Corona-Vorbild Singapur Das Musterland kommt ins Straucheln

Zu Beginn schien Singapur die Epidemie so gut im Griff zu haben wie kaum ein anderer Staat. Inzwischen hat es sich aber in ein asiatisches Epizentrum verwandelt. Das vergleichsweise unbeeinträchtigte Leben ist vorbei.
Infektionsherd: Wanderarbeiter im Singapurer Wohnheim S-11

Infektionsherd: Wanderarbeiter im Singapurer Wohnheim S-11

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EDGAR SU/ REUTERS

Die Botschaft war ernüchternd, doch Singapurs Premierminister war sie offenbar so wichtig, dass er seine TV-Ansprache gleich drei Mal hintereinander hielt: auf Englisch, Malaiisch und Mandarin. Kein Einwohner des multiethnischen Stadtstaats sollte später behaupten können, er habe ihn nicht verstanden.

"Unsere Fallzahlen sind steil angestiegen", sagte Lee Hsien Loong. Der Shutdown der Stadt, erst vor gut zwei Wochen verhängt, werde nicht wie erhofft Anfang Mai beendet, sondern bis Juni verlängert. "Wir alle müssen nun Schutz suchen", sagte Lee.

In seiner Rede am Dienstag beschrieb der Regierungschef die betrübliche Wende, die der Kampf gegen Covid-19 in dem südostasiatischen Kleinstaat genommen hat. Der Ansatz des so autoritär wie effizient regierten Singapurs galt monatelang als Musterbeispiel dafür, wie eine Nation selbst in Zeiten der Pandemie ein halbwegs freies Leben aufrechterhalten kann, weil sie vermeintlich von Anfang an alles richtig gemacht hat.

Infektionen innerhalb eines Monats verzwanzigfacht

Inzwischen steigt die Kurve jedoch auch in Singapur exponentiell. Innerhalb eines Monats hat sich die Zahl der bestätigten Infektionen auf heute gut 11.000 mehr als verzwanzigfacht. Kein Land in Südostasien hat so viele Fälle registriert.

Die Entwicklung in Singapur untergräbt die populäre Hypothese, wonach sich der Erreger in tropischem Klima kaum ausbreite. Das ist keine ermutigende Nachricht für viele Länder des Südens, die bisher augenscheinlich weniger stark betroffen sind.

Nicht zuletzt sendet sie eine Warnung an Länder, die den Ausbruch mit einigem Erfolg verlangsamt haben und nun mit einer allmählichen Öffnung liebäugeln: "Ich rate zu großer Vorsicht", sagt Leong Hoe Nam, ein Experte für Infektionskrankheiten am Mount Elizabeth Novena Hospital in Singapur, der die Regierung berät. "Schaut nach Singapur: Wir haben das Erreichte sehr schnell verloren, in einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen. Wenn das bei uns geschehen kann, ist es auch in Deutschland möglich."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Schon am 23. Januar, dem Tag der Abriegelung Wuhans, hatte Singapur einen ersten Fall verzeichnet. Doch weil die Regierung früh Einreisebeschränkungen erließ, rigoros testete, eine Tracing-App einführte und Infizierte strikt isolierte, blieben die Zahlen bis Ende Februar im zweistelligen Bereich. Restaurants, Schulen und Shoppingmalls durften den Betrieb aufrechterhalten. Nicht übermäßig beunruhigt, waren viele Singapurer wohl auch nicht allzu streng mit sich, was die Vermeidung physischer Nähe anging. Ohnehin hatte die Regierung gemahnt, Gesichtsmasken dem medizinischen Personal zu überlassen.

Im März jedoch ließ eine Rückreisewelle die Zahl der importierten Fälle ansteigen. Immer öfter ließen sich die Infektionsketten nicht mehr nachverfolgen. Vor allem entpuppte sich eine Bevölkerungsgruppe als besonders gefährdet, die in normalen Zeiten keine große Aufmerksamkeit erfährt: Wanderarbeiter aus Indien, Bangladesch  oder China . Unter Singapurs sechs Millionen Einwohnern sind rund eine Million Ausländer mit Arbeitserlaubnis. Allein 300.000 davon arbeiten als Niedriglöhner in der Baubranche, mehr als 200.000 von ihnen sind in Wohnheimen untergebracht.

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Singapurs Wanderarbeiter unter Quarantäne

Foto: Suhaimi Abdullah/ Getty Images

Zuerst wurde am 30. März ein Infektionscluster im Wohnheim S-11 im Stadtteil Punggol identifiziert. Das gute Dutzend langgestreckter, eng beieinanderstehender Gebäude liegt im Norden Singapurs, fernab der mondänen Südspitze der Insel mit ihren Wolkenkratzern und Touristenattraktionen. In rascher Folge meldeten weitere Heime Fälle.

Bis zu 20 Männer auf einem Zimmer

Singapurs Stadtplanungsbehörde verpflichtet Betreiber der Heime, pro Bewohner gerade mal 4,5 Quadratmeter Fläche vorzuhalten. Laut der NGO Transient Workers Count Too (TWC2)  teilen sich üblicherweise zwölf bis 20 Männer ein mit Doppelstockbetten ausgestattetes Zimmer sowie Küche und Toilette. "Unsere Bauvorschriften haben das Epidemierisiko erst geschaffen", klagt TWC2. Um der Enge zu entgehen, treffen sich Arbeiter aus verschiedenen Heimen gern außerhalb, etwa im Mustafa-Einkaufszentrum im belebten Bezirk Little India, wo sich viele Infektionsketten kreuzten.

Zudem werden die meisten Arbeiter pro Tag bezahlt - wer sich krankmeldet und zuhause bleibt, bekommt keinen Lohn. "Es war eine Zeitbombe", sagt der Arzt Leong. "Unter diesen Bedingungen verbreitet sich das Virus perfekt."

So entfielen von den allein am Mittwoch gemeldeten 1016 Neuinfektionen 999 auf Wanderarbeiter. Würde Singapur nicht so ausgiebig testen, wären viele der Fälle wohl gar nicht aufgefallen, denn die große Mehrzahl der zumeist jungen und kräftigen Männer zeigt bisher nur milde oder gar keine Symptome. Inzwischen hat die Regierung mindestens 21 der 43 Heime unter Quarantäne gestellt.

Auf Social Media berichteten eingeschlossene Arbeiter, sie bekämen kostenlose Mahlzeiten und Internetzugang. "Wir werden für euch sorgen wie für Singapurer", hatte Premier Lee ihnen versprochen. "Wir kümmern uns um eure Gesundheit, euer Wohlergehen und euren Unterhalt." Mit den Arbeitgebern wolle er aushandeln, dass Löhne weitergezahlt würden.

An den beengten Wohnverhältnissen, die sich als Infektionsherde erwiesen, ändert dieser gute Wille indes nichts. "Dieses Problem wird nicht einfach zu lösen sein", sagt Leong. "Dafür müssten wir das gesamte System umbauen, wie wir mit Wanderarbeitern umgehen."

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