Schwere Proteste im Libanon Randale am Abgrund

Die Straßenschlachten in Beirut sahen dramatisch aus. Doch in Wirklichkeit sind es nur Scheingefechte, während der Staat weiter in den Abgrund rutscht.
Aus Beirut berichtet Christoph Reuter
Proteste in Beirut: Woche des Zorns

Proteste in Beirut: Woche des Zorns

Foto: WAEL HAMZEH/EPA-EFE/REX

Ins Heulen der Krankenwagen-Sirenen mischten sich immer wieder Detonationen, die Menge der Demonstranten wogte vor und zurück - schutzsuchend vor Wasserwerfern und den Tränengasgranaten der hinter ihren Schilden verschanzten Einsatzpolizei. Beirut am vergangenen Wochenende, das klang nach Kampf. Seit Freitag waren Tausende aus anderen Städten des Libanon in die Hauptstadt gekommen, um sich nach drei Monaten auf- und abebbender Proteste zu einer "Woche des Zorns" zu sammeln. Allein am Samstagabend wurden 220 Menschen verletzt, nachdem Tausende in drei Märschen aufs Zentrum zugelaufen und sich in der Nähe des Parlaments stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei geliefert hatten.

"Revolutionäre! Freie Menschen! Wir werden weitermachen!", skandierten die Aufmarschierten, Männer wie Frauen, mehr junge, aber auch viele mittleren Alters. Steine flogen, Feuerwerkskörper, eine zentrale Kreuzung wurde mit brennenden Reifen blockiert. Unter Applaus wurden herausgerissene Türen, Paneele, ein Wächterhäuschen herangetragen, versuchten die Krawallbereiten sie als Schilde gegen die Polizisten einzusetzen.

Die schossen mit Tränengas und Gummigeschossen zurück. Ihr Versuch, Demonstranten abzudrängen, führte nicht zu Beruhigung, sondern ließ an immer neuen Orten Proteste aufflammen. Im Westen der Stadt gingen die Glasfassaden mehrerer Banken zu Bruch, im Osten traf es den Sitz der libanesischen Bankenvereinigung. Präsident Michel Aoun rief die Armee auf, endlich wieder Ruhe herzustellen, Interims-Premier Saad Hariri nannte die Krawalle "verrückt, verdächtig und unakzeptabel". 

Es klang, roch, sah aus wie der Auftakt zu einer Eskalation der Gewalt. 

Und doch: Je länger man blieb zwischen den Demonstrierenden, die vielfach martialisch mit Helmen, Gasmasken, Schutzbrillen angerückt waren, desto mehr Zwischentöne mischten sich in die Wut: Immer wieder wurden Randalierer, die Schaufenster privater Geschäfte einschlagen, Tische von Cafés als Barrikadenmaterial wegschleifen wollten, von anderen aufgehalten: "Keine Übergriffe auf Privateigentum!" Polizei und Banken seien die Gegner. 150 Meter hinter den Straßenschlachtszenen im Tränengasnebel standen die ersten Wägelchen mit gedünsteten Maiskolben, die Kaffeeverkäufer, Flaggenhändler und anderen Marketender des anhaltenden Volkszorns. 

Importeure warnen vor Zusammenbruch der Versorgung

Die Proteste, so laut sie am Wochenende auch gewesen sind, waren noch keine Kampfansage an die Verursacher des nahenden Staatsbankrotts und Wirtschaftskollapses. Es wirkt, als begnügten die Protestler sich damit, die Symbole des Niedergangs anzugreifen, und die Staatsmacht damit, Tränengas zu verschießen. Als umtänzelten sich beide Seiten, weil alle zu viel Angst haben vor dem wirklichen Konflikt.

Dabei gäbe es genügend Gründe, nun wirklich alarmiert zu sein: Das libanesische Pfund hat seit Oktober etwa 60 Prozent seines Werts verloren, was sich im Land, das fast alles für Dollar importieren muss, in stetigen Preiserhöhungen niederschlägt. Die Vereinigungen der Importeure von Benzin, Getreide, Medikamenten warnen immer dringlicher vor einem Zusammenbruch der Versorgung. Am Freitag legten Ärzte überall im Libanon die Arbeit nieder, zogen in Beirut durch die Innenstadt, riefen "Revolution" und warnten vor einem Stillstand in wenigen Wochen.

Die Politiker scheitern an der Blockade der alten Machtblöcke

Der größte Internetanbieter hat angekündigt, binnen zwei Monaten den Betrieb einzustellen, wenn die Lage sich nicht ändert, ebenso eine der großen Malls in einem Vorort Beiruts. Dort allein würden 500 Menschen arbeitslos, im ganzen Land haben Tausende ihre Jobs verloren. Internationale Ratingagenturen haben den Libanon auf CCC heruntergestuft, Tendenz fallend - auch wenn es da nicht mehr viele Kategorien gibt. "Potenzielle Reformen mögen nicht ausreichend sein, eine grundlegende Lösung der enormen finanziellen und wirtschaftlichen Verwerfungen zu finden", erklärte die Agentur S&P ihre Abstufung. 

Und Libanons Politiker? Das Technokratenkabinett, das der Universitätsprofessor und ehemalige Bildungsminister Hassan Diab nach Hariris Rücktritt bilden sollte, scheitert seit Dezember an der Blockade der alten Machtblöcke. Die fürchten um ihre Pfründe und Unantastbarkeit und streiten sich um Posten in der neuen Regierung. Da sind sich Sunniten, Drusen, Christen einmal einig. Ausgerechnet die schiitische Hisbollah, die sich mit eigenen Streitkräften wie ein Staat im Staat gebärdet, zeigt sich im Moment als pragmatischste Kraft und setzt auf Diab. Doch bis Montag früh gab es noch keine Ernennung Diabs, geschweige denn ein handlungsfähiges Kabinett. 

Ungewöhnlich undiplomatisch mahnt selbst der Uno-Gesandte für den Libanon, Jan Kubis, seit Wochen, die Fraktionen müssten sich endlich auf die Bildung einer "kompetenten, integren, vertrauenswürdigen" Regierung verständigen. Vergeblich. Resigniert twitterte er am Wochenende nur noch: "Ein weiterer Tag ohne Regierung, eine weitere Nacht der Gewalt und Zusammenstöße."

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