Sipri-Jahresbericht Atommächte stationieren mehr Sprengköpfe

Nach Schätzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri gibt es weltweit zwar weniger Atomwaffen. Besorgt sind die Experten dennoch: Kernwaffen spielten in strategischen Überlegungen eine zunehmend wichtige Rolle.
Militärparade in Indien (Januar 2012)

Militärparade in Indien (Januar 2012)

Foto: Saurabh Das/ AP

Geschätzte 13.080 Atomwaffen gibt es derzeit weltweit. Das sind zwar rund 320 weniger als vor einem Jahr – allerdings hat die Zahl der bei Truppen stationierten Sprengköpfe zugenommen. Zu diesem Ergebnis kommt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in seinem Jahresbericht 2021.

Waren Anfang 2020 noch 3720 Atomwaffen mit Streitkräften stationiert, sind es in diesem Jahr 3825. Knapp 2000 dieser Waffen befinden sich demnach im Zustand hoher, also auch kurzfristiger, Einsatzbereitschaft; fast alle davon gehören Russland oder den USA.

Die Waffen werden modernisiert

Gemeinsam verfügen die beiden Mächte laut Sipri über mehr als 90 Prozent aller Atomwaffen auf der Welt. Die Forscher stützen ihre Schätzungen auf öffentlich zugängliche Quellen wie Dokumente und Mitteilungen von Ministerien sowie Haushaltspläne und -berichte. Sowohl Russland als auch die USA haben dem Bericht zufolge »umfassende Programme« in Gang gesetzt, um ihre Sprengköpfe, Raketen, Flugzeuge und Produktionsstätten zu modernisieren.

Zwar hätten beide Staaten ihr Gesamtarsenal weiter reduziert, indem sie ausrangierte Sprengköpfe zerlegten, so die Autoren des Jahresberichts. Allerdings hätten Russland und die USA bis Jahresbeginn jeweils rund 50 weitere Atomsprengköpfe stationiert.

Der Sipri-Forscher Hans M. Kristensen sieht in den jüngsten Entwicklungen einen Grund zur Sorge. Der Abwärtstrend bei der Größe der Atomarsenale, der seit dem Ende des Kalten Kriegs zu beobachten sei, stocke nun womöglich.

Die Verlängerung des New-Start-Vertrags durch die USA und Russland zu Jahresbeginn habe laut Kristensen zwar für Entlastung gesorgt. »Doch die Aussichten auf weitere bilaterale Nuklearwaffenkontrolle zwischen den Atom-Supermächten bleiben schlecht«, sagt der Forscher. Vielmehr sei zu beobachten, dass Atomwaffen in den strategischen Überlegungen der beiden Staaten eine zunehmend wichtige Rolle spielten.

Auch andere Atommächte investieren in neue Waffensysteme

Auch die anderen sieben Staaten, die über Atomwaffen verfügen, entwickeln oder stationieren laut dem Bericht neue Waffensysteme oder haben ihre Absicht kundgetan, dies zu tun. Dazu gehören neben Russland und den USA: Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea.

Großbritannien sei zu Jahresbeginn von einer auf Reduzierung seines Atomwaffenarsenals gerichteten Politik abgekehrt, heißt es in dem Bericht. Stattdessen haben das Land seine Höchstgrenze für Kernwaffen angehoben: von 180 auf 260. Derzeit verfügt es den Schätzungen zufolge über insgesamt 225 Atomwaffen verglichen mit 215 im vergangenen Jahr.

Auch China befinde sich in einer Phase der »bedeutsamen Modernisierung und Expansion seines Atomwaffenbestands«, schreiben die Autoren des Berichts. Zu Jahresbeginn verfügte das Land demnach über 350 Sprengköpfe – 30 mehr als im vergangenen Jahr.

Indien und Pakistan scheinen ihre Arsenale zu erweitern. In den Beständen Frankreichs und Israels gab es laut Sipri hingegen keine nennenswerten Veränderungen.

Für Nordkorea weisen die Forscher auf eine äußerst unsichere Datenlage hin. Das Atomwaffenprogramm des Landes gilt als äußerst undurchsichtig. Die Forscher gehen von 40 bis 50 Nuklearwaffen aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.