Inhaftierte Frauenrechtlerin in Saudi-Arabien »Die EU und Deutschland sind direkt an diesem Fall beteiligt«

Seit zwei Jahren sitzt Loujain Alhathloul in Saudi-Arabien im Gefängnis. Ihr Verbrechen? Sie wollte Auto fahren. Nun soll ihr der Prozess gemacht werden. Hier spricht die Schwester über das Schicksal der jungen Frau.
Ein Interview von Raniah Salloum
Loujain Alhathloul bei einem früheren Versuch, von Saudi-Arabien in die Vereinigten Arabischen Emirate zu fahren

Loujain Alhathloul bei einem früheren Versuch, von Saudi-Arabien in die Vereinigten Arabischen Emirate zu fahren

Foto: Loujain al-Hathloul/ AP

Das Königreich Saudi-Arabien hat am Wochenende den G20-Gipfel virtuell ausgerichtet, das Treffen der reichsten Länder der Welt. Das saudische Königshaus nutzte die Gelegenheit, um sich als modern und weltoffen zu inszenieren.

Gleichzeitig wurde der Gipfel davon überschattet, dass Saudi-Arabien weiterhin führende Menschenrechtsaktivisten und Reformerinnen verfolgt. Zu ihnen zählt auch die in Haft sitzende Loujain Alhathloul.

Die 31-Jährige ist eine der bekanntesten Frauenrechtsaktivistinnen Saudi-Arabiens. Unter anderem protestierte sie gegen das Autofahrverbot für Frauen, das Kronprinz Mohammed bin Salman schließlich selbst aufheben ließ.

Trotzdem werden Alhathloul und andere Aktivistinnen verfolgt. 2018 wurde sie zwangsweise aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Saudi-Arabien zurückgebracht und sitzt seitdem dort in Haft. Am 26. Oktober hat sie einen Hungerstreik begonnen. Ihre Schwester Lina, 25, erzählt, was Alhathloul erlebt hat.

SPIEGEL: Frau Alhathloul, wie geht es Ihrer Schwester?

Alhathloul: Wir haben von ihr selbst noch immer keinerlei Neuigkeiten – seit Wochen. Wir rufen jeden Tag im Gefängnis an, aber sie sagen uns nichts. Loujain hatte am 26. Oktober einen Hungerstreik angefangen, um zu erreichen, dass sie wieder regelmäßig Besuch bekommen kann. Seit März wurde ihr das kaum noch erlaubt, angeblich wegen Corona, aber andere Gefangene dürfen Besuch bekommen. 

SPIEGEL: Wann soll ihre Gerichtsverhandlung stattfinden?

Alhathloul: An diesem Dienstag haben wir einen Anruf vom Gericht bekommen: Loujains Prozess soll am Mittwoch stattfinden. Ich bin sehr besorgt, ich weiß nicht, was wir von dem Prozess erwarten können. Es gab schon Verhandlungen, allerdings keine Verurteilung. Die Anklagepunkte lesen sich wie ihr Lebenslauf: Teilnahme an internationalen Konferenzen über die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien, Engagement für Frauenrechte und Kontakte mit europäischen Diplomaten – damit sind auch deutsche Diplomaten gemeint.

»Sie ist seit acht Monaten in Einzelhaft, wird ständig bedroht.«

Lina Alhathloul

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Alhathloul: Die EU und Deutschland sind direkt an diesem Fall beteiligt. Sie müssen Stellung beziehen und sagen, dass es kein Verbrechen ist, mit europäischen Diplomaten zu sprechen. Es ist völlig normal, dass diese sich auch mit der Zivilgesellschaft treffen. Doch Saudi-Arabien will, dass die Europäer nur mit Regierungsvertretern sprechen. Wie kann Deutschland Saudi-Arabien als Verbündeten betrachten, wenn das Land Treffen mit deutschen Diplomaten kriminalisiert?

SPIEGEL: Sie haben Saudi-Arabien vorgeworfen, Ihre Schwester gefoltert zu haben – Schläge, Elektroschocks, Peitschenhiebe. Geschieht dies weiterhin?

Alhathloul: Sie hatte uns erzählt, dass sie nicht im Gefängnis gefoltert wurde, sondern zu Anfang in einem inoffiziellen Kerker nahe dem Gefängnis. Jedes Mal, wenn wir wochen- oder sogar monatelang nichts von ihr hören, haben wir schreckliche Angst – wird sie wieder gefoltert? Auch im Gefängnis bekommt sie ja eine Sonderbehandlung: Sie ist seit acht Monaten in Einzelhaft, wird ständig bedroht. Das ist auch eine Form von Folter.