Offensive im Donbass Warum der russische Vormarsch stockt

Russlands Offensive in der Ostukraine kommt nur schleppend voran, der Verschleiß auf beiden Seiten ist enorm. Die möglicherweise entscheidende Phase des Kriegs hat nun begonnen, die wohl vorerst letzte große Schlacht.
Ukrainischer Soldat in der nähe der Frontlinie bei Isjum: Gegend wie gemacht für russische Panzer

Ukrainischer Soldat in der nähe der Frontlinie bei Isjum: Gegend wie gemacht für russische Panzer

Foto: ANATOLII STEPANOV / AFP

Etwas mehr als 2000 Menschen wohnten bis vor Kurzem in Novotoshkivske, zwei Stunden westlich von Luhansk. Jetzt ist von der kleinen Ortschaft in der Ostukraine nur noch eine Ruinenlandschaft übrig. Verwackelte Handybilder zeigen das Ergebnis der Zerstörung. Viele Wohnblöcke sind dem Erdboden gleichgemacht. In anderen klaffen riesige Löcher. Prorussische Separatisten patrouillieren durch die Straßen.

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Seit einer Woche läuft die russische Großoffensive im Donbass. Nach der Niederlage nördlich von Kiew konzentriert sich die russische Armee nun ganz auf den Osten der Ukraine. Dort versucht sie die Bezirke Donezk und Luhansk unter ihre Kontrolle zu bringen, ein Gebiet, größer als Niedersachsen. Die Frontlinie zieht sich über knapp 500 Kilometer. Es ist eine neue Phase im Krieg um die Ukraine – möglicherweise die entscheidende.

Gekämpft wird auf offenem Terrain, die Felder sind flach und weit. Im Osten der Ukraine gibt es kaum Wälder, in denen sich ukrainische Soldaten verstecken können. Die Gegend ist wie gemacht für die sowjetischen Panzer.

Trotzdem haben die russischen Truppen bisher keinen entscheidenden Durchbruch erzielen können. Die Armee stieß vereinzelt vor, konnte aber nur einige Dörfer erobern. Woran liegt das? Und wie wird sich die Schlacht im Donbass entwickeln?

»Die Russen gehen nicht besonders methodisch vor.«

Russland hat im Osten der Ukraine 78 taktische Bataillonsgruppen zusammengezogen, das sind höchstens 78.000 Mann. Sie treffen auf die erfahrensten Truppen der Ukrainer. Die sogenannten Joint Forces Operation (JFO). Die 30.000 bis 40.000 ukrainischen Soldaten sind gut ausgerüstet und kampferprobt. Sie kennen die Gegend, sie verteidigen sie seit Jahren. Aktuell kommt es zu heftigen Gefechten. Die russische Armee feuert mit Artilleriegeschützen, die Ukrainer antworten, mit dem, was ihnen zur Verfügung steht. An einigen Orten haben sie sich in Schützengräben eingegraben.

Ziel der Russen ist es, die Ukrainer einzukesseln, ihnen so die Nachschubwege abzuschneiden. Gelänge das, hätte das für die Ukraine fatale Folgen, sie verlöre dann ihre fähigsten Einheiten.

Michael Kofman, Direktor für Russlandstudien beim CNA, einem Forschungsinstitut in Arlington im US-Bundesstaat Virginia, sagt, die Russen hätten bereits zur Umklammerung angesetzt. Die russische Armee versuche bei Sewerodonetsk vorzudringen. »Allerdings ohne substanziellen Erfolg«, wie Kofman sagt. Nördlich von Slowjansk hätten die Ukrainer sich zwar zurückgezogen, aber vor allem aus taktischen Gründen.

Kofman glaubt, dass Teile der russischen Offensive noch nicht begonnen hätten, dass das Feuer in den nächsten Tagen noch stärker werden wird. »Die russische Armee setzt vor allem viel Artillerie ein und rückt dann sehr langsam nach«, sagt Franz-Stefan Gady, er ist Analyst beim Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS). »Das funktioniert mehr schlecht als recht, denn sie geht nicht besonders methodisch vor.«

Die russische Streitmacht verfügt über die deutlich bessere Ausrüstung als die ukrainische. Dafür fehlt ihr die Truppenstärke für schnelle Gebietsgewinne. »Russland ist mit einer Armee aus Friedenszeiten in diesen Krieg gezogen, sie sind als Militär gar nicht so aufgestellt, um diese Art von Krieg durchzuhalten – besonders nicht bei den Verlusten, die sie hinnehmen mussten«, sagt Analyst Kofman.

Um die Verluste zu kompensieren, wäre wohl eine allgemeine Mobilisierung nötig, die aber würde dauern. Und sie bärge politische Risiken für Wladimir Putin, der bisher nur von einer militärischen Spezialoperation spricht.

»Der Trend geht dahin, dass die Ukrainer im Vorteil sind«

Den Ukrainern hingegen fehlt es nicht an Soldaten, dafür aber bisher an Waffen. Dies habe sich durch die neuen Waffenlieferungen der westlichen Verbündeten teilweise geändert, sagt Kofman. Kiew könne nun neue Bataillone zusammenstellen. Das werde dauern. Aber sie könnten mittel- bis langfristig den Unterschied ausmachen. »Der Trend geht dahin, dass die Ukrainer im Vorteil sind.«

Die Ukraine sei zwar eher nicht in der Lage, zu größeren Gegenoffensiven ausholen zu können. Aber auch Russland werde vermutlich nicht mehr als seine aktuellen Ziele erreichen. Alles deutet auf einen großen Abnutzungskrieg hin.

Beschädigte Wohnungen in Slovjansk: Ukrainische Vorteile im Häuserkampf

Beschädigte Wohnungen in Slovjansk: Ukrainische Vorteile im Häuserkampf

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Aktuell bewegen sich die russischen Truppen langsam in Richtung größerer Städte im Donbass wie Kramatorsk und Slowjansk. Dort müssten die Russen wieder in den Häuserkampf. »Spätestens dann dürfte das russische Militär so verbraucht sein, dass es zu keiner größeren Offensive mehr in der Lage ist«, sagt Kofman.

Die britische Regierung ist überzeugt, dass Russland die Offensive im Donbass überhastet begonnen hat. Nach schweren Verlusten um Kiew hätten die russischen Truppen zu wenig Zeit bekommen, und sich zu erholen und in Stellung zu bringen, sagte James Heappey, Parlamentarischer Staatssekretär für die Streitkräfte. »Putins politischer Druck und seine Hybris, sein Wunsch, am 9. Mai auf den Stufen des Kremls zu stehen und ein Held zu sein, bedeuten, dass Tausende von russischen Leben verloren gehen werden und die Russen den zahlenmäßigen Vorteil, den sie eigentlich haben sollten, aufgeben werden.«

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg. Immer wieder wird spekuliert, dass Putin bis dahin zumindest einen Teilerfolg verkünden möchte. Bisher ist der nicht in Sicht.

Analyst Franz-Stefan Gady glaubt, dass die russischen Truppen spätestens im Sommer eine längere Feuerpause benötigen, um sich zu sammeln. Dann, so Gady, könnten die Ukrainer womöglich zum Gegenangriff ansetzen. Aktuell haben sie um Charkiw und Cherson laut Berichten Boden gewonnen, wenn auch nicht viel.

Wie groß die Offensivkapazitäten der Ukrainer aber wirklich sind, ist unklar. Viel wird vom Ausmaß der westlichen Waffenlieferungen abhängen. Die Ukrainer brauchen einerseits schnell einfach zu bedienende schwere Waffensysteme wie sowjetische Panzer. Andererseits müssen sie langfristig mit westlichen Waffen hochgerüstet werden, um im Abnutzungskampf eine Chance zu haben.

Halb Drohne, halb Marschflugkörper

Die USA und andere westliche Staaten haben nun erstmals schwere Waffen versprochen. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz berieten sich am Dienstag über weitere Lieferungen. Bereits angekommen ist sogenannte Loitering Munition, wörtlich übersetzt »herumbummelnde Munition«, die über ihrem Ziel schwebt und sich dann beim Einschlag selbst zerstört.

Switchblade 300 und 600 heißen diese Mischkonstruktionen aus Marschflugkörper und Drohne. Erstere sind vor allem dafür geeignet, ungepanzerte Fahrzeuge zu zerstören, die Ukrainer könnten damit also wieder die russische Versorgung in Form von Lkw unterbrechen. Mit dem größeren 600-Modell lassen sich auch Panzer und Artillerie unschädlich machen. Zudem schickte die US-Regierung auch Loitering Munition vom Typ Phoenix Ghost . Sie ähneln der Switchblade, können aber länger in der Luft bleiben.

Loitering Munitions seien wahrscheinlich noch hilfreicher als herkömmliche Drohnen, sagt Gady. Türkische Bayraktar-Flugroboter haben den Russen in den ersten Wochen des Krieges empfindliche Verluste zugefügt, ihnen haben die Ukrainer sogar einen eigenen Song gewidmet. Die Loitering Munitions ließen sich noch schwerer vom Himmel holen, sagt Gady. Sie sind noch kleiner und können in großer Menge gleichzeitig eingesetzt werden. »Weder Russland noch westliche Staaten haben bisher die Mittel, um sie zu kontern.«

Auch Russland verfügt über Loitering Munition, diese seien aber weniger ausgereift als die amerikanischen Modelle, sagt Gady. Die russische Armee setze dafür inzwischen vermehrt Kampfdrohnen ein. Zudem schütze sie ihre Nachschubwege besser, ukrainische Hinterhalte spüre sie nun rechtzeitig auf. Die Russen sind vorsichtiger geworden.

Momentan deutet deshalb alles auf eine Pattsituation hin. Das müsse nicht unbedingt eine vollkommen statische Situation sein, sagt Kofman. Es könne durchaus hin und her gehen. Doch jeden russischen Geländegewinn, darauf deuten die Bilder aus Novotoshkivske hin, wird die verbliebene ukrainische Bevölkerung teuer bezahlen.