Spanischer Politiker tritt als Versöhner an »In zehn Jahren Katalonienkonflikt haben wir nichts erreicht«

Sozialist Salvador Illa hat Spaniens gescheiterte Pandemiepolitik zu verantworten – und könnte als Kandidat bei der Regionalwahl in Katalonien trotzdem die meisten Stimmen bekommen. Wie passt das zusammen?
Ein Interview von Steffen Lüdke, Barcelona
Salvador Illa: »Ich bete auf Katalanisch, ich fluche auf Katalanisch. Aber mit meiner Frau spreche ich Spanisch«

Salvador Illa: »Ich bete auf Katalanisch, ich fluche auf Katalanisch. Aber mit meiner Frau spreche ich Spanisch«

Foto: Andreu Dalmau/EPA-EFE/Shutterstock

Alle gegen einen – so verläuft der Wahlkampf im spanischen Katalonien vor der Regionalwahl am Sonntag. Salvador Illa, bis vor ein paar Tagen noch Gesundheitsminister in Madrid, tritt für die Sozialisten an. Seither steigen die Umfragewerte für seine Partei massiv: Sie liegt nun gleichauf mit den Separatisten, in einigen führt sie sogar. In Spanien spricht man vom »efecto Illa« – vom Illa-Effekt also.

Der Kandidat Illa will die Gesellschaft nach Jahren des Konflikts einen. Seit dem Konflikt um das illegale Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 ist die Bevölkerung in Katalonien noch immer tief gespalten: Auf der einen Seite stehen die Anhänger der Separatisten, auf der anderen Seite die Spanientreuen. Noch immer sind mehrere Separatistenführer im Gefängnis.

Eines hat Illa bereits geschafft: Gegner und Befürworter der Unabhängigkeit attackieren nun vor allem ihn. Die separatistischen Parteien sehen sich von seinem Aufstieg dermaßen bedroht, dass sie schriftlich ausgeschlossen haben, mit ihm zu kooperieren. Selbst wenn Illa die meisten Stimmen erhalten sollte, könnte es schwer für ihn werden, eine Mehrheit im Parlament zu finden. Doch schon wenn er mit seiner Partei eine neue Regionalregierung nur unterstützen würde, könnte er den Katalonienkonflikt damit beruhigen.

Im Interview spricht Illa über seine Pläne für die gespaltene katalanische Gesellschaft – und seine eigene Identität.

SPIEGEL: Herr Illa, bis vor ein paar Wochen waren Sie als spanischer Gesundheitsminister dafür verantwortlich, die Pandemie einzudämmen. Gelungen ist Ihnen das kaum. In Spanien sind mehr als 60.000 Menschen an oder mit Corona gestorben, das Land durchlebt eine schreckliche dritte Welle. Trotzdem sind Sie kurz vor der Wahl in Katalonien der beliebteste Kandidat. Wie konnte das passieren?

Salvador Illa: Natürlich haben wir Fehler gemacht. Aber das ist allen passiert, auch den Verantwortlichen in Deutschland, dessen Bürger es nun gerade hart trifft. Als Gesundheitsminister habe ich mich immer bemüht, nach wissenschaftlichen Kriterien zu handeln und mit den autonomen Regionen Spaniens zu kooperieren. Mit der Pandemie macht man keine Politik. Ich kann mir vorstellen, dass die Wähler das zu schätzen wissen.

SPIEGEL: In Katalonien musste man in den vergangenen Jahren radikal sein, um eine Wahl zu gewinnen: entweder radikal für oder radikal gegen die Unabhängigkeit. Sie wirken nicht sehr radikal.

Illa: Ich bin radikal moderat! In der vergangenen Dekade ist es in Mode gekommen, sich vom politischen Gegner abzugrenzen, so sehr wie möglich zu polarisieren, eine Gruppe von Wählern eng an sich zu binden. Donald Trump war vielleicht der Höhepunkt dieser Entwicklung. Das Streben nach Unabhängigkeit spaltet die Bevölkerung, nicht einmal die Hälfte der Katalanen ist dafür. In zehn Jahren Katalonienkonflikt haben wir nichts erreicht: Das Projekt hat nur unserer Wirtschaft geschadet, dem Ansehen unserer Institutionen. Die Polarisierung ist nicht der richtige Weg und viele Katalanen bemerken das inzwischen. Wir müssen wieder zueinanderfinden. Es ist Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

SPIEGEL: Ihr Programm sieht nicht mal ein Referendum über die Unabhängigkeit vor. So eine Abstimmung, wie sie bald auch wieder in Schottland stattfinden könnte, wäre doch eine gute Möglichkeit, die Frage zu klären.

»Ich bin Katalane, Spanier und Europäer.«

Illa: Nein. Der große Unterschied ist, dass die Gesetze Großbritanniens ein Referendum unter bestimmten Bedingungen erlauben. In Spanien verbietet die Verfassung eine solche Abstimmung. Auch in Schottland ist das Problem im Übrigen nicht gelöst. Die Unterlegenen des Referendums von 2014 wollen einfach noch mal abstimmen.

SPIEGEL: Ihre eigene Partei befürwortete einst ein solches Referendum.

Illa: Und dann haben wir bemerkt, dass das Referendum nur eine Ausrede sein sollte, um ohne weitere Verhandlungen die Unabhängigkeit zu erklären. Meine Partei hat viel zu spät und viel zu unentschlossen auf die Kampagne der Separatisten reagiert. Ich bin aber nicht gänzlich gegen eine Abstimmung.

SPIEGEL: Was heißt das?

Illa: Eine breite Mehrheit spricht sich in Umfragen für mehr Selbstregierungsrechte aus, zum Beispiel bei der Verteilung von Steuergeldern. Die katalanischen Parteien könnten untereinander und mit dem Zentralstaat verhandeln – und die Bürgerinnen und Bürger die erweiterten Kompetenzen anschließend ratifizieren. Ein solches Referendum würde die Gesellschaft nicht spalten. Vielleicht muss dafür nicht mal die spanische Verfassung geändert werden.

Illa: »Ich habe mich mit Freunden gestritten«

Illa: »Ich habe mich mit Freunden gestritten«

Foto: Emilio Morenatti / AP

SPIEGEL: In Katalonien gibt es Familien und Freunde, die kaum noch miteinander reden, weil sie sich über die Frage der Unabhängigkeit zerstritten haben. Wie ist es bei Ihnen?

Illa: In meiner Familie ist das nicht passiert, aber ich habe mich mit Freunden gestritten.

SPIEGEL: Weil sie sich von Spanien abspalten wollen?

Illa: Ja, sie glauben, das sei das Beste für Katalonien. Ich spreche noch mit ihnen, aber zu dem ein oder anderen hat sich die Beziehung doch sehr abgekühlt.

SPIEGEL: Sie wollen Katalonien einen. Wie genau soll das in einer derart gespaltenen Gesellschaft funktionieren?

Illa: Zunächst müssen wir einander respektieren und akzeptieren, dass wir unterschiedliche Ziele verfolgen. Das ist in unserer Demokratie ausdrücklich vorgesehen. Wir müssen miteinander reden, natürlich innerhalb der Grenzen des Rechtsstaats, unserer Verfassung. Und dann müssen wir uns darauf konzentrieren, was uns eint, was uns allen wichtig ist: Wie stärken wir unser Gesundheitssystem? Wie bauen wir die Wirtschaft wieder auf? Was passiert mit dem Industriegebiet in Tarragona? Welche Art von Tourismus wollen wir in Zukunft haben?

SPIEGEL: Und das reicht aus, um die Beziehung zu Ihren Freunden zu retten?

Illa: Ich glaube schon. Ich muss ihnen zuhören und sie mir. Sie dürfen sich nicht katalanischer fühlen als ich, nur weil sie die Unabhängigkeit anstreben – und umgekehrt. Wir alle sind echte Katalanen. Kennen Sie den Film »Ocho apellidos vascos«? (»Acht Namen für die Liebe « in der deutschen Version, Anm. d. Redaktion)

SPIEGEL: Die Komödie, in der ein Andalusier in eine urbaskische Familie einheiratet?

Illa: Genau. Der Titel verweist auf die acht baskischen Nachnamen der Protagonistin, ihre gesamte Familie stammt aus der Region. In diesem Sinne habe ich acht katalanische Nachnamen. Mit meinen Eltern, mit meiner Tochter, mit meinen Brüdern spreche ich Katalanisch. Ich bete auf Katalanisch, ich fluche auf Katalanisch. Aber mit meiner Frau spreche ich Spanisch, weil wir uns auf dieser Sprache kennengelernt haben. Wenn unsere Fußballer Weltmeister werden, fühle ich mich als Spanier. Ich bin Katalane, Spanier und Europäer.

SPIEGEL: Und Sie glauben, dass man mit diesen Eigenschaften in Katalonien gewinnen kann?

Illa: Es ist der richtige Moment für jemanden wie mich. Zumindest können wir es uns nicht erlauben, keine Alternative anzubieten. Deswegen trete ich an.

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