die Ukraine, die als Kornkammer Europas gilt, kann durch den Krieg unter anderem viel weniger Getreide exportieren.

Der am Dienstag veröffentlichte Unicef-Bericht warnt, dass sowohl die Zahl der von Mangelernährung betroffenen Kinder als auch die Kosten für von ihnen benötigte Zusatznahrung steigen werden. Zusatznahrung, auch Erdnusspaste genannt, besteht vor allem aus Erdnüssen, Öl, Zucker und Milchpulver. Sie ist auch ungekühlt lange haltbar. Unicef ist nach eigenen Angaben weltweit der Hauptlieferant solcher Erdnusspaste.

Der Präsident der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), Francesco Rocca, hat den Europäern die Ungleichbehandlung ukrainischer und afrikanischer Flüchtlinge vorgeworfen. »Ja, es wird mit zweierlei Maß gemessen«, sagte Rocca bei einer Pressekonferenz der Vereinten Nationen in New York am Montag. Während Millionen Menschen aus der Ukraine mit offenen Armen empfangen würden, gelte dies nicht für Menschen aus Afrika.

»Diejenigen, die vor Gewalt fliehen und Schutz suchen, sollten gleich behandelt werden«, sagte er weiter. »Ethnische Zugehörigkeit und Nationalität sollten keine entscheidenden Faktoren bei der Rettung von Menschenleben sein.«

Internationale Reaktionen

Der Benediktinerpater Anselm Grün hat eine Instrumentalisierung der russisch-orthodoxen Kirche im Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beklagt. »Es ist sehr bitter, dass sich Kirill von Putin derart missbrauchen lässt und den Krieg rechtfertigt – noch dazu, wo es in der Ukraine auch viele russisch-orthodoxe Christen gibt«, sagte Grün der »Augsburger Allgemeinen«. Der Moskauer Patriarch Kirill hat sich stets hinter die Politik von Russlands Präsident Wladimir Putin gestellt. Auch das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem russisch-orthodoxen Patriarchat in Moskau gilt als sehr schwierig.

Was heute passiert

  • Die Verteidigungsminister der Europäischen Union befassen sich mit dem Ukrainekrieg (ab 10.15 Uhr). Bei dem Brüsseler Treffen wollen sich die Vertreter der EU-Länder per Videokonferenz mit dem ukrainischen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow sowie mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg austauschen. Die Ukraine erhofft sich unter anderem von Deutschland mehr schwere Waffen

  • Finnlands Präsident Sauli Niinistö reist auf Einladung des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf nach Schweden. Vor dem Hintergrund der Entscheidungen beider Länder für einen Antrag auf Nato-Mitgliedschaft soll es bei dem Treffen in Stockholm unter anderem um die gemeinsame Verteidigungspolitik gehen

jok/Reuters/dpa