Sohn des libyschen Diktators Saif al-Gaddafi nutzte Einfluss in Großbritannien offenbar stärker als gedacht

Saif al-Islam al-Gaddafi will libyscher Präsident werden. E-Mails und Dokumente zeigen nun, wie der Diktatorensohn im Luxus lebte – und seinen Einfluss nutzte, um einen der Lockerbie-Terroristen in Freiheit zu bringen.
Saif al-Islam al-Gaddafi

Saif al-Islam al-Gaddafi

Foto: Sabri Elmhedwi / EPA / dpa

Jahrzehntelang lenkte der Diktator Muammar al-Gaddafi die Geschicke Libyens und profitierte dabei mit seinen Gefolgsleuten massiv von den üppigen Geldern, die das Land aus dem Export von Öl und Gas erhielt. Mit dem Ende seiner Herrschaft im Jahr 2011 stürzte das Land ins Chaos. Versuche, nach dem seit Jahren andauernden Bürgerkrieg mit einer Präsidentschaftswahl wieder zu geordneten Verhältnissen zurückzukehren, scheiterten im vergangenen Dezember. Einer, der bei der letztlich geplatzten Wahl kandidieren wollte, war Muammars Sohn Saif al-Islam.

Vom »Guardian « und der Plattform »Tortoise Media« ausgewertete Dokumente und E-Mails zeigen nun, wie der Diktatorensohn auch ohne offiziellen Posten bereits früh außenpolitisch die Fäden zog – insbesondere im Umgang mit Großbritannien. Demnach zog Saif al-Gaddafi im Jahr 2002 mit mehreren Assistenten und Helfern nach London. Dort verhandelte er unter anderem mit dem britischen Geheimdienst MI6 über private Sicherheitsvorkehrungen für sich. 2003 verkündete er schließlich, dass Libyen die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag übernehmen und den Hinterbliebenen eine Entschädigung von 2,7 Milliarden Dollar zahlen werde.

Saif al-Gaddafi drängte auf Freiheit für Lockerbie-Attentäter

Danach setzte er sich offenbar für die Freilassung von Abdelbaset al-Megrahi ein, der als einer der Drahtzieher hinter dem Bombenanschlag auf den Pan-Am-Flug 103 verurteilt wurde. Dem Bericht zufolge ließ Saif al-Gaddafi erst eine PR-Agentur engagieren, um eine Website einzurichten und Lobbyarbeit bei Journalisten zu betreiben – und so letztlich auf al-Megrahis Freilassung hinzuarbeiten.

Der Kontakt zu einem Londoner Arzt und Interventionen bei Mitgliedern der Labour-Regierung von Gordon Brown brachten schließlich offenbar Erfolg. Mehrere Ärzte prognostizierten erst, dass al-Megrahi wegen einer Krebsdiagnose nur noch wenige Monate zu leben hätte und drängten daher bei den schottischen Behörden auf eine vorzeitige Haftentlassung, damit der Attentäter die letzten Monate in Freiheit verbringen könne.

Kurz nach einem weiteren Treffen Saif al-Gaddafis Anfang August 2009 mit ranghohen Vertretern der britischen Regierung in einer Villa auf der griechischen Insel Korfu kam der Durchbruch. Am 20. August 2009 gab Schottlands damaliger Justizstaatssekretär Kenny MacAskill seine Zustimmung. Al-Megrahi kam frei – starb schließlich aber erst Jahre später, am 20. Mai 2012. Die damaligen Mitglieder der britischen Regierung unter Labour-Premier Gordon Brown bestreiten, dass Saif al-Gaddafis Interventionen schließlich zu der Entscheidung MacAskills führten.

Weißer Tiger und »nackte Models« im Pool

Neben seinen diplomatischen Bemühungen führte der Gaddafi-Spross bis zum Machtverlust seines Vaters dem Bericht nach zudem ein beachtliches Luxusleben. In den Dokumenten ist etwa von einer Privatparty in Punta del Este in Uruguay die Rede – inklusive DJ, Feuerwerk, einem gegrillten Lamm pro Tag und »nackten Models, die im Pool schwimmen«. Auf seiner Farm nahe Tripolis hielt Saif al-Gaddafi nach Schilderungen von Browns früherem Außenpolitikberater Simon McDonald zudem einen weißen Tiger, der schließlich als Teppich endete.

Und auch in der britischen High Society war der Libyer offenbar gut vernetzt. So berichtet der »Guardian« etwa von einer Mail Naomi Campbells aus dem Jahr 2010, in der sich das Supermodel wohl um eine Einreiseerlaubnis für eine Privatjacht Ghislaine Maxwells in Libyen bemüht haben soll. Die zuletzt wegen Sexhandels mit Minderjährigen zu 20 Jahren Haft verurteilte Maxwell wurde demnach in der Mail als »gute Freundin« beschrieben, die mit ihrem Schiff in das Land kommen wollte. Der junge Gaddafi versprach Klärung – ob Maxwell tatsächlich nach Libyen reiste, ist indes unklar. Campbell teilte dem »Guardian« über eine Sprecherin mit, nichts von dem E-Mail-Austausch zu wissen.

Auch der Chef des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, schätzte Saif al-Gaddafi laut dem Bericht in einem Brief vor dem jährlichen Treffen im Jahr 2011 als »eifrigen Brückenbauer« und »echten Verfechter des Dialogs«. Erst nach einem Statement kurz nach Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs zwei Wochen nach dem Gipfel in Davos, in dem Saif al-Gaddafi betonte, »bis zum letzten Mann, zur letzten Frau, zur letzten Kugel« zu kämpfen, brach das Weltwirtschaftsforum den Kontakt ab.

Internationaler Strafgerichtshof fordert Festnahme

Das komfortable Leben des Diktatorensohns ist inzwischen wohl vorbei. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sucht Saif al-Islam al-Gaddafi seit 2017 mit einem Haftbefehl. Ihm wird vorgeworfen, die brutale Niederschlagung des Aufstands gegen seinen Vater maßgeblich mitgeplant zu haben. Der 50-Jährige war in Libyen bereits zum Tode verurteilt worden, 2017 kam er nach rund fünf Jahren allerdings wieder frei.

Von der geplanten Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr war er erst von der libyschen Wahlkommission ausgeschlossen worden. Dagegen ging er jedoch erfolgreich vor. Letztlich platzte die Wahl – das Land hat nun wieder zwei Regierungen.

fek
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