Studie von Save the Children Immer mehr Kinder werden zu Kämpfern

Sie leben inmitten von Gewalt, werden bedroht oder verstümmelt: Millionen Kinder weltweit leben in Konfliktgebieten. Viele von ihnen werden direkt in Kriege einbezogen, warnen Experten.
Kinder in Afghanistan schauen einen bewaffneten US-Soldaten an (Archivbild)

Kinder in Afghanistan schauen einen bewaffneten US-Soldaten an (Archivbild)

Foto: TAUSEEF MUSTAFA/ AFP
Globale Gesellschaft

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Sie leben inmitten von Minenfeldern, werden Opfer sexualisierter Gewalt oder lernen, ihre Mitschüler als Feinde zu sehen: Millionen Kinder weltweit leben in Konfliktgebieten, mit allen Konsequenzen. Im vergangenen Jahr sollen es rund 452 Millionen Mädchen und Jungen gewesen sein. Fünf Prozent mehr als noch im Vorjahr. Das ist das Ergebnis einer Studie von Save the Children. Die Untersuchung wurde gemeinsam mit dem Peace Research Institute Oslo (PRIO) erarbeitet.

Spielender Junge in Syrien: Noch immer ist der Nahe Osten von besonders vielen Konflikten betroffen

Spielender Junge in Syrien: Noch immer ist der Nahe Osten von besonders vielen Konflikten betroffen

Foto: Muhammed Said / Anadolu / Getty Images

193 Millionen Kinder lebten laut dem Bericht unter »gefährlichsten Lebensumständen« – so viele wie zuletzt vor zehn Jahren. Als solche Umstände versteht die Organisation das Leben in Konfliktgebieten mit mehr als 1000 Toten im zurückliegenden Jahr. Die Zahl entsprechender Auseinandersetzungen stieg laut Save the Children im vergangenen Jahr besonders stark an. Betroffen sind vor allem Länder in Afrika und im Nahen Osten, aber beispielsweise auch die Philippinen.

Ein Schwerpunkt der Untersuchung lag beim aktuellen Bericht deshalb auch auf der Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen für militärische Konflikte. Das Einbeziehen von Minderjährigen habe oft sehr unterschiedliche Facetten, so die NGO. Nicht nur reguläre Armeen, auch bewaffnete Gruppen nutzten verstärkt Kinder. In den meisten Konflikten seien davon deutlich mehr Jungen als Mädchen gefährdet. Alle Betroffenen litten jedoch ausnahmslos unter den Folgen.

»Kinder in Konflikten trifft es immer noch schwerer.«

Florian Westphal, Save the Children Deutschland

Während Jungen oft als Dienstboten, Aufseher oder menschliche Schutzschilde missbraucht würden, drohe Mädchen sexualisierte Gewalt oder der Einsatz als Selbstmordattentäterinnen. Oft zeichneten die gemachten Erfahrungen auch den weiteren Lebensweg vor. Viele Familien verstießen die Kinder. Nicht selten führten die Erfahrungen zu Drogenmissbrauch und psychischen Problemen: »Seelische und körperliche Beschwerden können ein Leben lang nachwirken«, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie.

»Wir müssen gemeinsam alles tun, um den Krieg gegen Kinder zu stoppen«, erklärte Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland anlässlich der Veröffentlichung. »Ob Covid-19 oder die Klimakrise mit allen Auswirkungen: Kinder in Konflikten trifft es immer noch schwerer. Für sie besteht ein großes Risiko. Dabei haben sie das Recht auf eine unbeschwerte Kindheit.«

Die Studienautoren verweisen auf die Schwierigkeit, zuverlässige Zahlen zu ermitteln. Ein großer Teil des Berichts beruht auf der Auswertung vorheriger Untersuchungen und auf Schätzungen. Aufgrund der Gefährlichkeit seien Beobachtungen vor Ort kaum möglich, heißt es im Vorwort. Und: »In der Regel ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

jpe
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