Schriftstellerin Gioconda Belli im Interview »Nicaragua wird von dieser Diktatur eingeschnürt und erdrückt«

In einer weltweit kritisierten Wahlfarce lässt sich Daniel Ortega als Präsident Nicaraguas bestätigen – seine Frau dient als Vize. Die Schriftstellerin Gioconda Belli bescheinigt dem Herrscherpaar Rachegelüste und Größenwahn.
Ein Interview von Klaus Ehringfeld
Nicaraguas Präsident Daniel Ortega und seine Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega und seine Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo

Foto: JORGE TORRES / EPA-EFE

Am Sonntag lässt sich Daniel Ortega in einer weltweit kritisierten Wahlfarce als Präsident Nicaraguas bestätigen. Es wird seit 2007 seine vierte Amtszeit in Folge sein. Ortegas Frau Rosario Murillo steht als Vizepräsidentin auf dem Wahlzettel. Sie hat das Amt formell seit 2017 inne, ist aber seit vielen Jahren engste Beraterin ihres Mannes und bestimmt die Politik des zentralamerikanischen Landes schon lange mit.

Ortega hat keine ernst zu nehmenden Gegner bei der Abstimmung. Zwischen Mai und Juli wurden 39 Politiker, Aktivisten der Zivilgesellschaft, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten festgenommen, darunter vor allem die sieben Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen, die ihm und seiner Frau gefährlich hätten werden können. Bevor der Wahlkampf beginnen konnte, war er schon wieder vorbei. Wenige Tage vor der Abstimmung zog der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell deren Rechtmäßigkeit in Zweifel.

Wer dem Zugriff der Machthaber im Frühjahr entkam, verließ das Land. Auch Gioconda Belli ging auf unbestimmte Zeit. Die Schriftstellerin ist seit Jahren eine scharfe Kritikerin des Herrscherpaares. Es ist ihr zweites Exil, nachdem sie Mitte der Siebzigerjahre bereits vor dem damaligen Diktator Anastasio Somoza geflohen war.

SPIEGEL: Im Jahr 2018 gab es in Nicaragua eine Rebellion gegen die Machthaber Ortega und seine Frau Murillo, die Menschen waren voller Hoffnung auf Veränderung und mehr Demokratie. Jetzt gibt es keinen sichtbaren Widerstand mehr. Das Land wirkt, als habe man ihm den Stecker gezogen. Was hat sich in den drei Jahren verändert?

Belli: Ich glaube, Nicaragua ist in einem Schockzustand. Nach der Repressionswelle von 2018 verarbeitet das Land noch die neuerliche Welle der Unterdrückung mit Dutzenden Festnahmen im Mai und Juni. Daniel Ortega und Rosario Murillo haben jetzt alle Skrupel verloren. Sie haben sich getraut, die oppositionelle Führung des Landes ins Gefängnis zu werfen und sogar ehemalige Kämpfer der Revolution, die in der Gesellschaft des Landes den Status von Helden haben. So wie Dora Maria Téllez, die berühmte »Comandante dos«. Das war schockierend.

Zur Person
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Gioconda Belli pendelt derzeit zwischen den USA, der Heimat ihres Mannes, und Spanien, wo sie gerade ihr neues Buch vorstellte und jetzt einen Job in einer kulturellen Einrichtung angenommen hat. Die Schriftstellerin geht mit 72 Jahren erneut ins freiwillige Exil. In einem Abschiedsgedicht schrieb sie: »Ich habe kein Zuhause mehr, ich klemme die Worte unter den Arm. Ich bin frei, auch wenn ich nichts habe.«

Mit 21 Jahren schloss sich die junge Belli dem Kampf gegen die Somoza-Diktatur an. Ihr internationaler Ruhm nahm in Deutschland seinen Anfang. »Bewohnte Frau« erschien zuerst auf Deutsch. Es war 1988 das erste Buch, das in Romanform den Kampf der Nicaraguaner gegen die Somoza-Diktatur und deren Sturz beschrieb.

SPIEGEL: Diese Angriffe gegen Oppositionelle sind selbst für die Ortega-Regierung ohne Beispiel...

Belli: Ja, und es schmeckt nach Rache. Nicht nur, dass diese Repression ohne Vorbild ist. Es sind dieses Mal auch die Familien der Gefangenen betroffen. Die Mutter der inhaftierten Politikerin Ana Margarita Vijil hat Krebs und darf nicht in Costa Rica behandelt werden. Man hat ihr den Pass einfach weggenommen. So haben sie es mit vielen Kritikern gemacht. Es herrscht eine Stimmung von extremer Vorsicht und Angst bis hin zur Panik bei den Menschen.

SPIEGEL: Ist es der Regierung also gelungen, mit Repression und Drangsalierung alle Widerstände zu brechen?

Belli: Das Land wird von dieser Diktatur eingeschnürt und erdrückt. Wer kann, der geht – allein seit Mai haben 40.000 Nicaraguaner ihr Land verlassen. Aber die Unzufriedenheit derjenigen, die bleiben müssen oder geblieben sind, ist riesig. Sie wird sich am Sonntag zeigen in der Weise, dass die Menschen nicht wählen gehen werden. Allerdings wird schon jetzt Druck auf die Staatsangestellten ausgeübt, dass sie an dieser Abstimmung teilnehmen müssen, um ihre Jobs nicht zu gefährden. Von ihnen wird ein Foto des Wahlzettels verlangt.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dieses harte Vorgehen gerade gegen Kandidaten und die Opposition seit diesem Sommer?

Belli: Es ist nicht zufällig, dass diese Repression jetzt so hart und grausam daherkommt, wo sich Rosario Murillo als »Co-Präsidentin« bezeichnen lässt. Anders als Ortega, der immer die Grenzen kannte, kennt sie diese nicht und ist von einem tiefen Hass beseelt. Sie handelt sadistisch gegen das nicaraguanische Volk und besonders gegen diejenigen, die sie für die Rebellion von 2018 verantwortlich macht. Sie will die Opposition beseitigen und eine Monarchie implementieren, in der das Herrscherpaar mit absoluter Macht regiert. Es ist eine neue Art von Doppeldiktatur. Sie haben nicht mal die moralische Autorität, die andere Regenten hatten, bevor sie Diktatoren wurden. Besonders schockierend ist, dass Ortega-Murillo einen esoterischen und falschen Friedensdialog pflegen, der nichts mit dem zu tun hat, wie sie handeln.

Fan-Shirt mit dem Konterfei von Machthaber Daniel Ortega

Fan-Shirt mit dem Konterfei von Machthaber Daniel Ortega

Foto: Getty Images

SPIEGEL: Wenn Sie einen Roman über den Zeitraum 2018 bis 2021 schrieben, welchen Titel würden Sie ihm geben?

Belli: Er müsste »Die Rache« heißen. Und es wäre eine Tragödie, eine große Tragödie. Es wäre ein Buch über ein Land, das in einer fast epischen Schlacht so viele Leben gegeben hat für seine Freiheit, um einen Diktator wie Somoza loszuwerden. Und nun ist es geschlagen mit einem Regentenpaar, das besessen ist von einem hartnäckigen Rachegelüst und Größenwahn. Was wir jetzt sehen, ist so schmerzhaft.

»Besonders schockierend ist, dass Ortega-Murillo einen esoterischen und falschen Friedensdialog pflegen, der nichts mit dem zu tun hat, wie sie handeln.«

SPIEGEL: Haben Sie jemals gedacht, dass die Revolution, für die Sie damals gekämpft hatten, irgendwann eine solche Wendung nehmen würde?

Belli: Natürlich hätte ich niemals gedacht, dass die Revolution einmal dahin kommt, wo sie jetzt ist. Es war ein langer, trauriger Weg bis hierhin. Und man fragt sich schon, wie Macht zu solchen Ergebnissen führen kann und warum sie mehr zerstört als aufbaut. Ortega-Murillo haben einen machiavellistischen Machtzirkel um sich herum aufgebaut. Viele aus der alten Revolutionsgeneration sind zwar unzufrieden, aber zu alt. Und so sind sie am Ende nicht mehr als Komplizen. Es ist ein so großer Verrat an der Hoffnung, die damals die Revolution in uns allen weckte.

Mitglieder der nicaraguanischen Armee überwachen die Abstimmung am Sonntag

Mitglieder der nicaraguanischen Armee überwachen die Abstimmung am Sonntag

Foto: OSWALDO RIVAS / AFP

SPIEGEL: Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation?

Belli: Im Moment zeichnet sich kein Ausweg ab. Aber es muss ihn geben. Ortega und Murillo regieren ein Land, das sie nicht will. 78 Prozent der Nicaraguaner glauben, dass die Wahl am Sonntag illegitim ist. Zwei Drittel würden für eine Kandidatin oder einen Kandidaten stimmen, die im Gefängnis sitzen. Die Unterstützung für Ortega fällt in sich zusammen. Diese Masse der Unzufriedenen wird irgendwann aufstehen und diesen Teufelskreis beenden müssen.

SPIEGEL: Was passiert nach dem 7. November?

Belli: Wichtig ist, dass die internationale Gemeinschaft nicht wegguckt, sondern die Stimme erhebt. Vielleicht kann sie die Situation im Land nicht unmittelbar verändern, aber sie kann den Tyrannen das Leben schwer machen. Und sie darf diese Abstimmung auf keinen Fall anerkennen und müssen neue, freie und sauber organisierte Wahlen fordern. Und sie muss die Institutionen wie die Polizei und das Militär ihre Komplizenschaft mit dem Regime teuer zu stehen kommen lassen.