Drogensucht in Schottland »Heute werden drei Menschen sterben«

In Schottland wütet eine Drogenkrise. Peter Krykant kommt in seinem umgebauten Van den Süchtigen zu Hilfe. Er sagt: Die Regierung instrumentalisiert das Problem im Streit für die Unabhängigkeit von London.
Peter Krykant vor seinem Van: »Die Leute spritzen sich Drogen in den gleichen Gassen, wo ich es damals getan habe«

Peter Krykant vor seinem Van: »Die Leute spritzen sich Drogen in den gleichen Gassen, wo ich es damals getan habe«

Foto: Mark Gillies

Noch nie starben in Schottland mehr Menschen an Drogen. Mindestens 1264 waren es im vergangenen Jahr, vermelden offizielle Statistiken. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren, viermal so viele wie vor 20 Jahren – und dreimal so viele wie in England und Wales. Einem Bericht des britischen Unterhauses zufolge befindet sich Schottland gerade erst »in der Mitte« der Drogenkrise.   

Wie konnte es so weit kommen? Mit der sogenannten »Trainspotting«-Generation schoss ab den Achtzigerjahren die Zahl der Heroinsüchtigen in Schottland in die Höhe. Die Teenager von damals altern nun – und zwar schneller als Gleichaltrige. Ihre Körper vertragen die Substanzen immer schlechter, sie sind durch Krankheiten geschwächt. Der größte Anstieg an Todesfällen lag in den vergangenen Jahren in der Altersgruppe der 35- bis 54-jährigen, insgesamt machten sie zwei Drittel aller Drogentoten aus.

Das Hilfssystem sei chronisch unterfinanziert, sagt Andrew McAuley, Experte an der Glasgow Caledonian Universität. Nur etwa 40 Prozent der nach harten Drogen Süchtigen nehmen hier an Hilfsprogrammen teil, in England sind es rund 60 Prozent.

Für viele dieser Abhängigen geht es mittlerweile weniger um eine Perspektive als um das bloße Überleben. Ein Komitee zur schottischen Drogenkrise schlug dem britischen Parlament vor, »safe consumption rooms« zu errichten: Konsumstätten, in denen Abhängige in sicherer Umgebung Drogen nehmen können – und gerettet werden, sollten sie überdosieren. Bislang scheitert der Vorstoß an Rechtsfragen.

Die schottische Regierung verweist darauf, dass Konsumräume für illegale Drogen unter dem landesweiten Drogengesetz von 1971 nicht rechtens wären und eine Änderung in London entschieden werden müsste. Unabhängige Juristen und Experten für öffentliche Gesundheit dagegen verweisen auf eine Lesart des Gesetzes, die Fixerräume als legal einstuft.

Peter Krykant kann nicht weiter warten. Ab dem Alter von elf Jahren nahm er regelmäßig Drogen, bis in seine Zwanziger lebte er als Heroinabhängiger auf der Straße. Heute, mit 44 Jahren, setzt er sich für diejenigen ein, die keinen Weg in ein anderes Leben gefunden haben. Mit einem umgebauten Van fährt er seit September jeden Freitag durch Glasgow, um Abhängigen wenigstens für einen Moment Sicherheit zu bieten.

Die Sitze in Inneren sind mit Folien abgedeckt, Desinfektionsmittel und frische Nadeln liegen an zwei Plätzen bereit. Zwei Drittel der Süchtigen, die zu ihm kommen, bringen sich Kokain mit, der Rest spritzt Heroin. Manche nehmen beides gleichzeitig.

Krykant beim Reinigen des »Safe Consumption Van«

Krykant beim Reinigen des »Safe Consumption Van«

Foto: Mark Gillies

Krykant ist erschöpft. Die Todeszahlen zermürbten ihn, sagt er. Doch für sein Projekt würde er sogar ins Gefängnis gehen. Während des Videogesprächs zieht er immer wieder an einer elektronischen Zigarette, kocht sich einen Kaffee.

SPIEGEL: Bei der etwas strittigen Rechtslage – wie reagieren die Menschen in Glasgow auf Ihren Van?

Krykant: Sie alle profitieren davon, wenn keine benutzten Nadeln und Bestecke herumliegen. Wir werden freundlich begrüßt, auch von den Betreibern umliegender Geschäfte. Ein Anwohner bietet uns ab und zu warme Getränke an.

SPIEGEL: Wie kommen Sie dabei mit der Polizei klar?

Krykant: Sehr gut. Die Polizisten, die ihren Dienst in den betroffenen Teilen der Stadt tun, wissen ja, dass sich etwas ändern muss. Sie sehen das gleiche Elend seit Jahrzehnten und tolerieren meinen Einsatz. Nur einmal wollten sie den Van durchsuchen. Das konnte ich nicht zulassen, weil gerade mehrere Abhängige drin waren. So habe ich eine Verwarnung wegen Beamtenbehinderung bekommen. Aber mit dem Betreiben des Vans hatte das nichts zu tun. Und bei einer anschließenden Durchsuchung gab es nichts zu beanstanden.

SPIEGEL: Welche Schicksale gehen Ihnen besonders nahe?

Krykant: Es gibt da eine 20-jährige Frau, die fast immer zu mir kommt, seit sechs oder sieben Wochen. Sie hat eine hochgradig traumatische Vergangenheit, ist obdachlos und nimmt Heroin, seit sie 15 ist. Ihre Unterarme sind mit Zeichen der Selbstverletzung übersät, wie ich es noch nie gesehen habe. Jede Woche, wenn ich sie sehe, bin ich erleichtert. Natürlich nicht, weil sie sich in meinem Van Heroin spritzt. Sondern weil ich dankbar bin, dass sie überhaupt noch lebt. Am vorigen Freitag ist sie nicht gekommen, das hat mich die ganze Woche über beschäftigt.

Krykant: »In sicheren Konsumräumen muss niemand sterben«

Krykant: »In sicheren Konsumräumen muss niemand sterben«

Foto: Jeff F. Mitchell / Getty Images

SPIEGEL: Was für Hilfe bräuchte sie?

Krykant: Sie spritzt jeden Tag. Wenn wir in Glasgow sichere Konsumstätten hätten, wäre sie einer der Menschen, die sieben Tage die Woche dort Hilfe in Anspruch nehmen würden, statt auf der Straße zu fixen. So wissen wir nur von Freitag zu Freitag, wenn ich mit meinem Bus unterwegs bin, dass sie noch lebt.

SPIEGEL: Die Entkriminalisierung des Drogenkonsums steht immer wieder als Lösung zur Debatte.

Krykant: Von einer Legalisierung würden diejenigen profitieren, die Drogen nehmen, aber keine größeren Probleme damit haben. Die etwa mit geringen Mengen erwischt werden, und deswegen eine Anzeige erhalten. Für die wäre das praktisch. Aber den wirklich Hilfsbedürftigen hilft es nur, wenn das Geld, das ansonsten für Polizeikontrollen verwendet würde, in Hilfe fließt.

SPIEGEL: Sie selbst machten vor über 20 Jahren, mit Anfang 20, einen Entzug im Prinzessin Diana Zentrum. Was war damals der rettende Impuls?

Krykant: Mir wurden Chancen gegeben. Ich lebte auf der Straße in Birmingham, als die Regierung das dortige Programm für Wohnungslose finanziell stärker förderte. So bekam ich langfristige psychologische Hilfe und einen strukturierten Entwöhnungsplan, das hat mich gerettet. Ich konnte eine Auszeit an der Küste verbringen. Und ich konnte grundlegende Dinge lernen, die mir Struktur gaben.

SPIEGEL: Was zum Beispiel?

Krykant: Etwa, in einen Supermarkt zu gehen. Oder wie ich mir ein Frühstück machen kann. Ein Frühstück, das mich nährt, mit Toast und Eiern, Joghurt, Honig, solchen Sachen. Das kann ein erster Schritt sein. Wenn man seit seiner Teenagerzeit auf der Straße lebt, sind einem solche einfachen Dinge fremd. Man fühlt sich einsam und traurig, obwohl man in Wirklichkeit vielleicht hungrig ist.

SPIEGEL: Sie fanden anschließend einen Job, heute sind Sie verheiratet und haben zwei Kinder.

Krykant: Ich hatte Glück. Ich fand Arbeit in einem Callcenter, arbeitete mich innerhalb eines Jahres ins Management hoch und blieb acht Jahre lang bei der Firma. Meine Arbeitgeber waren fantastisch. Sie wussten von Anfang an über meine Vergangenheit Bescheid.

SPIEGEL: Haben sich die Bedingungen für Drogensüchtige seit Ihrer Zeit verbessert?

Krykant: Das ist das Frustrierende: Es ist genau wie damals. Die Leute spritzen sich ihre Drogen in genau den gleichen fürchterlichen Gassen, wo ich es damals getan habe. Es hat sich nichts getan.

Krykant mit der Polizei: »Sie kennen das Problem«

Krykant mit der Polizei: »Sie kennen das Problem«

Foto: Jeff F. Mitchell / Getty Images

SPIEGEL: Gestern haben Sie mit Ihrem Van vor dem schottischen Parlament für sichere Konsumräume protestiert. Mit Erfolg?

Krykant: Die schottische Regierung recycelt immer und immer wieder die gleichen Statements. Sie tut alles, um davon abzulenken, dass Schottland bei Weitem das schlimmste Drogenproblem Europas hat. Wir sprechen hier nicht über ein paar Tote, sondern von über 1200 im vergangenen Jahr. Und 2020 wird nicht besser gewesen sein.

SPIEGEL: Warum stellt sich die Politik dem Problem nicht?

Krykant: Die schottische Regierung instrumentalisiert die Krise offensichtlich im Kampf für die Unabhängigkeit. Das ist ihr Hauptanliegen. Ihr Argument ist, dass die Drogenpolitik in London entschieden würde – und erst wenn Schottland unabhängig sei, könne sie dem Problem beikommen. Aber England und Wales haben die gleichen Gesetze wie wir, dort ist die Situation deutlich besser. Schottlands Regierung trägt die komplette Verantwortung für das Desaster. Während der vergangenen 13 Jahre, in denen die Scottish National Party (SNP) an der Macht war, stiegen die Todeszahlen kontinuierlich an.

SPIEGEL: Was würde eine Unabhängigkeit denn bei der Drogenpolitik verbessern?

Krykant: Es würde so laufen wie mit dem Brexit. Selbst wenn wir nach der Wahl 2021 ein neues Unabhängigkeitsreferendum bekämen, würde es Jahre dauern, bis wir das Vereinigte Königreich verlassen würden. Und in jedem dieser Jahre würden weit über tausend Menschen sterben. Was mich wirklich wütend macht, ist, wenn Menschen in den sozialen Medien meine Kampagne an eine Unabhängigkeitskampagne andocken. Die Unabhängigkeit ist mir egal. Worum es mir geht, ist, dass heute in Schottland drei Menschen an Drogen sterben werden. Und das ist vermeidbar, weil in sicheren Konsumräumen niemand an einer Überdosis sterben muss.  

SPIEGEL: Aber die Aktion mit dem Van schafft Aufmerksamkeit, Sie finden immer mehr Unterstützer für Ihre Kampagne.

Krykant: Ja, kürzlich bei der Demonstration vor dem Parlament kamen mehrere Abgeordnete verschiedener Parteien raus und haben uns ihre Zustimmung bekundet. Darunter war ein Abgeordneter der Regierungspartei SNP, ein Konservativer, ein Liberaldemokrat und drei oder vier Labour-Abgeordnete. Es tat gut, diese parteiübergreifende Bestätigung zu erhalten. Ein Abgeordneter hat mal öffentlich 1000 Pfund gespendet, das war ein starkes Zeichen.

SPIEGEL: Und die Regierung?

Krykant: Unsere Regierungschefin Nicola Sturgeon wird sich nicht auf ein Podium stellen und über diese Toten sprechen, so wie sie jeden Tag über Corona-Tote spricht. Denn Corona kann jeden treffen, selbst in den wohlhabendsten Gegenden. Aber die Drogentoten kommen vor allem aus sozial schwachen Umgebungen. Die Krise dient der Politik gerade als Mittel, um für die schottische Unabhängigkeit zu kämpfen.

SPIEGEL: Aber zuletzt kam die für Sie gute Nachricht: Nicola Sturgeon hat Sie für Anfang Januar zu einem Gespräch eingeladen.

Krykant: Vermutlich möchte sie das Thema nun selbst in die Hand nehmen. Wahrscheinlich will sie einfach hören, was helfen könnte.

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