Rassismus in der Techszene So viel Geld bekommen weiße Gründer in Afrika – und so viel Schwarze

Die kenianische Start-up-Szene wird oft als Silicon Savannah bezeichnet. Doch dort brodelt es derzeit: Viele schwarze Gründer fühlen sich benachteiligt – ein französischer Unternehmer hat kürzlich ihren Unmut abbekommen.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Das i-Hub-Center in Nairobi: Die kenianische Hauptstadt wird auch als Silicon Savannah bezeichnet

Das i-Hub-Center in Nairobi: Die kenianische Hauptstadt wird auch als Silicon Savannah bezeichnet

Foto: Waldo Swiegers / Bloomberg / Getty Images
Globale Gesellschaft

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»Kenyans on Twitter«, kurz KOT, sind eine nicht zu unterschätzende Macht. Hat sich die kenianische Twitter-Community einmal auf ein Ziel eingeschworen, gibt es keine Gnade. Das hat auch Robin Reecht zu spüren bekommen, der französische Gründer des Start-ups Kune. Kune will in der Hauptstadt Nairobi einen Onlinelieferdienst für günstige Mahlzeiten etablieren. Recht unverfänglich – auf den ersten Blick.

Doch das Problem begann, als Gründer Reecht der Plattform TechCrunch ein Interview  gab. Kune hatte gerade mehr als eine Million US-Dollar von Investoren eingeworben, um das Unternehmen im großen Maßstab an den Start zu bringen. Im Interview wird Reecht wie folgt zitiert: »Als ich drei Tage in Kenia war, habe ich rumgefragt: Wo kann ich gutes Essen zu günstigen Preisen bekommen? Alle haben mir gesagt, das sei unmöglich.« Entweder bekomme man Essen an der Straße, was sehr günstig, aber qualitativ nicht sehr gut sei. Oder man bestelle bei Lieferdiensten zu einem hohen Preis.

Es dauerte nicht lange, da nahmen sich die KOT dieser Zitate an. Denn die junge, selbstbewusste kenianische Mittelschicht reagiert sehr allergisch auf Weiße, die mutmaßlich versuchen, ihnen die Welt zu erklären. Oder das lokale Essen kritisieren. Beides zusammen ergibt eine toxische Mischung. »Was zur Hölle soll dieser Unsinn?«, fragte ein Nutzer. Eine andere schrieb: »Ich bin immer noch baff über die Dreistigkeit, dass jemand eine Million Dollar bekommt, um Essenslieferungen in Nairobi zu ›erfinden‹.« Denn in der kenianischen Hauptstadt liefern Motorradtaxis so ziemlich alles so ziemlich überallhin.

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Schnell wurde die Diskussion grundsätzlicher, drehte sich um White Privilege, also das Privileg weißer Gründer in der Szene. »Das zeigt, dass die Finanzierung eine Clique hat, … diese Clique ist weiß, diese Clique ist männlich … «, postete eine Nutzerin. Die Wirtschaftsnachrichten-Seite Quartz berichtete über den Fall , das Start-up Kune musste sich entschuldigen: »Unser Gründer hat sich versprochen. Wir lieben Streetfood …, und wir lieben die kenianische Esskultur.« Der Schaden war da längst angerichtet.

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Die Wut, die sich an Kune entlud, scheint tiefer sitzende Ursachen zu haben. Laut der Beratungsfirma Viktoria Ventures stammen in Kenia gerade einmal sechs Prozent der Gründer, die mehr als eine Million US-Dollar für ihre Start-ups einwerben konnten, aus dem ostafrikanischen Land. Wer hier als Gründerin oder Gründer viel Geld einwirbt, kommt in den meisten Fällen aus den USA oder Europa: weißes Kapital für meist weiße Gründer – das gilt auch auf dem afrikanischen Kontinent, im sogenannten Silicon Savannah.

Viele kenianische Gründer wenden deshalb eine erprobte Taktik an, offen darüber reden will jedoch kaum jemand: Um an Geld von Investoren zu kommen, suchen sie »weiße Gesichter«, die auf der Firmenwebsite und bei Pitches präsentiert werden. Das hat auch Stefan Kremer erkannt, ein deutscher IT-Freiberufler, der in Kenia aktiv ist. Er ist sich seiner eigenen Privilegien bewusst – und wollte damit satirisch umgehen. Kremer gründete die Seite Hire-a-Mzungu , Miete-einen-Weißen. Er bietet als vermeintliche Dienstleistung mehrere Pakete an, vor der einfachen Namensnennung bis hin zum weißen Rundum-sorglos-Paket.

»Tatsächlich haben sich einige gemeldet, die ganz ernsthaft gesagt haben: Ich habe hier eine Geschäftsidee, aber finde keine Investoren. Kann ich dich buchen? Wir brauchen dein weißes Gesicht auf unserer Seite. Das zeigt doch, dass das Problem offenbar ganz real ist«, sagt Kremer. Er will sich nun mit einigen Interessenten zusammensetzen und sie bei der Suche nach Investoren unterstützen.

Viele afrikanische Start-up-Unternehmerinnen und -Unternehmer wollen lieber nicht zitiert werden, zu groß ist die Sorge vor möglichen Konsequenzen. Einige sprechen von einer »digitalen Kolonialisierung«, die es aufzuhalten gelte. Viele bestätigen Fälle, in denen schwarze Gründer Weiße an Bord geholt haben, um leichter an Geld aus Europa oder den USA zu kommen. »Von Schwarzen wird nicht erwartet, dass sie Großes erschaffen«, sagt einer. »Aber wir haben jetzt die Möglichkeit, das zu ändern.«

Sesinam Dagadu gehört zu denen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Er lebt in London und in Ghanas Hauptstadt Accra, hat ein Start-up zur Übermittlung von Adressen gegründet. »Wenn ich aus Ghana anrufe, erlebe ich ganz andere Reaktionen, als wenn ich aus London anrufe«, erzählt er. Oft stecke kein gezielter Rassismus dahinter, eher unbewusste Vorurteile. »Es gibt eine Hierarchie: Der weiße Investor, dann der weiße Unternehmer in Afrika, dann erst kommt der einheimische schwarze Unternehmer«, sagt Dagadu.

»Das spiegelt in keiner Weise die Bevölkerung wider«

Oft bekämen Konkurrenten nach einer einzigen Powerpoint-Präsentation mehr Fördergelder als seine Firma in drei Jahren zusammen. »Aber das große Problem ist: Gründer, die die Situation vor Ort nicht verstehen, bekommen das Geld. Wenn sie dann scheitern, heißt es: In Afrika kann man kein Geschäft aufbauen«, sagt Dagadu. Er hat einen konkreten Lösungsvorschlag: Die großen Investoren sollten jemanden nach Afrika schicken, der dann einheimische Gründer vor Ort unterstützt. So könnten beide Seiten profitieren.

Auch Maxime Bayen will die Start-up-Landschaft in Afrika verändern, er arbeitet für ein Programm , das innovative Gründer unter anderem in Kenia, Nigeria und Südafrika finanziert und unterstützt. »Wir müssen aufpassen, dass wir nicht den falschen Kampf führen«, sagt er. Nämlich die Wut gegen die erfolgreichen Gründer zu richten – und nicht gegen die Investoren. Denn es gebe sehr viele Gründerinnen und Gründer aus dem globalen Norden mit guten Ideen, die große Wirkung erzielten. »Dafür können wir ihnen nicht die Schuld geben. Ein Mentalitätswandel muss insbesondere bei den Investoren stattfinden. Leider gibt es Belege dafür, dass diese eher Menschen aus ihrem Netzwerk unterstützen, mit den gleichen sozioökonomischen Hintergründen.« Heißt in der Praxis: vor allem weiße Gründer.

Bayen hat sich die Universitätsabschlüsse der Gründer kenianischer Start-ups angeschaut. Das Ergebnis: Nur 18 Prozent haben einen kenianischen Abschluss , der Rest besuchte Hochschulen vor allem in den USA und der EU. »Das spiegelt in keiner Weise die Bevölkerung wider«, sagt er.

Oft stecke dahinter keine böse Absicht, eher fehlender Zugang zu den Gründern und Kreativen vor Ort. »Sieben von zehn Investoren, die mehr als 100.000 US-Dollar in Afrika investieren, haben ihren Sitz außerhalb des Kontinents. Sie müssen wir mit den Talenten in Afrika in Kontakt bringen«, fordert Bayen. »Momentan ist das Signal an den lokalen Nachwuchs eher: Erfolgreiche Start-up-Unternehmer sehen nicht so aus wie ihr. Das müssen wir ändern.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.