Krieg in Osteuropa Ukraine meldet Beschuss auf 40 Städte, Lage im Donbass »extrem schlecht« – das geschah in der Nacht

Russische Einheiten kesseln im Donbass wichtige Städte ein. Wolodymyr Selenskyj will die Krim auf keinen Fall aufgeben – und kritisiert den Westen. Außerdem: Polizisten müssen Massengräber ausheben. Der Überblick.
Russische Soldaten in Mariupol (am 22. Mai)

Russische Soldaten in Mariupol (am 22. Mai)

Foto: Russian Defence Ministry Press Service / EPA

Was in den vergangenen Stunden geschah

Nach Angaben des ukrainischen Militärs treiben die russischen Streitkräfte ihre Großoffensive im Donbass voran. »Die Besatzer beschossen mehr als 40 Städte in den Regionen Donezk und Luhansk und zerstörten oder beschädigten 47 zivile Einrichtungen, darunter 38 Häuser und eine Schule. Infolge dieses Beschusses starben fünf Zivilisten und zwölf wurden verwundet«, teilten die ukrainischen Streitkräfte auf Facebook mit.

Die ukrainische Armee habe zehn feindliche Angriffe abgewehrt, vier Panzer und vier Drohnen zerstört und 62 »feindliche Soldaten« getötet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die russischen Truppen seien in einigen Teilen des Ostens »zahlenmäßig weit überlegen«. Die Berichte über die Kampfhandlungen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Das sagt Kiew

Selenskyj weist zudem Vorschläge scharf zurück, die Regierung in Kiew solle zur Beendigung des Krieges Russland territoriale Zugeständnisse machen. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hatte diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgeschlagen, die Ukraine solle Russland die 2014 annektierte Krim überlassen.

Wolodymyr Selenskyj bei Videoschalte nach Davos

Wolodymyr Selenskyj bei Videoschalte nach Davos

Foto: Gian Ehrenzeller / dpa

»Diejenigen, die der Ukraine raten, Russland etwas zu geben, diese ›großen weltpolitischen Figuren‹, sehen nie die gewöhnlichen Menschen, die gewöhnlichen Ukrainer, die Millionen, die auf dem Gebiet leben, das sie für einen illusorischen Frieden eintauschen wollen«, so Selenskyj.

Außerdem hat er die Weltgemeinschaft aufgerufen, sich eindeutiger auf die Seite seines von Russland angegriffenen Landes zu stellen. In seiner Videoansprache zeigte er sich enttäuscht auch von den Beratungen in Davos. »Egal, was der russische Staat tut, es gibt jemanden, der sagt: Lasst uns seine Interessen berücksichtigen«, sagte Selenskyj. Auch in Davos sei es so gewesen. »Und das trotz Tausender russischer Raketen, die die Ukraine treffen. Trotz Zehntausender getöteter Ukrainer. Trotz Butscha und Mariupol«.

Insgesamt sieht die Regierung in Kiew ihre Truppen derzeit in einem »sehr schwierigen Moment an der Front«. Vor allem im Donbass im Osten des Landes tobten erbitterte Kämpfe, sagte Außenminister Dmytro Kuleba am Mittwoch in Davos. »Der Kampf um den Donbass ist sehr ähnlich wie die Kämpfe im Zweiten Weltkrieg.«

»Einige Dörfer und Städte, sie existieren einfach nicht mehr«, sagte Kuleba vor Journalisten in der Schweiz. »Sie wurden durch russisches Artilleriefeuer und russische Raketenwerfersysteme in Schutt und Asche gelegt.«

Die russischen Truppen konzentrieren sich im Donbass derzeit offenbar vor allem auf die strategisch wichtige Industriestadt Sewerodonezk. Die Situation sei »sehr schwierig«, es gebe »bereits Kämpfe in den Vororten«, berichtete am Mittwoch Gouverneur Serhij Gajdaj in Onlinenetzwerken. »Die russischen Truppen sind bereits so nahe herangerückt, dass sie Mörsergranaten abfeuern können.« Nach Einschätzung des Gouverneurs »könnte die kommende Woche entscheidend sein«.

Das sagt Moskau

Aus Kreisen prorussischer Kämpfer, die Moskaus Soldaten unterstützen, hieß es, Sewerodonezk sei von drei Seiten »eingekesselt«. Die einzige Brücke zum Verlassen der Stadt sei inzwischen unter russischer Kontrolle, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax. Diese Angaben waren zunächst nicht zu überprüfen.

Laut Kuleba braucht die Ukraine »dringend« Raketenwerfersysteme, um den russischen Angreifern widerstehen zu können. Russland sei der Ukraine bei schweren Waffen überlegen, führte Kuleba in Davos aus. Den größten Nachteil hätten Kiews Truppen aber bei Mehrfachraketenwerfer-Systemen.

Humanitäre Lage

In der umkämpften ostukrainischen Stadt Lyssytschansk hat die örtliche Polizei mindestens 150 Menschen in einem Massengrab beerdigt. Das teilte der Gouverneur des Gebietes Luhansk, Serhij Hajdaj, auf seinem Telegram-Kanal mit. Die Polizei müsse in der Notsituation viele Aufgaben übernehmen, auch die von Bestattern, schrieb er.

In dem Grab würden Opfer des russischen Beschusses beigesetzt und auch Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben seien. Ein Video zeigte, wie die Leichen in weißen Säcken, jeder mit dem Namen versehen, in eine Grube geworfen wurden. Nach dem Krieg sollten die Toten ordentlich beigesetzt werden, versprach der Gouverneur.

Hajdaj sagte, das ostukrainische Verwaltungsgebiet Luhansk sei zu 95 Prozent von russischen Truppen erobert. Die Lage sei »extrem schlecht«. In ukrainischer Hand sind noch die früher je 100.000 Einwohner zählenden Großstädte Sjewjerodonzek und Lyssytschansk, die aber seit Tagen unter schwerem Beschuss liegen. Es seien in der Region nur noch etwa 40.000 Zivilisten übrig geblieben, von denen kaum einer weg wolle, sagte Hajdaj.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Die Deutsche Bahn (DB) will die Ukraine stärker beim Getreideexport unterstützen. »Angesichts der drohenden Hungersnot in Teilen der Welt und des enormen Bedarfs, Millionen von Tonnen ukrainisches Getreide in die Welt zu exportieren, werden wir als DB Cargo in Abstimmung mit dem Bund weitere Aufträge und Zugfahrten organisieren«, sagt DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Zurzeit fahre DB Cargo mit Tochtergesellschaften in Polen und Rumänien mehrere Züge täglich mit Getreide an verschiedene Seehäfen. »Nun geht es darum, diese Agrarexporte auszuweiten. Ziel sind tragfähige Verbindungen bis an die Seehäfen der Nordsee und des Schwarz- und Mittelmeeres.«

Wegen der Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen durch Russland ist die Ukraine dringend auf alternative Exportwege angewiesen, um Getreide ins Ausland zu exportieren. Zurzeit stecken in der Ukraine nach Angaben der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft knapp 25 Millionen Tonnen Getreide fest. Das Land sucht daher dringend nach Ausweichrouten. Wegen der unterschiedlichen Spurweiten müssen Güterzüge jedoch an der Grenze umgeladen werden.

Das bringt der Tag

  • Beim Weltwirtschaftsforum wird der Kiewer Bürgermeister und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko erwartet, der über die Lage in der ukrainischen Hauptstadt berichten wird. Ein anderer Termin lenkt den Blick auf den friedlichen Widerstand gegen Machthaber Alexander Lukaschenko in Belarus: In Aachen wird der Karlspreis an belarussische Bürgerrechtlerinnen verliehen, darunter an Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja

  • In Moskau berät das Oberste Gericht Russlands über den Antrag der Generalstaatsanwaltschaft, das ukrainische Regiment »Asow« zu einer terroristischen Vereinigung zu erklären. Die Einheit hat Verbindungen zur rechtsradikalen Szene in der Ukraine, der russischen Propaganda dient sie als Beispiel für den Einfluss von Neonazis im Nachbarland

jok/Reuters/dpa