Krieg in der Ukraine Munitionsdepot in Flammen, Russland verlegt Hyperschallraketen nach Kaliningrad – das geschah in der Nacht

Nahe der Grenze zur Ukraine brennt offenbar ein Lager für Munition. Russland transportiert Hightechwaffen in Ostsee-Exklave. Und: Putin soll Reise zum G20-Gipfel planen. Der Überblick.
MiG-31 mit den Luft-Boden-Rakete vom Typ Kinschal (Archivbild)

MiG-31 mit den Luft-Boden-Rakete vom Typ Kinschal (Archivbild)

Foto: Pavel Golovkin / dpa

Was in den vergangenen Stunden geschah

Als Drohgebärde gegen den Westen hat Russland nach eigenen Angaben Kampfflugzeuge mit den neuen Hyperschallraketen Kinschal (Dolch) in seine Ostsee-Exklave Kaliningrad verlegt. Drei MiG-31-Abfangjäger mit den Luft-Boden-Raketen seien als »zusätzliche Maßnahme zur strategischen Abschreckung« auf dem Luftwaffenstützpunkt Tschkalowsk stationiert worden. Das teilte das russische Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Interfax zufolge mit. Kaliningrad liegt zwischen den EU-Ländern Polen und Litauen rund 500 Kilometer von Berlin, aber mehr als tausend Kilometer von Moskau entfernt.

Die Marschflugkörper Kinschal fliegen nach russischen Angaben bis zu zehnmal schneller als der Schall, sind dabei trotzdem lenkbar und haben eine Reichweite von 2000 Kilometern. Sie können konventionell oder nuklear bestückt werden.

Im russischen Grenzgebiet zur Ukraine ist Angaben örtlicher Behörden zufolge ein Munitionsdepot in Flammen aufgegangen. Wie der Gouverneur der Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, mitteilte, fing das Lager nahe der 50 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernten Ortschaft Timonowo Feuer. In den vergangenen Tagen war es zu Explosionen in einem Munitionsdepot und auf einer Militärbasis auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim gekommen.

Beim Brand nahe Timonowo gab es russischen Angaben zufolge keine Verletzten. Nach Angaben von Gouverneur Gladkow wurden aber die Bewohner von Timonowo und des nahegelegenen Ortes Soloti »in eine sichere Entfernung« gebracht. Die Brandursache werde nun von den Behörden untersucht.

Ein in Online-Netzwerken veröffentlichtes Video zeigte einen riesigen Feuerball, aus dem eine dicke schwarze Rauchsäule quoll. Auf einem weiteren Video waren mehrere, schnell aufeinander folgende Explosionen in der Ferne zu sehen.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht keine Sicherheitsprobleme für eine Reise internationaler Experten zum von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerk Saporischschja. Darüber habe er in Lwiw (Lemberg) mit Uno-Generalsekretär António Guterres gesprochen, berichtete Selenskyj am Donnerstagabend in seiner allabendlichen Videoansprache. Er sehe keine »objektiven Hindernisse« für die Spezialisten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), zum Kraftwerk zu gelangen.

Wolodymyr Selenskyj

Wolodymyr Selenskyj

Foto: Markiian Lyseiko / Ukrinform / IMAGO

Die Reise werde »sehr schnell und insgesamt sicher auf legalem Weg durch das freie Territorium unseres Staates zur Station« führen. »Und das ist der einzige Weg«, sagte Selenskyj. Wer wie Russland nukleare Erpressung organisiere, könne nicht Organisator der Reise sein.

Russische Truppen müssten das größte AKW Europas sofort und bedingungslos räumen, forderte Selenskyj erneut. »Die Welt hat die Macht, dies durchzusetzen.« Sonst könne man alle internationalen Rechtsakte zur Atom- und Strahlensicherheit vergessen. »Russland zerstört diese internationale Ordnung.«

Ein bekannter ukrainischer TV-Moderator hat per Crowdfunding ein Geschenk für die ukrainischen Streitkräfte finanziert. Es handele sich um die Nutzungsrechte an einem Radarsatelliten, der die Erde nachts und durch Wolken hindurch beobachten könne, erklärten der TV-Star Serhij Prytula und das finnische Satellitenunternehmen ICEYE OY.

Der Vertrag zwischen Prytulas Stiftung und dem Konzern sehe vor, dass die ukrainische Regierung zunächst einen der ICEYE-Satelliten, die sich bereits in der Umlaufbahn befinden, in vollem Umfang nutzen könne. Darüber hinaus werde ICEYE Zugang zu seiner Konstellation von SAR-Satelliten gewähren, damit die ukrainischen Streitkräfte Radarsatellitenbilder von kritischen Orten mit einer hohen Wiederholungsfrequenz empfangen könnten.

Das sagt Moskau

Über dem russischen Militärflugplatz Belbek bei Sewastopol auf der Halbinsel Krim hat die Luftabwehr am Donnerstagabend nach Behördenangaben eine Drohne abgeschossen. »Es gibt keine Schäden, niemand ist verletzt«, schrieb der Gouverneur der Marinestadt, Michail Raswoschajew, auf Telegram. Er sehe schon die ukrainische Propaganda vor sich, die dies als Vorstufe zu einem erfolgreichen Angriff darstellen werde. Die Bürger der Stadt sollten Ruhe bewahren und den Informationen der Behörden vertrauen.

In den letzten Tagen hatten mehrfach Explosionen russische Militäranlagen auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim erschüttert. Am Donnerstag war die russische Luftabwehr auch in der Stadt Kertsch aktiv, von wo eine neue Brücke die Krim mit dem russischen Festland verbindet. Auch dort wurde nach Behördenangaben eine Drohne abgeschossen.

Kremlchef Wladimir Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping planen einem Bericht zufolge offenbar beide, im November zum G20-Gipfel nach Bali zu reisen. Der gastgebende indonesische Präsident Joko Widodo sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg in einem am Freitag veröffentlichten Interview: »Xi Jinping wird kommen. Präsident Putin hat mir auch gesagt, dass er kommen wird.« Widodo hatte Putin eingeladen, der Kreml jedoch die persönliche Teilnahme Putins bislang offen gelassen. Bestätigungen für die Reisepläne erhielt auch Bloomberg zunächst weder von offizieller russischer noch chinesischer Seite. Indonesien hat derzeit den G20-Vorsitz inne.

Im Westen gilt eine Beteiligung Putins am Gipfel als problematisch, zumal mit Wolodymyr Selenskyj auch der Präsident der von Russland angegriffenen Ukraine eingeladen ist.

Internationale Reaktionen

Die USA stehen offenbar kurz davor, der Ukraine weitere militärische Unterstützung im Wert von 800 Millionen US-Dollar zur Verfügung zu stellen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Quellen berichtet, die mit der Lage vertraut sind, könnte das Hilfspaket schon an diesem Freitag verkündet werden. Möglich sei aber auch, dass die Hilfen erst in der kommenden Woche offiziell werden. Eine Stellungnahme des Weißen Hauses liegt noch nicht vor.

Auch Estland will der Ukraine für den Kampf gegen Russland weitere Waffen wie etwa Mörser und Panzerabwehrwaffen liefern. Das beschloss die Regierung in Tallinn am Donnerstag. Zudem will das baltische EU- und Nato-Land die Initiative Großbritanniens zur Ausweitung der Ausbildung ukrainischer Streitkräfte unterstützen. Estland wolle mit Deutschland ein weiteres Feldlazarett in die Ukraine schicken, teilte das Verteidigungsministerium mit.

»Die Kämpfe in der Ukraine sind weiterhin intensiv. Obwohl immer mehr westliche Waffen die Front erreichen, besteht unsere moralische Verantwortung darin, die Ukraine weiterhin zu unterstützen«, sagte der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur. »Sie kämpfen für unsere gemeinsamen Werte, und wenn es etwas gibt, was wir den Ukrainern schicken können, müssen wir das tun.«

Estland hat nach eigenen Angaben seit dem russischen Angriff Ende Februar Militärhilfe im Wert von 250 Millionen Euro an die Ukraine geleistet.

jok/Reuters/dpa
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