Bei Frontbesuch in Charkiw Ukrainischer Präsident Selenskyj feuert Geheimdienstchef

Der Beamte habe »nur an sich selbst gedacht«: So hat Wolodymyr Selenskyj die Entlassung des Chefs des Geheimdienstes in der Frontstadt Charkiw begründet. Nun sollen die Strafbehörden ermitteln.
Wolodymyr Selensky beim Frontbesuch in Charkiw

Wolodymyr Selensky beim Frontbesuch in Charkiw

Foto: Ukrainian Presidential Press Office / dpa

Erst Anfang April hatte der ukrainische Präsident mit der Freistellung zweier hoher Beamter aufhorchen lassen. Nun hat Wolodymyr Selenskyj nach eigenen Angaben den Geheimdienstchef der ostukrainischen Stadt Charkiw entlassen.

Er habe festgestellt, dass dieser sich von Beginn des russischen Angriffskriegs an nicht um die Verteidigung der Stadt gekümmert habe, »sondern nur an sich selbst dachte«, sagte Selenskyj am Sonntagabend in seiner täglichen Videoansprache. Welche Motive dahinterstanden, würden nun die Strafverfolgungsbehörden untersuchen.

Der Präsident hatte am Sonntag erstmals seit der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar den Osten seines Landes besucht. Sein Büro veröffentlichte im Messengerdienst Telegram ein Video, das Selenskyj mit einer kugelsicheren Weste bei der Besichtigung von zerstörten Gebäuden in Charkiw und Umgebung zeigte. Bei seinem Besuch traf er zudem den Gouverneur der Region Charkiw sowie den Bürgermeister der zweitgrößten Stadt des Landes.

Die Zerstörungen in der Stadt Charkiw bezeichnet er als Beispiel für Russlands Vernichtungskrieg. »Schwarze, ausgebrannte, halb zerstörte Wohnhäuser blicken mit ihren Fenstern nach Osten und Norden – dorthin, von wo die russische Artillerie schoss«, sagte er am Sonntag in einer Videobotschaft. Russland könne in diese Häuser wie in einen Spiegel schauen, »um zu sehen, wie viel es in diesen 95 Tagen des Krieges gegen die Ukraine verloren hat«, sagte Selenskyj.

Selenskyj: »Russland hat jede kulturelle Bindung zur freien Welt verloren«

Russland habe nicht nur die Schlacht um Charkiw, sondern auch um die Hauptstadt Kiew und den Norden der Ukraine verloren, meinte der Präsident. »Es hat seine eigene Zukunft und jede kulturelle Bindung zur freien Welt verloren. Sie sind alle verbrannt.« Ein Drittel des Gebiets um Charkiw sei noch von russischen Truppen besetzt. »Wir müssen das gesamte Gebiet befreien«, betonte Selenskyj.

Im April hatte Selenskyj nach eigenen Angaben zwei hochrangige Mitglieder des Sicherheitsdienstes entlassen. Wie er damals in einer Videobotschaft erklärte, handelte es sich dabei um den Gesamtleiter der inneren Sicherheit sowie den Leiter der Zweigstelle der Behörde in der Region Cherson.

Der Präsident wählte in seiner Ansprache im April sehr klare Worte: »Ich habe nicht die Zeit, mich mit allen Verrätern zu befassen, aber sie werden nach und nach alle bestraft werden.« Die beiden Männer hätten ihren Eid, die Ukraine zu verteidigen, gebrochen. Genaue Einzelheiten nannte er nicht.

jok/AFP
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